Fallstudie: Die BBC und Projekt Ingex

Fallstudie: Die BBC und Projekt Ingex

Anika Kehrer
14.04.2008

Die BBC (British Broadcasting Corporation) hat ihre digitale Aufzeichnungs- und Archivierungssoftware Ingex entwickelt und quelloffen gemacht (wir berichteten). Darüber legt das Open-Source-Projekt OSOR der EU eine Fallstudie vor. Eine Gruppe Softwareentwickler der BBC-Abteilung Research & Innovation hat das System entwickelt, um finanziellen Vorteil aus den heutigen, günstigen Preisen für Speicher und Prozessoren zu ziehen. Nicht nur die kostengünstigen Ressourcen, sondern auch die besonderen Anforderungen an Filmproduktion führten zu der Eigenentwicklung.

Besondere Anforderungen sind in der freien Software umgesetzt. So kann Ingex Archivmaterial von Bändern digitalisieren. Andere Anforderungen sind noch in Entwicklung begriffen. Ein Problem ist zum Beispiel, dass ein Kameramann, der kurz die Verbindung unterbricht um eine neue Einstellung vorzunehmen, die Aufnahme durch die Software unterbricht. Um das Risiko von Hardware-Ausfällen zu minimieren, soll eine zukünftige Version von Ingex zum Beispiel auch RAID5 unterstützen.

Die OSOR-Fallstudie berichtet auch über den Entstehungs- und Verwendungsprozess der Open-Source-Software. So ist zu erfahren, dass das Research-Team von BBC das Video Capturing komplett selbst geschrieben hat. Andererseits ist Ingex ganz von offenen Standards geprägt. Zum Beispiel arbeitet Ingex mit dem Material Exchange Format (MXF) und mit dem Advanced Authoring Format (AAF), welche die BBC-Research-Abteilung beide entwickeln half.

Weiterhin kommt zur Sprache, warum die BBC das Projekt gestartet hat: Bei einer Filmproduktion müssen die Aufnahmen mehrerer Kameras für die Postproduktion - zum Beispiel Schnitt und Audiobearbeitung - digitalisiert werden. Da es immer mehrere Kameras gibt und mehr gefilmtes Material, als das, was letztendlich verwendet wird, nimmt das viel Zeit in Anspruch. Auch muss für jede einzelne Szene Anfang und Ende in Zeitcodes manuell notiert werden, damit der Bearbeiter oder auch der spätere Archivar sie wiederfindet. Diese Zahlen wandern hinterher in einen Computer - ebenfalls manuell. Das ist alles denkbar zeitaufwändig. Mit digitaler, automatischer Zeit-Code-Aufzeichnung experimentierte man bei BBC schon seit mehreren Jahren, wie die Studie verrät. Davon ausgehend, wollte man den Aufnahme- und Verarbeitungsprozess konsolidieren, indem die Magnetband-Aufzeichnung der Kameras wegfiel. Daraus erwuchs die Software-Suite Ingex für digitale Filmproduktion, von der Aufnahme über die Aufbereitung für die Postproduktion bis hin zur Bearbeitung.

Für den Produktiveinsatz eignet sich Ingex gemäß der Studie noch nicht. Dazu hat der Autor Rob Verhoef befragt. Er ist technischer Projektmanager bei der niederländischen Firma United Broadcasting Facilities (UBF), welche Dienstleistungen an Mediaproduzenten verkauft. Laut der Studie ist Verhoef im Jahr 2007 zufällig an Ingex geraten. Damals fand er ihre Funktionen "ziemlich elementar". Ende 2007 hat es ein wichtiges Update gegeben, das er sich angesehen habe. Noch immer sei die Programmsuite schwer aufzusetzen und nicht stabil genug. Er sagt aber auch, dass es zu dem Funktionsumfang von Ingex keine bezahlbare Alternative gäbe. Ihre Stärken liegen seiner Meinung nach darin, dass sie die Dateien direkt in die Postproduktion einspeist, ohne dass man sie erst auf Kassetten zwischenspeichern muss. Außerdem sei es von Vorteil, dass das Aufnahme-System mehrere Einstellungen gleichzeitig auf dasselbe Aufnahmemedium aufnehmen kann.

Für die Fallstudie hat der Autor neben Rob Verhoef Gespräche geführt mit John Fletcher, dem Senior Technologist von BBC New Media & Technology, und mit David Kirby, dem Lead Research Engineer von BBC Research and Innovation. Die Ingex-Software hat eine eigene Projektseite.

Der Autor der Studie, Karsten Gerloff, ist Kulturwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt freie Software. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der gemeinsamen Forschungseinrichtung der Maastrichter Universität und der United Nations Universität (UNU-MERIT) in Maastricht. Vorher war er bei der Free Software Foundation Europe (FSFE) beschäftigt. Der englischsprachige Text kann auf der IDABC-Seite gelesen werden und liegt dort auch im PDF- und ODT-Format bereit.

In Auftrag gegeben wurde die Fallstudie von OSOR. Das OSOR (Open Source Observatory and Repository) ist Teil des IDABC-Programms, das die Verbreitung von Open-Source-Software fördern will. Das IDABC ist wiederum ein Programm der europäischen Kommission, das Bürger und Unternehmen über grenzübergreifende öffentliche Dienste informiert. IDABC steht für Interoperable Delivery of European eGovernment Services to public Administrations, Business and Citizens. Das Programm dauert von 2005 bis 2009.

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Kommentare
cool - will ich haben...
Ingwer (unangemeldet), Montag, 20. Juli 2009 16:52:56
Ein/Ausklappen

Ich habe die Präsentation von Ingex auf "arte" gesehen - das prinzip der festplattengestützten Bearbeitung hat mich sofort begeistert - also ich will das haben und für meine Arbeit einsetzen.

Wenn die Entwickler nur bei ihrer Arbeit ein Einsehen hätten was die Sprache betrifft und vielleicht auch die Linuxdistribution empfehlen würden, auf der Ingex eingesetzt werden kann - Ubuntu Studio ist ja, bei der Gelegenheit bemerkt, bisher auch nicht der Hit -.

Also bedenkt freundlichst, daß es in Europa immer noch genug Altsprachler gibt, die dennoch was digitales tun wollen und lasst mal eine deutsche Übersetzung rüberwachsen - bis dann...



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