Microsofts OOXML ist ISO-Standard

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Britta Wülfing
02.04.2008

Jetzt ist es offiziell: Microsofts Office-Open-XML-Format (OOXML) ist im zweiten Durchlauf der als neuer Standard angenommen worden. Damit ist OOXML unter der Vorgangsnummer Draft International Standard ISO/IEC 29500 zertifiziert. Dieses Mal also erhielt das umstrittene Dokumentenformat unter den 71 wahlberechtigten Ländern nur zehn Gegenstimmen, entsprechend 14 Prozent. Im Herbst waren dies noch 26, damit mehr als die maximal zulässigen 25 Prozent.

Noch vor der offiziellen Bekanntgabe des Endergebnisses durch die ISO jubelte Microsoft in seiner Pressemitteilung über die "überwältigende" Zustimmung in Höhe von 86 Prozent. Die Original-ISO-Meldung weicht hiervon allerdings ab: 75 Prozent der Wahlberechtigten stimmten zu. Hier heißt es: "Open XML schließt sich damit HTML, PDF und ODF als ISO- und IEC-anerkannter offenes Dokumentenformat-Standard an." Dieser ungewöhnliche Weg der Bekanntgabe des ISO-Ergebnisses durch andere Beteiligte statt der Organisation selbst setzt einen außergewöhnlichen Schlusspunkt hinter eine außergewöhnliche Standardisierung, zumindest vorerst.

Auch der bei der ECMA-zuständige Microsoft-Mann Brian Jones freute sich bereits am Dienstag in seinem Blog: "Der Krieg der Formate ist zu Ende!" Damit bezieht sich Produktmanager auf den heftigen Widerstand, der dem Dokumentformat seitens großer Firmen wie IBM und Sun entgegenschlug, aber auch durch organisierte Gegner wie beispielsweise die Webseite NoOOXML.org, die vom FFII (Foundation for a free information Infastructure) organisiert wurde, über den Fortgang berichtete und Gegner sammelte. Auch unter deutschen Behörden fanden sich Gegner, wie beispielsweise das Auswärtige Amt und der Oberbürgermeister der Stadt München Ude, der sich in einem offenen Brief gegen die Standardisierung aussprach.

In einem umstrittenen Schnelldurchlauf-Verfahren hatte die Organisation das Dokumentenformat mit 6000 Seiten Dokumentation seinen Mitgliedsorganisationen zur Abstimmung vorgelegt. Im ersten Anlauf konnte OOXML nicht die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit der Stimmen hinter sich bringen, im zweiten Anlauf ist dies nun geglückt. Nach der ersten Abstimmungsniederlage konnten die Länderausschüsse Verbesserungsvorschläge und Kommentare einreichen, was zu mehr als 3.500 Anmerkungen führte. Microsoft konnte die Vorschläge nun nutzen, um an seinem Format nachzubessern. Nach Sichtung der Verbesserungsvorschläge im Februar konnten die Ausschüsse bis 29. März ihre Stimme erneut abgeben. Insgesamt erhielt das Microsoft-Format nun sieben weitere "Ja"- Stimmen, die Zahl der Gegner und Enthaltungen blieb unter dem Strich unverändert. Die Webseite Open Malaysia Blog beobachtete das Abstimmungsverhalten und veröffentlichte alle Stimmen unmittelbar nach Bekanntwerden auf. Deutschland stimmte bereits im September mit "Ja" und blieb bei seinem Votum. Unter den neuen Befürwortern finden sich nun Südkorea, Finnland, Dänemark, Irland, Großbritannien, Slowenien und Tschechien.

Auch dieses Mal war die ISO-Abstimmung von Unregelmäßigkeiten begleitet. So verlief das Treffen im Februar zur Diskussion der Verbesserungsvorschläge, das so genannte Ballot Resolution Meeting, Berichten zufolge zumindest ungewöhnlich. Hierbei waren ursprünglich 25 Mitglieder abstimmungsberechtigt. Um überhaupt zu einem Ergebnis zu kommen, wurden die Regelungen kurzfristig geändert. Schließlich durften 32 Länder abstimmen. Dennoch blieb das Votum denkbar knapp: Mit sechs Zustimmungen gegen vier Ablehnungen bei sechzehn Enthaltungen passierten die Dokumente die Sitzung, zwei Mitglieder weigerten sich, an der Wahl teilzunehmen. Auch beim zuständigen deutschen Gremium blieben Zweifel über die Rechtmäßigkeit des Verfahrens. Schließlich mußte das Deutsche Institut für Normung (DIN) in einer separaten Sitzung entscheiden, ob die Sitzung als regelkonform gelten konnte. Aber auch in weiteren Ländern war die Stimmabgabe von Merkwürdigkeiten begleitet: Das norwegische Gremium stimmt zunächst mit "Ja". Kurz danach protestierte der norwegische Ausschussvorsitzende selbst gegen den eigenen Beschluß wegen "Unregelmäßigkeiten". In seinem offiziellen Schreiben heißt es, dass 80 Prozent der Mitglieder gegen die Zustimmung waren, dennoch sei an die ISO-Organisation das zustimmende Votum weitergereicht worden.

Bereits bei der ersten ISO-Abstimmung häuften sich die Merkwürdigkeiten: So erinnert der aktuelle Vorgang in Norwegen an ein ähnliches Geschehen in Schweden Ende August 2007. Das schwedische Institut für Standards SIS zog sein zunächst positives Votum zurück und erklärte es für ungültig, nachdem Manipulationsvorwürfe laut geworden waren. Die offizielle Begründung des SIS waren doppelt abgegebene Stimmen. Allerdings hatten unmittelbar danach Microsoft-Vertreter Manipulations- und Bestechungsversuche öffentlich zugegeben. In anderen Ländern kam es zu plötzlichen Mitgliederzuwächsen in den zuständigen Gremien, beispielsweise in den USA, Italien und Portugal.

Die massiven Unregelmäßigkeiten führten im Februar 2008 dazu, dass die Europäische Kommission in einem offiziellen Verfahren das Verhalten Microsofts in dem Abstimmungsprozess untersucht. Nicht zuletzt wegen des anstehenden ISO-Zertifizierung macht Microsoft im Februar einige Protokolle zugänglicher, für die EU kam der Schritt zu spät: Ende Februar brummte die Europäische Kommission dem Unternehmen eine Strafe in Rekordhöhe wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens auf. Laut Absichtserklärungen der EU dürfte das Microsoft-Format in europäischen Behörden trotz des offiziellen ISO-Segens schlechte Karten haben; hier will man weiterhin auf das freie Open Document Format (ODF) setzen.

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