Don't be evil?
Don't be evil?
Google Peek View

Meinung: Wer nach allen Seiten hin offen ist, kann nicht ganz dicht sein

22.08.2010 Google überrascht ein ums andere mal. Oder sollte man es im Fall von Google Street View eher überrumpeln nennen? Eine - ganz persönliche - Kosten Nutzen Rechnung.

Die informationelle Selbstbestimmung wurde unter dem Deckmäntelchen der inneren Sicherheit und Terrorabwehr bereits gründlich ausgehöhlt. Was mich jedoch am meisten aufregt, ist, dass viele Leute das alles vorbehaltlos hinnehmen, immer unter der Bemerkung, dass sie ja nichts zu verstecken haben. Gleichzeitig wird jenen, die keinen derartigen Informationsexhibitionismus betreiben oder befürworten eine der folgenden Eigenschaften angedichtet: provinziell, kleinbürgerlich, subversiv, paranoid, "Bedenkenträger" (als Schimpfwort), etc.. Oder er kommt gleich unter den Generalverdacht insgeheim illegale oder anrüchige Dinge zu tun.

Dass Google sich um meine Privatsphäre nicht kümmert, und Facebook den Begriff lediglich im Fremdwörterbuch verordnet, kann ich akzeptieren, ich muss ja nicht alle Dienste von Google benutzen (z.B. nicht Gmail) und keiner zwingt mich, einen Facebookaccount zu eröffnen (oder StudiViz, oder sonstige). Bei Facebook weiß ich, dass ich mich, was die Privatsphäre betrifft, am Nacktbadestrand turne. Solange ich zumindest noch die Kontrolle darüber habe, bei wem ich die informationelle Kontrolle verliere, kann ich Verzicht leisten und meinen digitalen Fingerabdruck klein halten.

Problematisch wird es, wenn ich die Kontrolle über den möglichen Kontrollverlust verliere, weil mich entweder mein shiny iPhone auf 10 m genau insgeheim dauerausspäht (ganz anonym versteht sich, zumindest solange keine richterliche (oder geheimdienstliche) Anfrage besteht ... hm?) oder ich für mache Dinge notwendigerweise Daten preisgeben muss und diese dann, wie auch immer, veruntreut werden.
Eine andere Art des Kontrollverlusts ist Google Street View (GSV). Meine ich, dass "meine" Haus- oder Wohnungsfassade einen höchst persönlichen schützenswerten Raum im Sinne des §201a des StGB [1] darstellt? Nein. Meine ich, dass sie gar überhaupt gar nichts über meine Person aussagt? Nein. Es ist notwendigerweise irgendetwas dazwischen.

Was in der Street-View-Debatte ganz oft hinten runter fällt ist folgendes: es ist nicht das grundsätzliche Problem, dass theoretisch jedermann mit einer 2,5 m hohen Latte mit hochauflösender Digikam und Fernauslöser durch die Gegend stapfen könnte, um mein Wohnumfeld abzulichten. Zugegeben, es würde viele Leute sehr skeptisch machen. Es ist zumindest diskutabel, ob eine Aufnahme aus 2,5 m Höhe tatsächlich den „öffentlichen Raum“ abbildet. Wäre ich Besitzer einer Hecke, die ich mit der Absicht des Sichtschutzes gepflanzt hätte, fände ich einen Stangenphotographen zumindest ziemlich dreist, ob es für einen Hausfriedensbruch in diesem Falle reicht, wäre zu klären. Nein, mein eigentliches, prinzipielles Problem ist, dass diese Aufnahme jedem zur Verfügung gestellt wird. Nicht das Ablichten ist das Problem, es ist das Verfügbarmachen für jedermann, jederzeit.

Warum nun das Verfügbarmachen für jedermann zu jederzeit für mich ein Problem darstellt: es ist das Eine, dass jemand, der Interesse an meiner Person hat (wieso auch immer) bei mir vorbeikommen könnte, um zu sehen wo und wie ich wohne. Es ist das Andere, ob er es denn auch wirklich tut. Kaum jemand, der sich „lose“ über jemanden informieren will, schwingt seinen Allerwertesten in oder auf einen fahrbaren Untersatz und investiert die Zeit, einen Blick ins Wohnumfeld zu werfen. Die überwiegende Anzahl der Menschen, die mein aktuelles Wohnumfeld eingängig betrachten, nennen wir sie mal Passanten, wissen gar nicht, dass ich dort wohne und können dadurch gar nicht dieses Umfeld mit mir verknüpfen und daraus wie auch immer geartete Rückschlüsse ziehen.

Da nun mein Wohnumfeld keine schützenswerte Intimsphäre darstellt, aber eben doch etwas über mich aussagt, gebe ich derzeit zwar jedem Passanten und jedem Interessenten theoretisch die Möglichkeit, Rückschlüsse auf meine Person zu ziehen, praktisch aber lebe ich quasi im Stillen.

