MS-Novell-Pakt: Reaktionen

MS-Novell-Pakt: Reaktionen

Max Jonas Werner
21.11.2006

Vor knapp zweieinhalb Wochen platzte die Bombe: Novell und Microsoft kooperieren. Nicht nur hier auf der Linux-Community stieß diese Ankündigung eine heiße Diskussion an. In der ganzen Welt regten sich die Gemüter und orakelten über die Zukunft von Freier Software. Wir haben für euch prominente Vertreter ausgehorcht.

Jon "maddog" Hall, Linux International:: "Das Abkommen von Novell mit Microsoft über Softwarepatente bietet den Kunden meiner Meinung nach keinen Schutz, denn sie können zwar nicht von Microsoft, wohl aber von anderen Patentinhabern verklagt werden.

Das Problem liegt nicht in einem Patentabkommen zwischen zwei Firmen, sondern in Softwarepatenten an sich. Wir sollten uns überlegen, ob wir es uns als Gesellschaft leisten können, jemandem Monopole für so etwas Komplexes wie Software zu erteilen. Möglicherweise beschleunigt dieses Abkommen jedoch die Diskussion über Softwarepatente, führt zu einem besseren Verständnis des Problems -- und schließlich zur Abschaffung dieser Patente.

Daneben fällt mir ein, dass die Gottesanbeterin ihren Partner häufig noch während des Liebesspiels auffrisst -- nach meiner Beobachtung hat eine Partnerschaft mit Microsoft schon vielen geschadet."

Florian Effenberger, Öffentlichkeitsarbeit de.openoffice.org: "Das Projekt OpenOffice.org ist dankbar für die Unterstützung, die es seit vielen Jahren von Novell erhält. So beschäftigt Novell zahlreiche Entwickler, die am Programmcode von OpenOffice.org arbeiten und ihre Ergebnisse der Open-Source-Community wieder zur Verfügung stellen.

Auch wir erachten die Zusammenarbeit für ein einheitliches Dokumentenformat als außerordentlich wichtig. Mit OpenDocument -- dem Standardformat von OpenOffice.org 2.0 -- existiert ein solches international anerkanntes, von der ISO normiertes und mittlerweile auch von zahlreichen Behörden und Regierungen eingesetztes Dokumentenformat, das vollständig offen gelegt ist und von jedermann genutzt werden kann. Wir hoffen, dass beide Parteien ihre Energie in die Weiterentwicklung und Unterstützung von OpenDocument stecken, anstatt mit neuen Formaten die gewonnene Interoperabilität und Einheitlichkeit aufzugeben.

Wir teilen die Sorge um Softwarepatente und sehen sie als Gefahr nicht nur für freie Entwickler. Im Gegensatz zu großen Firmen können Open-Source-Projekte es sich meist nicht leisten, umfangreiche Patentrecherchen durchzuführen. Es bleibt zu hoffen, dass die Vereinbarung zwischen Novell und Microsoft Signalwirkung hat und künftig auch Open-Source-Projekte in den Genuss dieser rechtlichen Sicherheit kommen.

Dr. Johannes Loxen, SerNet GmbH: "Das Samba-Team und SerNet sind durch den Deal zwischen Microsoft und Novell nicht direkt betroffen, sofern sich herausstellt, dass tatsächlich keine Verletzung der GPL stattfindet. Die Schutzerklärungen von Microsoft sind weitestgehend sinnlos, da auch ein Feierabend-Programmierer, dessen Beitrag Eingang in freie Software findet, ein kommerzieller Entwickler sein kann.

Wir werden uns weiterhin gegen Patentierung von Software in Europastark machen, so dass uns die Patent-Freistellungen von Microsoft auchin Zukunft möglichst wenig betreffen."

