Re:publica08: Nach Open Software nun Open Hardware?

Re:publica08: Nach Open Software nun Open Hardware?

Kristian Kißling
03.04.2008

Bei einem Treffen zum Thema Open Hardware am gestrigen Abend diskutierte eine kleine runde von Leuten auf Initiative von Jürgen Neumann - einem der Gründerväter von Freifunk - ob und wie sich das Konzept von Open-Source-Software auch auf Hardware übertragen lässt. Hintergrund: Neumann fährt demnächst zum OpenTechSummit nach Taiwan und will mit Hardware-Herstellern über eine mögliche Kooperation reden.

Er versteht unter Open Hardware die Veröffentlichung sämtlicher Spezifikationen für die Hardware-Komponenten und die Möglichkeit, die Komponenten ohne die Zahlung von Lizenzgebühren nachzubauen.

Studenten und freie Entwickler sollen die Spezifikation für die Hardware konzipieren, Firmen in Asien sollen sie bauen und vor allem Entwicklungsländer wären die Abnehmer. Neumann gab allerdings auch zu bedenken, dass sich beispielsweise die Produktion von Wireless Accesspoints im unteren Preissegment für Hardware-Hersteller erst lohnt, wenn es dafür mehr als 500.000 Abnehmer gibt, glaubt aber, dass diese Menge an Interessenten global existiert.

Während sich vermutlich Studierende finden, um die offene Hardware zu konstruieren, sei der schwierigste Punkt die Hardware-Hersteller zu überzeugen, das System auch zu bauen. Allerdings hätten bereits einige Hersteller Interesse bekundet, daher die Reise nach Taiwan. Einen Überblick zum Thema gibt unter anderem diese Wiki-Seite, das Projekt selbst verfügt ebenfalls über ein Wiki.

Kommentare
Re: Re:publica08: Nach Open Software nun Open Hardware?
GoaSkin , Samstag, 05. April 2008 14:56:23
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Das Konzept ist nicht neu und hatte in der Vergangenheit eher mäßigen Erfolg.

IBM und Motorola bauten in der Vergangenheit eine Vielzahl individueller Prozessoren und Brückenchips, die zwar meist auf die PPC-Architektur aufbauen, aber z.T. auf spezielle Einsatzgebiete ausgelegt waren. Nicht nur um zu zeigen, was man mit diesen Chips anfangen kann sondern auch, um potentiellen Großkunden die Herstellung von Platinen zu erleichtern, die auf diese Chips aufbauten, lieferten die Hersteller umfangreiche Anleitungen zum Bau von Referenz-Hardware - z.T. legten sie Baupläne für die Konstruktion weiterer Brückenchips offen. Letzendlich hatte sich aber das Konzept nie bewährt. Für die PPC-Referenzplatform CHRP gab es lange Zeit überhaupt niemanden, der sich dafür interessierte. Irgendwann kam Amiga INC. auf die Idee, auf CHRP-Basis einen neuen Amiga zu entwickeln und kurz später produzierten Terrasoftsolutions und Genesi ebenfalls ähnliche Motherboards. Zwei Hersteller produzierten Northbridge-Chips gemäß Spezifikationen, wobei es nur einem gelang, einen marktfähigen Chip fertigzubekommen.

Letzendlich konnte IBM aber nicht von diesem Konzept profitieren. Alle drei Boards wurden von kleinen Firmen produziert, die sehr lange Zeit brauchten, um diese zu entwickeln. Bis zur Markteinführung waren sie veraltet. Sie wurden in geringer Stückzahl produziert und bald wieder eingestellt. Zu dem kam es aus irgend einem Grund, daß IBM für die Fehler des in die ersten Serien verbauten North bridge Chips April von May Logic haftete.

Hardware muß nicht nur erfunden werden sondern auch die Kompetenz zum Produktreifen Bau nach Anleitung vorhanden sein. Und damit haben es wohl einige Hersteller, die aufgrund offener Spezifikationen in das Geschäft einsteigen können offenbar zum Teil schwer.


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Re: Re:publica08: Nach Open Software nun Open Hardware?
Kristian Kißling, Montag, 07. April 2008 08:12:19
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Hallo GoaSkin,

ich hab Jürgen Neumann angeschrieben und vielleicht äußert er sich auch zum Thema. Momentan befindet sich das Projekt noch in der Diskussionsphase, aber sicherlich muss ein funktionierendes Open-Hardware-Projekt aus vergangenen Fehlern lernen.

Viele Grüße
Kristian


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Re: Re:publica08: Nach Open Software nun Open Hardware?
Kristian Kißling, Donnerstag, 10. April 2008 11:30:03
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Hi, Jürgen Neumann hat sich die Zeit genommen, per Mail zu antworten:
Na klar, die Idee ist nicht neu, das ist mir klar. Ich bin dankbar für die Schilderung jedweder Beispiele zu diesem Thema, ob diese nun erfolgreich waren oder nicht. OpenHardware ist sicherlich kein leichtes Unterfangen und man wird in jedem einzelnen konkreten Fall prüfen müssen, wo die Probleme liegen und ob/wie diese gelöst werden können. Je nach Komplexität gibt es eine Vielzahl von Punkten zu berücksichtigen, die insbesondere für jüngere Unternehmen schnell zur Stolperfalle werden könnten. Derzeit sieht es aber so aus, dass eher etablierte Hardware-Hersteller Interesse zeigen. Sie bringen die notwendige Erfahrung im Bereich Design und Produktion mit. Ihr Benefit besteht m.E.n. vor allem in folgenden Punkten:

