Kaj Arnö, Vice President bei MySQL im Gespräch mit Linux-Community.de

Kaj Arnö, Vice President bei MySQL im Gespräch mit Linux-Community.de

Max Jonas Werner
01.03.2006

Kaj Arnö, Vice President Community Relations beim Datenbank-Hersteller MySQL ist an der Entwicklung der GPL Version 3 beteiligt. Wir haben ihn getroffen und mit ihm über die GPLv3, die Zusammenarbeit von MySQL mit der Community sowie die Entwicklung der MySQL-Datenbank gesprochen.

Linux-Community: Ist die GPLv3 im Vergleich zu Version 2 aufgebläht?

Kaj Arnö: Es ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, mit einem kürzeren Text die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Die FSF möchte die Freiheit von Software schützen und die Regelungen dieser Gesellschaft sind sehr kompliziert.

Ein Vorgabe war etwa, die GPL weniger US-lastig zu gestalten. Diese Vorgabe lässt sich mit dem Vorhaben vergleichen, eine Software zu entwickeln, die unter Linux, MacOS X, Windows und am besten noch unter FreeBSD läuft. Um das zu erreichen, muss man eine Abstraktionsebene schaffen. Das ist das, was wir [bei der GPL] gemacht haben. Wir haben Begriffe wie "Distribution" unabhängiger definiert. Ich glaube das ist ein Fortschritt, aber es bläht den ganzen Text natürlich ein wenig auf.

LC: Auch durch zusätzliche Klauseln.

Arnö: Ja. Wenn die GPLv3 die Entwicklung der Gesellschaft für die nächsten zehn Jahre beeinflussen soll, reichen drei Sätze nicht. Für die FSF ist DRM ein heißes Thema, und die Freiheit von Software wird durch DRM bedroht. Da muss man etwas in der GPL schreiben, was nur ausführlich auszudrücken ist. Wenn in einer Software die GPL als wesentlicher Baustein benutzt wird, dann muss ich dieselben Musikstücke und dieselben Filme auch mit einer veränderten Version dieser Software abspielen können.

Eben [Moglen] macht da sehr gute Arbeit, indem er lange ausschweifende juristische Formulierungen, die kaum ein Nichtjurist kennt, in eine Sprache übersetzt, die jeder von uns versteht. Wir haben zum Beispiel gestern [im Treffen einer GPL-Diskussionsgruppe] über "freedom" (Freiheit) des Benutzers gesprochen. Einer der Firmenvertreter fragte dann "wäre es im Sinne der FSF, wenn wir statt "freedom" "legal freedom" schreiben". Dann macht man sich als Nichtjurist erstmal darüber Gedanken, was der Unterschied zwischen "freedom" und "legal freedom" ist.

LC: Ist denn Eben Moglen bei jedem Treffen dabei?

"Die DRM-Klausel ist sehr umstritten; viele Leute möchten sie überhaupt nicht haben."

Arnö: Eben Moglen ist im Kommitee B immer dabei. Denn die Formulierungen im aktuellen Draft kommen fast immer von Eben Moglen.

LC: Ist denn eine DRM-Klausel in der GPL überhaupt eine gute Idee? Die Klausel ist ja sehr umstritten.

Arnö: Ja, sie ist sehr umstritten; viele Leute möchten sie überhaupt nicht haben. Aber die GPL gehört der Free Software Foundation, die damit ganz eigene Absichten hat. Wir arbeiten [in den Kommitees] als Helfer der FSF, um die GPLv3 möglichst eindeutig zu formulieren. Wir könnten auch sagen, dass wir eine DRM-Klausel lieber streichen würden. Doch haben wir da eine Machtposition? Nicht wirklich. Es steht ja der FSF völlig frei zu entscheiden, was die GPLv3 enthalten soll. Wir können als Helfer der FSF nur sagen, dass die GPLv3 besser verbreitet wird, wenn sie diese und jene Dinge nicht beinhaltet.

LC: Versucht die FSF, mit den DRM- und Softwarepatentklauseln Probleme anzugehen, die tiefer liegen als nur in Software, nämlich in der Gesellschaft selbst?

Arnö: Klar, das versuchen sie auf jeden Fall. Die FSF hat mit der GPL einen Einfluss auf die Technik in der Gesellschaft, und den möchten sie aufrecht erhalten. GPL-Software ist mittlerweile ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, ein Infrastrukturelement wie Wasser und Strom. Diese Machtposition möchte die FSF mit Sicherheit nicht aufgeben.

"Die FSF sieht Softwarepatente als überflüssig und schädlich an. [...] Mit der GPL will sie den Schaden durch Softwarepatente begrenzen."