Brece Perens, in seinem Blog http://technocrat.net: "Selbst wenn jeder Anwender geschützt wäre, was von Novell vertriebene Software angeht -- es gibt eine große Masse freier Software, die dieses Unternehmen nicht anbietet. Es wäre logisch, wenn sich Microsoft im nächsten Schritt auf "unlizenziertes Linux" und "unlizenzierte freie Software" stürzen würde, da der Konzern vor Gericht nun auf einen Microsoft-lizenzierten Zweig hinweisen kann. Oder Microsoft lässt diese Bedrohung einfach im Raum stehen, um alle abzuschrecken, die nicht den von Microsoft und Novell bevorzugten Weg nehmen wollen.

Mit dieser Vereinbarung verschafft sich Microsoft zudem die Unterstützung Novells beim Lobbying für Softwarepatente in Europa. Auf der Konferenz "Always On" war ich diesen Sommer Moderator einer Diskussion, in deren Verlauf Novells President seine Unterstützung für Softwarepatente erklärte. Eine solche Politik wird jedem Open-Source-Entwickler schaden, der ohne den Segen Novells Anwender finden möchte. Mit Sicherheit wird Novell nun an der Seite Microsoft bei Regierungen auftreten, wenn es um umfassenderen Patentschutz geht."

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Kommentare
Re: MS-Novell-Pakt: Reaktionen
Dieter Drewanz, Sonntag, 04. März 2007 23:40:46
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Miitlerweile scheint es auch Reaktionen beim Kunden zu geben. Nach dem Wirtschaftsteil der Süddeutschen hatte Novell einen Rückgang von 5% auf $230Mio. Letztes Quartalsergebnis war plus $1,8Mio, dieses war minus $19,9Mio. (Anmerkung: 5% sind übrigens $12Mio, d.h. da ist noch anderer Mist gemacht worden, zB. die Leitung hat sich vermutlich auch gehaltsmäßig bedient) Begründet wird dies mit der Umstellung im Vertrieb. Ich würde umgekehrt dies etwas anders interpretieren und mich als Führung fragen, wer im Kundenkreis abwirbt (wenn Kundendaten an MS gegeben wurden...). Zum anderen haben vermutlich viele Kunden Novell gewählt, um die IT-Nachfrage zu verteilen aus marketingstrategischen Gründen. Die Annäherung dürfte auf diesen Kundenkreis nicht gerade positiv wirken.
Jetzt kann man vermutlich nur hoffen, daß Novell sich wieder aufrappelt, denn sonst sitzen sie wirklich in der aufgespannten Falle.


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Re: MS-Novell-Pakt: Reaktionen
tuxy driver, Mittwoch, 22. November 2006 12:32:42
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Brece Perens hat die Gefahr, die für Linux durch den MS-Novell-Pakt entstanden ist deutlich heraus gestellt. Microsoft wird auf dreifache Weise versuchen, Einfluss auf Linux zu nehmen, nämlich i) Alle nicht genehmen Linux-Entwicklungen, die nicht von Novell stammen mit Patentklagen torpedieren, ii) Unter Androhung der Aufkündigung des Pakts Novell unter Druck setzen, ihre Suse Linux Distribution so zu gestalten wie es Microsoft passt und iii) damit argumentieren, das Vorgehen richte sich nicht gegen Linux an sich sondern gegen Patentverletzungen.
Sollte Microsoft damit Erfolg haben, wird das Ergebnis ein patentrechtlich unbedenkliches, nach Microsoft-Vorstellungen gestutztes Linux von Novell sein sowie eine Reihe weiterer, ungestutzter - im wahrsten Sinne freier - Distributionen, deren Anbieter durch Patentklagen nach und nach in den Ruin oder in den Untergrund getrieben werden.



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Re: MS-Novell-Pakt: Reaktionen
Stephan Böni, Mittwoch, 22. November 2006 10:10:52
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Der zentrale Punkt dieses Deals liegt darin, dass Novell seine Marktmacht im Linux-Bereich weiter ausbauen möchte. Novell verwendet hierfür seit Jahren die gleiche Strategie, nämlich möglichst viele finanzstarke Partner mit ins Boot zu holen. Schon bevor Suse zum Portfolio von Novell zählte, beruhte Novells Stärke darin, erstklassige Verbindungen in der IT-Branche zu pflegen.

