IBM: Es geht auch ohne ISO

IBM: Es geht auch ohne ISO

Britta Wülfing
24.09.2008

In einer neuen Unternehmensrichtlinie erklärt IBM seine Grundsätze für IT-Standards und knüpft Bedingungen an die künftige Zusammenarbeit mit der International Standards Organization (ISO). Wenn Entwicklungsländer eigene Standards entwickeln wollen, verspricht der Konzern Unterstützung. Damit zieht IBM Konsequenzen aus dem turbulenten Abstimmungsvorgang über Microsofts Dateiformat OOXML.

Mit sofortiger Wirkung sollen die neuen Standardisierungsregeln bei IBM greifen, verkündet der Konzern in einer aktuellen Pressemeldung. Die Mitgliedschaft in Organisationen zur Standardisierung sollen auf den Prüfstand, und Big Blue will "eventuell nötige Konsequenzen" ziehen. Das Unternehmen betont gleichzeitig die Bedeutung offener Standards und bezeichnet diese als Grundvoraussetzung sowohl für öffentliche Einrichtungen wie auch für den weltweiten Güteraustausch.

In der Presseerklärung stellt IBM fünf Grundregeln für den Umgang mit Standards auf. Aufmerksamen Beobachtern der turbulenten Abstimmung über Microsofts OOXML dürfte es nicht schwer fallen, Zusammenhänge zu erkennen: Die erste Grundregel der neuen IBM-Politik lässt eine weitere Zusammenarbeit mit der ISO zumindest fraglich erscheinen. IBM will die Beteiligung an Standardisierungsorganisationen von einigen Bedingungen abhängig machen, "basierend auf der Qualität und Offenheit ihrer Prozesse, Mitgliederregelungen und den Reglungen, die das geistige Eigentum betreffen".

Der ISO-Zertifizierung von OOXML war eine heftige Diskussion vorausgegangen, die den Abstimmungsprozess und die Regelungen in Frage stellte. Unter den schärfsten Kritikern war der IBM-Abgeordnete im ISO-Ausschuss, Rob Weir, der den Verlauf in seinem Blog mit bissigen Kommentaren dokumentierte.

In einer zweiten Grundregel verspricht IBM Entwicklungsländern Unterstützung sowohl beim Einführen offener Standards wie auch beim Entwickeln eigener Standards. Die Länderausschüsse aus Brasilien, Indien, Südafrika und Venezuela hatten gegen die ISO-Entscheidung zugunsten von OOXML Einspruch eingelegt. Nachdem dieser von ISO und IEC übereinstimmend abgeschmettert wurde, äußerten Ländervertreter die Befürchtung, dass die Entscheidung anders ausgefallen wäre, wenn der Einspruch aus den Industrieländern gekommen wäre. Zugleich gab es Überlegungen, eigene Standardisierungsgremien zu gründen, unabhängig von ISO und IEC. Ein weiterer, kaum verhüllter Seitenhieb folgt in einer weiteren Grundregel, in der IBM definiert, wie es die Grundlagen für offene Standards festlegen will: "(IBM will) sicherstellen, dass technologische Entscheidungen, Abstimmungen und kontroverse Entschlüsse auf faire Weise von unabhängigen Teilnehmern getroffen werden, geschützt vor unangemessenem Einfluss."

Auch in punkto "geistiges Eigentum" (Intellectual Property) will IBM mit gutem Beispiel vorangehen. Hierzu heißt es: "IBMs neue Standardisierungspolitik wirbt für vereinfachte und konsistente Praktiken bei geistigem Eigentum, und sie legt großen Wert darauf, dass alle Beteiligten, einschließlich der Open-Source-Community und denjenigen in aufstrebenden Märkten, die gleichen Voraussetzungen haben, wenn sie am Standardisierungsprozess teilnehmen."

Die neuen Standardsgrundregeln bezeichnet IBM als das Resultat einer sechswöchigen öffentlichen Diskussion im Frühjahr 2008. Im Mai und Juni befragte IBM siebzig "unabhängige, zukunftsorientierte Experten" aus Regierungsbehörden, Ausbildung, Industrie, Politik und Standardisierungsorganisationen in einer Wiki-basierten Debatte, ob die Standardisierungsbehörden mit den Anforderungen der aktuellen Entwicklung Schritt halten könnten. Im November will IBM unter der Schirmherrschaft der US-amerikanischen Universität Yale zu einem Treffen einladen, das die Online-Diskussion fortsetzt.

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