Gestern hat in der Gruppe jemand gefragt: "Richard Stallman scheint DRM zu hassen. Gut, das mag seine persönliche Vorliebe sein. Aber was ist, wenn er plötzlich Country-Musik nicht mehr so toll findet? Wird es in GPL Version 4 eine Anti-Country-Musik-Klausel geben, in der steht, dass die GPL nicht für die Verbreitung von Country-Musik verwendet werden darf?" Das ist zwar eine rhetorische Frage, aber wenn man das logisch bedenkt, hat DRM doch eher eine Bedeutung für die Freiheit als Country-Musik.

LC: Wie will die GPLv3 verhindern, dass Softwarepatenteigner gegen GPL-Software vorgehen?

Arnö: Ausgangspunkt ist, dass die FSF Softwarepatente nicht nur als überflüssig ansieht, sondern als schädlich für die Gesellschaft. Da es Softwarepatente nun mal gibt, möchte die FSF den Schaden begrenzen. Das macht die FSF mit den folgenden zwei Punkten: Erstens die optionale "Patent Retaliation". Sie gibt mir als Softwareentwickler die Möglichkeit, über die GPL-Lizensierung hinaus zu sagen, dass jeder, der meine Software benutzt, auch ohne Softwarepatentklagen vorgeht.

Wenn also jemand meine Software benutzt und einen Dritten verklagt, der angeblich Softwarepatente verletzt, verliert er die Lizenz, meine Software zu benutzen. Das ist sehr effektiv. Nicht jeder wird diese Klausel benutzen, sie ist optional. Zum Beispiel will nicht jeder, der die Linux-Kernel-Entwicklung unterstützt, die Patent Retaliation in der Kernel-Lizenz sehen. Bei anderer Software wird das hingegen durchaus der Fall sein.

LC: Die Patent Retaliation bezieht sich also nicht auf das einzelne Produkt, sondern auf jede GPL-lizensierte Software, die diese Klausel enthält?

Arnö: Ja, auf jede Software, die diese Klausel enthält.

LC: Es gibt auch Firmen, die nur Patente besitzen, ohne selbst Software zu entwickeln.

Arnö: Ja, [die GPL] schützt nicht gegen Patenttrolle, die Softwarepatente besitzen, aber zu faul sind, daraus ein Produkt zu machen. Die Softwarepatente sind ein so schlechter Teil der Gesellschaft, dass es unmöglich ist, das alles mit einer GPL-Lizenz zu berichtigen. Der zweite Punkt [mit dem die GPL gegen Softwarepatente vorgeht] bezieht sich auf "Downstream".

Wenn ein GPL-Software-Entwickler viele Patente besitzt, und er durch Patentverletzungen geschützt ist, dadurch dass er Patentabkommen mit anderen Patentbesitzern hat, dann sollte er irgendwie die Nutzer seiner Software (daher das Wort Downstream, "abgeleitet") davor schützen, dass sie von Patentbesitzern verklagt werden, mit denen er selbst Abkommen eingegangen ist.

"Eine Community ist für Open-Source-Firmen absolut nötig. [...] Man stößt jeden Tag auf Leute, die etwas über MySQL wissen."

LC: Bei der Entwicklung freier Software spielt immer die Community eine wichtige Rolle. Was macht ein Community Manager in einer Firma, die freie Software entwickelt?

Arnö: Unsere Aufgabe ist es, MySQL zu verbreiten. Mein Erfolg wird an der Anzahl der Benutzer von MySQL-Software gemessen. Außerdem geht es darum, dass die Mitglieder der Community es für wichtig halten, gerade zu dieser Community zu gehören. Sie sollen also untereinander von MySQL sprechen, ohne dass wir anwesend sind. Wir wollen also erstens möglichst viele Benutzer haben und zweitens, dass diese Benutzer sich mit MySQL identifizieren.

LC: Ist es für jede Open-Source-Firma nötig, eine Community aufzubauen?

Arnö: Es ist absolut nötig. Es reicht auch nicht, dass es einen Community Manager oder VP Community Relations gibt, sondern jeder in dieser Firma muss mit dem Herzen dabei sein. Dafür ist MySQL ein Beispiel. Jeder versteht, wozu wir eine Community haben und kommuniziert mit der Community. Das ist aber auch nicht schwierig in einem Unternehmen mit acht Millionen Installationen. Denn man stößt jeden Tag auf Leute, die etwas über MySQL wissen.