Novells Strategie, sich mit Linux in der Businesswelt und insbesondere in den grossen Unternehmen einzunisten, erfordert eine grosse Marktmacht und wohlgesinnte Verbündete. Wer mit Linux viel Geld verdienen will, muss aus der Universitäts-, Home- und Hinterhof-Welt heraustreten und sich in der professionellen Welt der finanzstarken Konzerne einnisten. Novell macht Linux zum "big business". Das mag manchen nicht passen, aber das wird genau das sein, was Linux braucht, um seiner Position als "global player" gerecht zu werden.



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Re: MS-Novell-Pakt: Reaktionen
GoaSkin , Mittwoch, 22. November 2006 18:44:30
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Ob Novell das gelingt mag ich bezweifeln.

Novell war in der Vergangenheit dafür bekannt, sein Portfolio ausbauen zu wollen, in dem der Konzern
gezielt Firmen mit gut laufenden Produkten übernahm - beispielsweise WordPerfect und Digital
Research. Novell hat jedes mal in der Strategie seiner neuen Töchter Änderungen vorgenommen, die
diese etablierten Produkte dann in einen Zustand versetzt haben, in dem sie keiner mehr wollte - und
was SuSE betrifft habe ich das gleiche Gefühl.

Zunächst fällt auf, daß die SuSE-Homepage mittlerweile sehr chaotisch geworden ist und es schwer ist,
überhaupt herauszufinden, was überhaupt für SuSE Linux-Produkte angeboten werden. Wenn man nicht
weiss, was es ungefähr gibt findet man sie vielleicht garnicht. Eine detaillierte Beschreibung und einen
Support-Bereich wie früher sucht man vergebens - stattdessen so wischiwaschi-Darstellungen, was die
Produkte tolles können.
SuSE hatte viel geleistet und gezielt Personal in diversen Opensource-Projekten eingesetzt, um SuSE
Linux in einen Zustand zu versetzen, daß es mit Hilfe des Opensource-Materials zu einem vollständigen
Betriebssystem wird und nicht schlichtweg wie eine Software-Sammlung mit rudimentärem Installer und
ein paar Skripten darstellt. Dazu wurde z.B. Intensiv am KDE- und XFree86-Projekt mitgearbeitet, wobei
die Manager von SuSE einen ausgeklügelten Dialog zu den Entwicklern wichtiger Projekte hatten und
Teils Gelder fließen ließen.
Zwar beteiligt sich auch Novell an diversen Opensource-Projekten, jedoch sind die Prioritäten andere.
So ist z.B. das KDE-Projekt unwichtig geworden und man setzt mehr auf Gnome- und GTK - man hatte
ja bereits Ximian als Firma aufgekauft, die Gnome-Applikationen entwickelte; alte Beziehungen, die in
einem langwierigen und schwierigen Prozess zu stande kamen wurden wohl eher abgebrochen. Eine
Distribution, deren Konzept sich bewährte wird gerade so richtig auf den Kopf gestellt - dabei kündigte
der Novell-Chef nach der Übernahme an, sich in die Entwicklung der Distribution für ein paar Jahre
nicht einmischen zu wollen. Dennoch erfolgte die Einmischung quasi sofort.



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Re: MS-Novell-Pakt: Reaktionen
GoaSkin , Dienstag, 21. November 2006 20:54:16
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John Hall spricht einen wichtigen Punkt an. Patentverletzungen werden in einem gewissen Rahmen von
den Patentinhabern meist toleriert, solange kein nennenswerter Schaden entsteht. Aber es gibt gerissene
Anwälte, sogenannte Abmahn-Geier, die gezielt nach solchen Vorfällen suchen, um dem Patentverletzer
mit einer Klage zu drohen. Es ist wahrscheinlicher, von einem Abmahn-Geier verklagt zu werden, als von
einem wirklichen Patentinhaber. Diese Anwälte, die meistens zu wenig zu tun haben versuchen so, ihr
Geld zu verdienen.



