Mike Rayfield, der Manager von Nvidias Mobile Abteilung, hat unlängst im Interview mit Computerworld gegen Android und Linux geschossen. Auf die Frage, wie es denn mit Android auf Nvidias Tegra-Plattform aussähe antwortete er, dass man lieber auf Windows CE setze. Windows CE sei "milliardenfach verkauft", sei "ausgereift" und "grundsolide". Es wäre "sparsam im Speicherverbrauch" und biete ein "gutes Portfolio an Anwendungen".
Man arbeite zwar mit Google an einer Android-Anpassung, aber laut dem Nvidia-Manager ist Android für Handy-Bildschirme optimiert und nutzt zur Grafikausgabe das auch auf Mobiltelefonen relativ populäre Java, was es für Netbook-Bildschirme und Nvidia-Grafikbeschleunigung ungeeignet macht. Es sei "alles software, hardware-beschleunigung gibt es nicht". Diese Aussage verwirrt, da das Entwickeln eines Treibers, der die Grafik hardwarebeschleunigt (in diesem Falle beispielsweise über die Java OpenGL-API JOGL) eigentlich genau die Aufgabe eines Grafikchipherstellers ist - und dies Nvidia für Windows CE gerade zwangsläufig ebenfalls tun muss. Rayfield rechnet nicht mit einer konkurrenzfähigen Android-Version vor Mitte 2010.
Von Mobil-Flavors für Netbooks wie Moblin oder Ubuntu Netbook Remix hält Rayfield indes sogar noch weniger als von Android: "Die Welt hat die ersten Netbooks, die mit Linux veröffentlicht wurden, entschieden abgelehnt. Drucker haben nicht funktioniert, und Geräte wurden nicht erkannt. Die ganze Sache war eine Katastrophe" - wie er die ganzen Geräte unter Windows CE auf ARM zum Laufen bringen will, verrät Rayfield uns jedoch nicht. Denn mit den Treibern für x86-Windows funktionieren diese garantiert nicht. Und für CE gibt es keine - ganz im Gegensatz zu den zahllosen quelloffenen und problemlos auf ARM kompilierbaren Treibern für Linux.
Tegra integriert einen 750 MHz ARM-11-Kern als CPU mit Nvidia-Grafik, die für 3D sowie Video De- und Encoding zuständig sein wird. Laut Nvidia kann ein Tegra-Smartbook 10 Stunden HD-Filme abspielen und kommt sogar problemlos mit H.264-Video in der sehr rechenintensiven 1080p-Auflösung klar, bei der sogar viele Einzelkern-PC-CPUs über 3 GHz die Fahnen strecken. Interessant für die Filmindustrie dürften in diesem Zusammenhang Rayfields Aussagen bezüglich Bluray sein: "Es wird nicht lange dauern, bis es für Konsumenten normal sein wird, eine einzige Version in HD-Qualität mit sich herumzutragen um sie mit anderen zu teilen und auf großen Bildschirmen anzuschauen - statt ihre Bluray-Filme ständig neu zu rippen, um sie auf unterschiedlichen Geräten betrachten zu können."
Im Laufe des nächsten Jahres sollen von 27 Herstellern 42 Geräte mit Nvidia Tegra veröffentlicht werden, 26 davon sind zwischen Smartphone und Netbook angesiedelte so gennante Smartbooks oder Tablet-PCs. Nvidia erwartet, dass in nicht allzuferner Zukunft die Hälfte ihres Umsatzes mit Tegra erwirtschaftet werden wird. Anfang nächsten Jahres will Nvidia die nächste Tegra-Generation vorstellen, die viermal soviel Leistung bieten soll, 2011 soll dann elfmal soviel Leistung wie heute zur Verfügung stehen. Was Intel wohl davon hält?
Kommentar: Zum Gerücht, dass Microsofts nächste Zune-Generation mit Nvidia Tegra laufen wird wollte Rayfield nur soviel sagen: "Microsoft hat das nicht bestätigt. Bis sie sich dazu äußern, darf ich nichts sagen". Man kann somit wohl davon ausgehen, dass das Gerücht stimmt. Ob da eine Hand die andere wäscht, nach dem Motto: "Wir nehmen euren Chip und ihr singt Loblieder auf Windows CE"? Wenn Nvidia dann bald wie unlängst Asus der Microsoft-Anti-Netbook-Linux-Initiative "It's better with Windows" betritt wissen wir, woher der Wind weht. Die Nvidia-Konzernleitung trifft wohl gerade strategische Entscheidungen, denn dem Chiphersteller droht, zwischen Intel mit Larabee und AMD mit ATI aufgerieben zu werden: Sie haben keine CPU, um diese zusammen mit ihren Grafikchips als günstiges Gesamtpaket den PC-Herstellern zu anzubieten, auch Intels und AMDs Ansätze, um CPU und GPU zu verheiraten sind "den Grünen" damit verwehrt. Nvidia hat sicher keine Lust, wie Real zu enden: Windows hatte Windows Media, MacOS hatte Quicktime - Real hatte kein Betriebssystem, jeder Anwender musste den Player erst nachinstallieren, was der Firma im Endeffekt das Genick gebrochen hat. Wie gut wäre in einer solchen Situation ein starker Partner wie Microsoft, insbesondere wenn dieser nicht nur die eigenen Chips für ihren Zune kauft, sondern einem auch hilft, in einem neuen und erwartungsgemäß sehr wachstumsstarken Smartbook-Markt Fuß zu fassen.
Update: Im Zune-Podcast bestätigt Microsoft, dass der in Deutschland nicht verkaufte im Herbst kommende Zune HD mit Nvidia Tegra ausgestattet sein wird. Man sollte meinen, dass die beiden Firmen wenigstens eine Anstandswoche zwischen beiden Meldungen verstreichen lassen würden, damit es nicht gar so offensichtlich ist..
Auch Microsoft hat in diesem Bereich einen Partner dringend nötig, der Loblieder auf Windows CE singt. Denn anders als im x86-Netbook-Markt kann Microsoft dank der ARM-Architektur der Smartbooks weder einen gigantischen Softwarepool, noch eine Treiberunterstützung für nahezu jedes Gerät vorweisen - was bei x86 das Haupt-Argument für Windows ist. Linux im Gegensatz läuft dank quelloffenen und portabel programmierten Treibern und Software ohne weiteres auch auf ARM - und wird deshalb, zumindest laut Aussagen der Hersteller, im ARM-Umfeld bisher klar bevorzugt.