Ich habe vor einem guten Jahr einen großen finnischen Handy-Hersteller besucht. Am Empfang wurde ich dann gefragt, von welcher Firma ich sei und antwortete "MySQL". Da meinte der Mitarbeiter "MySQL? Ist das wirklich dieses MySQL? Das habe ich auch Zuhause auf meinem Computer." Solche Treffen geben viel Kraft; mit Leuten, von denen man eigentlich gar nicht erwartet, dass die überhaupt etwas von Datenbanken wissen, geschweigen denn von meinem eigenen Unternehmen.

LC: Sie dienen gewissermaßen als Schicht oder Bindeglied zwischen Community und Vorstand?

Arnö: Ich würde es nicht als Schicht bezeichnen. Im Englischen dient dazu der Begriff Facilitator (Vermittler). Ich möchte die Zusammenarbeit zwischen unserem Unternehmen und unserer Community so gestalten, dass es möglichst viele und produktive Kontakte gibt. Die Kontakte sollen produktiv für beide Seiten sein, es ist ein Geben und Nehmen.

LC: Ist es denn schwer, die Wünsche der Community an den Vorstand zu kommunizieren?

Arnö: Ursprünglich war es leicht, denn alle Wünsche kamen aus der Community. Wir haben das gemacht, was auf den Mailinglisten stand. Und je mehr nach einer bestimmten Sache gefragt wurde, desto höher haben wir die Priorität gesetzt. Jetzt gibt es auch die kommerzielle Seite, und meistens geht es Hand in Hand. Andererseits kann man nicht immer nur das tun, was die Leute wünschen.

Ich habe mir kürzlich einen Apple-Computer gekauft, und der enthält sehr viel von dem, was ich mir jetzt wünsche. Aber hätte ich das vorher sagen können? Nein. Denn Apple hat mehr nachgedacht, als ich es mir hätte wünschen können. Sie haben selber eine Vision gehabt. Und so müssen wir es tun, wir können nicht nur das nachäffen, was Leute sagen. Wichtig ist also eine Kombination von dem, was die Community wünscht und von dem, was wir uns selber überlegen.

LC: Sind sie als Community Manager denn noch an der Technik beteiligt?

Arnö: Ja. Für die Entwicklung ist zwar unser Vice President Engineering, Maurizio Gianola, zuständig. Ich bin aber Mitglieder unseres Development-Management-Teams. Wir besprechen jede Woche die Lage der Entwicklung. Code Contributions haben zum Beispiel ausschließlich mit Community zu tun. Ich muss verstehen, warum Entwickler sich an MySQL beteiligen, etwa, weil sie zukünftig bei MySQL arbeiten wollen oder weil sie selber MySQL-Software einsetzen und ein bestimmtes Feature haben wollen.

Vielen ist es ganz lieb, wenn wir die Verwaltung ihrer Patches übernehmen, dann müssen sie sich selber nicht mehr darum kümmern. Es kommen bei der Entwicklung also drei Firmenteile zusammen, ich als VP Community Relations, dann der VP Engineering und unsere Juristen. Denn mit unserem Dual-Licensing müssen wir immer alleiniger Besitzer des Codes sein. Derjenige, der Code beiträgt, muss also die Rechte an seinem Code an uns übertragen.

LC: Inwieweit unterscheiden sich die frei verfügbare MySQL Community Edition und der proprietäre Pro Certified Server?

Arnö: Technisch gesehen unterscheiden sie sich nicht. Aber vom Entwicklungsverfahren. Der Certified Server stellt über das doppelte Lizenzverfahren sicher, dass ein Unternehmen MySQL als Datenbank benutzen kann, ohne seine Software selbst unter die GPL zu stellen. Der Community Server ist immer Cutting Edge, er enthält die neuesten Patches und die neuesten Features, was ja auch weniger Stabilität bedeutet.

Das fließt dann nicht in den Certified Server ein, der auch optimiert auf die Betriebssysteme ist, für die wir ihn zertifiziert haben. Er ist also nicht auf allen Betriebssystemen lauffähig, da die Zertifizierung sehr kostspielig ist. Wenn wir also neue Features für den Certified Server entwickeln, ist die Community dann nicht ausgeschlossen.

LC: Im September 2005 gab es ein Treffen, in dem ein Open Source Database Consortium gegründet werden sollte. Gab es bis jetzt schon Fortschritte in dieser Richtung?

Arnö: Es gibt wenige Interessenten, die da was machen wollen. Wir hatten dieses Treffen in Frankfurt, aber es sieht nicht so aus, als hätten wir soviele gemeinsame Interessen, die wir als Gruppe vertreten wollen.

LC: Es haben sich auch keine kommerziellen Anbieter angenähert, die zum Beispiel bei der Definition von offenen Schnittstellen mitarbeiten wollen?

Arnö: Konkrete Arbeitsvorschläge gibt es nicht.

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