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Re: MS-Novell-Pakt: Reaktionen
Rico Rommel, Dienstag, 21. November 2006 22:51:07
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Hallo,

Häufig werden (angebliche) Patentverletzungen auch toleriert, um später richtig
abkassieren zu können. Bestes Beispiel ist hier wohl das gif-Patent. Der
Patentinhaber wartete 10 Jahre, bis sich das Format durchgesetzt hatte und
schlug dann zu. Hätte er seine Rechte gleich geltend gemacht, wäre das
gif-Format schnell im Technologiemülleimer der Geschichte verschwunden gewesen
und er wäre leer ausgegangen.

Inzwischen habe ich aus dem M$-Novell-Pakt und vor allem Ballmers Äußerungen
die Konsequenzen gezogen und bin von Opensuse nach Debian gewechselt.
Ich habe keine Lust, in 2-3 Jahren als Suse-Nutzer von M$ gegängelt und
abkassiert zu werden, worauf der Handel im Endeffekt mit Sicherheit
hinausläuft.

mfg
Rico


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Re: MS-Novell-Pakt: Reaktionen
GoaSkin , Mittwoch, 22. November 2006 18:32:32
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Auch wenn Compuserve als Besitzer des GIF-Patents erst nach zehn Jahren zuschlug, gibt es heute
doch noch massig Freeware und Opensource, die das GIF-Format immernoch unterstützt und dafür nie
zur Rechenschaft gezogen wurde. Das Prinzip des (freien) PNG-Formates ist auch nicht viel
unterschiedlich als bei GIF, sodaß man eigentlich darüber streiten könnte, ob das vielleicht auch unter
dieses Patent fällt.

Allerdings denke ich auch, daß es viele Patente gibt, die sich als Luftnummer erweisen würden, wenn es
erst einmal vor Gericht geht. z.B. glaube ich kaum, daß Microsoft an Adobe für Dialogboxen mit Reitern
und Sun Microsystems für die Konvertierung kurzer DOS-Dateinamen in lange Windows-Dateinamen
zahlt.

Wegen Software-Patenten gibt es wahrscheinlich zu wenige gerichtliche Streitigkeiten, um über ihre
Bedeutung genaueres zu erfahren - letzendlich ist jeder Unsinn patentiert, sodaß die Patente wenn es
hart kommt fast jedes Programm in Frage stellen könnten und dadurch den (legalen) freien und
kommerziellen Software-Markt auf einen Stand der frühen 80er Jahre zurückwerfen könnten. Die Praxis
sieht momentan so aus, daß die innovativen (Hightech)-Software-Patentrechte gehandelt werden und
die einfachen und unsinnigen eher ignoriert werden und zur Einschüchterung genutzt werden. Einige
Software-Hersteller - insbesondere Novell und Adobe teilen auf ihren Startbildschirmen in ihren
deutschen Versionen mit, daß die Programme durch eine lange Liste US-Patente geschützt seien, die
hier sowieso keine Rechtswirksamkeit haben.

Was die Angst vor SuSE betrifft... ein Anwender kann normalerweise kein Patentrecht verletzen, sondern
nur ein Hersteller. SCO hat es versucht, gezielt Unternehmen zu verklagen, die Linux nutzen (und nicht
anbieten), wodurch sich wohl viele Leute einschüchtern lassen haben.




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Re: MS-Novell-Pakt: Reaktionen
arebenti , Donnerstag, 23. November 2006 21:06:16
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Goaskin, nicht schlecht. Das entspricht tatsächlich der Realität, aber diese Realität kann durch den Gesetzgeber geändert werden, und dann sieht es sehr gefährlich aus.

Konkret wird diese beschriebene Praxis durch ein EU-Richtlinienprojekt herausgefordert, gedacht gegen Produktpiraten.

[1] http://www.digitalmajority....is-no-defense-against-bad-laws



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