Google ändert diese Praxis.

Bald kann jeder, der ein irgendwie geartetes Interesse an meiner Person (und meine Adresse) hat sich einen Einblick in mein näheres Lebensumfeld verschaffen, praktisch ohne Aufwand. Es ist das Verfügbarmachen, dass das Problem ist.

Und nun zu den Leuten, die nichts zu verbergen haben. Angenommen, man bewirbt sich auf eine Stelle. Die Absenderadresse sollte bei einer Bewerbung nicht fehlen. Was ist aber nun, wenn meine Adresse zufällig plötzlich folgende Zusatzinformationen für den Personaler bereitstellt: ungemähter Rasen und räudige Hecke, oder ranzige Hausfassade, oder „Problemviertel“ (wenn es unbebildert bleibt i.d.R. kein Problem, aber wenn einem die Tristesse in Farbe entgegenschlägt …). Welcher Personaler macht eine Rundreise in personam ? Wohl kaum einer. Und diejenigen, die das täten, hätten meine Erachtens einen Sprung in der Schüssel. So jetzt Hand aufs Herz, was ist den gegen eine Runde Googlen einzuwenden, dauert allenfalls 30 Sekunden, kostet nix und merkt ja keiner … . Mich würde nicht wundern, wenn Bewohner gepflegter Lebensräume bessere Jobaussichten haben, als Bewohner tristerer Fassaden (für die sie allermeistens nichts können).

Ein zweites Problem ist die Tatsache, dass die Bilder einmal gemacht werden um dann voraussichtlich längere Zeit (oder nie?) mehr aktualisiert zu werden. Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte. Was mache ich denn nun wenn ich eines Tages meine Wohnung unter- oder weiter- oder vermieten will und die Sanierung leider nach Google Street View erfolgte? Annoncen mit Foto schalten, Extratext dazu, dass saniert, explizite Warnung vor GSV-Bildern, den GSV-Wagen für ein Update anfordern? Es ist absehbar, dass Wohnungen, die bei GSV „schlecht wegkommen“ weniger Interessenten anziehen. Mit allen damit einhergehenden Konsequenzen für Mieter und Vermieter.
Für meinen Teil wird der potentielle Nutzen, den ich von GSV habe, bei weitem nicht durch den Kontrollverlust aufgewogen, den ich dadurch erleide, dass jeder mit einem geringen Interesse an meiner Person sich recht detailliert (und gegebenenfalls falsch) über meine Wohnverhältnisse in Kenntnis setzen kann und das völlig unabhängig davon, ob ich sie als vorzeigbar, schützenswert oder privat erachte. Dazu kommt, dass ich diese Daten nicht dem Gemeinwohl angedeihen lasse, sondern zunächst von einem gewinnorientierten Unternehmen entrissen bekomme. Ich habe nicht die Entscheidung, ob ich bei GSV mitmachen will oder nicht (wie bei GMail).

Im Übrigen ist ein Einspruchsrecht überall dort, wo mehrere Parteien ein Gebäude bewohnen (und gegenüber GSV nicht einer Meinung sind) praktisch hinfällig. Die Frage aber, ob ich persönlich personenbezogene Daten von mir persönlich preisgebe, kann doch wohl schlecht Resultat einer „basisdemokratischen“ Entscheidung sein. „Herr Quest, sie sind überstimmt, unsere Fassade landet im Netz, sie können ihre drei Fenster ja pixeln lassen ...“ Witzlos.

Zu guter Letzt noch einen für die diejenigen Nichtszuverbergenhabern, die mich mit den Eingangs aufgelisteten Attributen überziehen wollen; ja, ich habe etwas zu verbergen. Und das, was ich zu verbergen habe, macht mich ungeheuer interessant. Und geht euch überhaupt nichts an.


Don't be evil.

Links:
[1] http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__201a.html
lesenswert zudem: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33135/1.html

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Kommentare
Meine persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung
Vinaly (unangemeldet), Sonntag, 22. August 2010 14:35:27
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Re: Meine persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung
treepix (unangemeldet), Sonntag, 22. August 2010 22:21:21
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Re: Meine persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung
Vinaly (unangemeldet), Montag, 23. August 2010 10:39:08
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Re: Meine persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung
Tristan Lins, Montag, 23. August 2010 11:40:07
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Re: Meine persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung
Benjamin Quest, Montag, 23. August 2010 21:01:10
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Um das Ablichten an sich geht es mir persönlich viel weniger, als um das Katalogisieren und allgemeine Verfügbarmachen der Aufnahmen. Was der Hobbyfotograph oder Tourist an "Reisenotizen" ins Netz stellt entzieht sich einer systematischen Nutzung (und damit auch einem potentiellen systematischen Missbrauch).


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