1. Auslagerung der Software-/Firmware-/Treiber-Entwicklung und Fokussierung auf die Kernkompetenzen (HW-Design/Produktionsdesign/Fertigung)
2. Auslagerung von Teilen der F&E und Produktentwicklung in die Community oder zu externen Kunden-Unternehmen
3. Preisreduzieung durch Produktion von einheitlichen Hardware-Plattformen/-Komponenten in höheren Stückzahlen für verschiedene Produkte/Kunden
4. kostengünstigere Produktion von Schlüsselkomponenten für die Komplettierung der eigenen Produkt-Palette durch Mehrfachverwendung und Eigennutzung des Designs
5. Kosteneinsparung durch Wegfall teurer Lizenzgebühren (Hardware/Software)
6. Nutzen der viralen Marketingeffekte und der Innovationskraft der Community


Ein gutes Beispiel sind WLAN-/DSL-Router, die in hohen Stückzahlen für viele verschiedenen ISPs dieser Welt hergestellt werden. Im Prinzip geht es immer um das gleiche Produkt. Es könnten enorme Synergien und Einsparungen erzielt werden, wenn nicht jeder hier sein eigenes Süppchen kochen würde. Ein Problem: der relativ kurze Produktlifecycle der Chips (vor allem WLAN/DSL). Die dazugehörige Software, die z.Zt. quasi jedesmal von irgendeiner "Buzze" komplett neu ("closed-source") entwickelt wird, ist durch die kurzen Entwicklungszeiten und den starken Konkurrenzkampf oft sehr buggy. Im Support und der Garantie-Abwicklung entstehen dann die eigentlichen Kosten auf Grund der schlechten Software, obwohl die Hardware an sich recht stabil ist. Deshalb sehe ich in Schritt 1 große Chancen, dass schon sehr bald immer mehr solcher Produkte ab Werk mit FOSS-basierter Firmware auf den Markt kommen werden (insbesondere DD-wrt und OpenWRT haben da aus meiner Sicht sehr gute Chancen), die schon jetzt eine sehr Hohe Qualität erreicht hat, und die es bei Bedarf dem Hersteller oder auch dem ISP ermöglicht, schnell und ganz dediziert Veränderungen an den notwendigen Stellen vorzunehmen, und nicht jedesmal alles wieder von vorne entwickeln zu müssen.

Schritt 2 könnte dann z.B. darin bestehen, dass die Dokumentation neuer Chips direkt an die Community veröffentlicht werden, damit diese rechtzeitig die entsprechenden Treiber implementieren kann. Die derzeitige Praxis sieht ohnehin schon so aus, dass die Kernentwickler diverser FOSS-Projekte von verschiedenen Firmen gegen Unterzeichung entsprechender NDAs diese Infos erhalten. Allerdings sind es augenblicklich eben nur einige Individuen, auf deren Genius man sich dann verlassen muss, und nicht eine offene Community. Ich denke aber, dass sich diese Praxis auch noch ändern wird, nämlich wenn die Firmen verstanden haben, dass einzelne Personen immer Fehler machen, und dass es für die Qualität der Produkte sehr zuträglich ist, wenn eine größere Anzahl von Entwicklern kostenlos Peer-Review, Testing und Bug-Fixing übernehmen. Aus meiner Sicht ist der momentane Weg, sich hier nur an die "Chefentwickler" zu richten, nur ein Zwischenschritt, denn gut Ding will eben Weile haben ...

In Schritt 3 geht es dann um die Weiterentwicklung der eigentlichen Hardware-Plattform. Viele Leute löten sich heute ihre JTAG-Kabel zusammen, um an den Geräten selbst Veränderungen vornehmen zu können. Sie verbringen einen Großteil Ihrer Zeit mit dem Re-engineering der Hardware, um dann coole neue Features zu implementieren. Es entstehen neue und interessante Produkte. Viele gute Ideen werden so geboren. Doch bisher profitieren die Hersteller noch nicht von dieser Innovationsquelle. Die Frage lautet deshalb, welcher Firma es frühzeitig gelingt, sich solchen Prozessen zu öffnen, und die Kommunikation mit der Community aufzunehmen und zu managen, und zwar so, dass diese längerfristig gesehen funktioniert. Quick-shots, die nicht das gegenseitige Vertrauen und Verständnis stärken, werden da ganz sicher mehr schaden als nutzen. Und erst, wenn letztlich die auf diesem Wege entstandenen Änderungen am Hardwaredesign (ähnlich wie bei der GPL) auch wieder offen an die Community weiter gegeben werden, funktioniert der kontinuierliche Innovations- und Qualitäts-Lifecycle, der sich im Bereich FOSS schon längst bewährt hat.

Last but not least werden in Zukunft immer mehr OpenHardware Projekte entstehen, die von Anfang an auf Offenheit angelegt sind. OpenMOKO ist ein tolles aktuelles Beispiel, welches aufzeigt, wohin die Reise gehen kann ...

Diese Botschaft gilt es aus meiner Sicht zu vermitteln.

LG

Juergen




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