Linuxtag beschäftigt sich mit Neuerungen im Kernel

Linuxtag beschäftigt sich mit Neuerungen im Kernel

Kernel-Track

Mathias Huber
14.05.2011
Der IT-Journalist Thorsten Leemhuis hat zum Auftakt des Kernel-Tracks auf dem Linuxtag 2011 einen Überblick über jüngsten Neuerungen im Linux-Systemkern gegeben.

"Was merkt der Anwender eigentlich von der Kernelentwicklung?", fragte der Autor des Heise-Kernellog eingangs. Die Einführung des Kernel Mode Setting (KMS) für X11 vor rund zwei Jahren habe das Suspend und Resume verbessert. Daneben mache sich das so genannte "Wonder Patch" im Kernel 2.6.38 bemerkbar. Es gruppiert die Prozesse so, dass der Desktop selbst bei hoher Systemlast noch auf den Benutzer reagiert. Verbesserungen am virtuellen Dateisystem VFS in der selben Kernelversion erfreuen Linus Torvalds persönlich durch spürbar schnellere Durchläufe des Find-Kommandos. Der noch im Mai anstehende Kernel 2.6.39 wird Unterstützung für USB-3.0-Hubs bringen.

Die Entscheidungen der Kernelentwickler und ihrer Arbeitgeber beeinflussen die Zukunft von Linux nachhaltig, gab Leemhuis zu bedenken - die Linux-Entwicklung hätte wohl anders ausgesehen, wäre das Dateisystem Reiser 4 in den offiziellen Kernel gelangt oder hätten die Entwickler Xen frühzeitig aufgenommen.

Anschließend wandte sich der Referent Innovationen in einzelnen Bereichen das bald 15 Millionen Zeilen Code umfassenden Linux-Kerns zu. Im Grafikbereich wird KMS bei allen Hardwareherstellern praktisch zur Pflicht. Daneben gibt es Linux-Unterstützung für Grafikkerne, die an die CPU angegliedert sind. Das gilt etwa für AMDs Ontario seit Kernel 2.6.38 vom Mitte Mai. Hierfür gibt es auch freie 3D-Userspace-Treiber. Intels Sandy-Bridge Architektur unterstützt der Kernel bereits seit Version 2.6.37, der Poulsbo-Treiber soll sich mit Kernel 2.6.39 spürbar verbessern. Bei den Nvidia-Karten eignet sich der freie Nouveau-Treiber seit 2.6.38 für die Fermi-Grafikchips der Geforce-Reihen 400 und 500. Kernel 2.6.39 soll die Performance des Open-Source-Treibers durch Z-Kompression und Fehlerbereinigung steigern. Problematisch sei aber noch die Lüfterregelung der Karten, hieß es im Vortrag.

Im Bereich Netzwerk gibt es neben Performance-Steigerungen einzelne Erleichterungen für Admins: Die IP-Sets des Kernel 2.6.39 ermöglichen es, Adresstabellen anzulegen, die sich mit einer einzigen Firewall-Regel blocken lassen. Bei den WLAN-Chips setzen alle großen Hersteller mittlerweile auf das offene Entwicklungsmodell gemeinsam mit den Kernelprogrammierern. Das gelte für die neueren Chips von Intel und Atheros, auch bei Ralink und Realtek bessere sich die Linux-Unterstützung, und Broadcom habe sich ebenfalls geöffnet, berichtete Leemhuis. Damit hole die WLAN-Entwicklung die Öffnung nach, die beim drahtgebundenen Netzwerk längst selbstverständlich sei.

Kernel 2.6.39 wird durch Änderungen im Block-Layer die Skalierung bei großen Storage-Systemen verbessern. Daneben arbeiten die Entwickler weiter an der besseren Ausnutzung von SSDs. Das Dateisystem Ext 4 sei im Enterprise-Bereich angekommen, sagte der Referent, beispielsweise als Standard bei Red Hat. Btrfs dagegen befindet sich immer noch im experimentellen Stadium, insbesondere fehlt noch ein geeignetes Tool für Filesystem-Checks. Es kursieren allerdings Gerüchte, das Fsck-Werkzeug sei bereits zu 90 Prozent fertig.

Zu den wichtigen Arbeitsfeldern der Kernel-Community gehört laut Thorsten Leemhuis der BIOS-Nachfolger (U)EFI, der unter anderem für die GPT-Partitionierung großer Festplatten wichtig ist. Hier müssten derzeit noch die Linux-Distributionen für Feinschliff sorgen. Bei der Virtualisierungstechnologie KVM sei nun die "Zeit des Finetuning angebrochen", nachdem sie sich als stabil etabliert hat. In Sachen Kryptographie stellt das Userspace-Crypto-API sie bedeutendste Neuerung dar.

Ftrace, über das Steven Rostedt im Laufe des Nachmittags referieren wird, nähere sich immer näher an Suns DTrace an, bemerkte Leemhuis in Sachen Tracing und Debugging. Als weitere Kernel-Fortschritte nannte er die Transparent Huge Pages, die bei Virtualisierung und großen Datenbanken von Vorteil sind. Daneben sei die Treiberentwicklung stets rege, Kernel 2.6.39 bringe unter anderem die Funktionstasten bei Samsung-Notebooks zum Funktionieren.

Zum Abschluss animierte Thorsten Leemhuis das Publikum im großen Vortragssaal, aktiv beim Testen neuer Kernelversionen mitzuhelfen. Für Detailfragen verwies er auf das "Kernel-Kwestioning", die Frage-und-Antwort-Sitzung der auf dem Linuxtag anwesenden Kernelentwickler. Hier kommen zum Abschluss des Kernel-Tracks rund ein Dutzend Kernel-Hacker zusammen.

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