Der Einladung der Akademie des deutschen Buchhandels ins Literaturhaus München folgten vergangene Woche mehr als 100 Experten aus den Branchen Verlag, Buchhandel und Technik. Als Fazit der Fachveranstaltung kann gelten, dass die Beteiligten dem E-Book gute Chancen einräumen, ohne allerdings allzu konkret zu werden: Kein deutscher Anbieter veröffentlicht Zahlen. Legt man aber – wie in München gern getan - die bekannten E-Book-Umsätze des amerikanischen Marktes zugrunde und berücksichtigt, dass man der dortigen Entwicklung vielleicht um drei Jahre hinterherhinkt, dann darf man sich auch hierzulande am Beginn einer von niedrigem Niveau aus steil ansteigenden Umsatzkurve wähnen. Zu diesem Schluss kamen mehrheitlich auch die Kongress-Teilnehmer. In ein paar Jahren, so die Markt-Auguren, könnten elektronische Bücher zehn bis 15 Prozent des gesamten Buchhandelsumsatzes ausmachen. Die Unterhaltungsliteratur auf Speichermedien würde dann einen jährlich Umsatz im unteren Millionenbereich an den Kassen erwirtschaften, Fachbücher brächten es vielleicht auch auf um die 20 Millionen, allerdings bei geringeren Wachstumsraten, denn hier ist die erste Welle bereits über die Ladentheken gerollt.
Handgreiflicher lässt sich die Entwicklung bei den Lesegeräten nachzeichnen: Während der ersten E-Book-Konferenz vor einem Jahr kursierten nur Prototypen im Publikum, die Markteinführung der E-Reader in Deutschland stand kurz bevor. Im März 2009 konnte man bereits unter 20 Readern wählen und aktuell werden deutschlandweit 39 Geräte unterschiedlicher Anbieter feilgeboten. Der überwiegende Teil greift auf die E-Ink-Technologie zurück, die ein nicht spiegelndes und sehr kontrastreiches Display ermöglicht, das sich ermüdungsfrei lesen lässt und zudem wenig Strom verbraucht. Manche Anbieter - wie etwa das junge Start-up Txtr, das noch in diesem Jahr seinen neuen, Linux-basierten Reader zu präsentieren hofft, schwören auf schwarz-weiße Einzweck-Geräte, andere suchen ihr Heil in der Kombination eines farbigen LCD-Displays zum Surfen und Mailen mit einer zweiten E-Ink-Anzeigefläche für das Lesen.Auch ein farbiges E-Ink-Display könnte im kommenden Jahr marktreif sein. Nicht zuletzt gewinnen auch Smartphones wie das iPhone als Lesegeräte an Gewicht.
Ansonsten geht der Ausstattungstrend auf technischem Gebiet eindeutig in Richtung Touchscreen, Wireless und Bluetooth. Auch bei den Formaten hat sich noch kein endgültiger Standard etabliert: Das spezialisierte EPUB, das den Seiteninhalt an das Displayformat anpassen kann, konkurriert nach wir vor mit PDF und Mobipocket. Aber Achtung: Kein einziges heutiges Gerät liest alle Formate. Die Preise bewegen sich im hiesigen Verkaufsgebiet zwischen 200 und 600 Euro. Auf ein Nachlassen bei wachsender Konkurrenz darf der potenzielle E-Book-Leser hoffen.
Entsprechend der hohen Entwicklungsdynamik sind auch die Verlage landauf landab noch auf der Suche nach einer passenden Strategie. Selbstüberschätzung, Ignoranz der Kundenwünsche, übertriebene Schutzanstrengungen und die Fixierung auf ein veraltetes Geschäftsmodell seien die Fehler der Musikindustrie gewesen, so der Droemer Knauer-Geschäftsführer Ralf Müller. Die gelte es nun zu vermeiden. Provokant sein Vorschlag einer "digitalen Restmüllverwertung": Warum nicht alle Titel der Backlist (Long Tail) drei oder fünf Jahre nach Erscheinungstermin automatisch einem E-Book-Verwerter wie Google Books überlassen? Sein eigener Verlag hat inzwischen immerhin über 300 E-Books im Programm und experimentiert etwa auch mit iPhone-Apps.
Auch andere Verlage und Händler, von denen einige elektronische Inhalte etwa als PDF schon seit mehr als zehn Jahren anbieten, berichteten auf der Konferenz von Experimenten mit verschiedenen Strategien. Auch wenn sich momentan damit sicher keine überragenden Geschäfte machen lassen, war daraus der Versuch zu lesen, sich zu positionieren und die Kinderkrankheiten zu überwinden, bevor in drei, fünf oder auch vielleicht erst zehn Jahren tatsächlich ein nennenswerter Umsatzanteil auf elektronische Bücher entfällt.




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