Editorial 01/2018

Millionendorf

In einer anachronistischen, mindestens 90 Millionen Euro teuren Rolle rückwärts revidiert die Stadt München das weltweit bewunderte LiMux-Projekt und wechselt zurück zu Microsoft. Höchste Zeit, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wir befinden uns im Jahr 2017 nach Christus. Die öffentlichen Verwaltungen in ganz Europa steigen sukzessive von proprietären Lösungen auf freie Software um. In Italien dürfen staatliche Stellen schon seit 2012 nur noch dann kommerzielle Software kaufen, wenn es keine Open-Source-Alternative gibt. In Norwegen, Schweden und Portugal existieren ähnliche gesetzliche Regelungen. In Bulgarien müssen Firmen, die Programme für die Regierung schreiben, diese unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlichen. Anfang Oktober 2017 haben die Minister aus 32 europäischen Staaten in der Erklärung von Tallinn vereinbart, im Zug einer eGovernment-Initiative soweit irgend möglich auf Open Source und offene Standards umzustellen [1].

Ganz Europa wechselt von proprietärer zu freier Software. Ganz Europa? Nein! Ein von ewiggestrigen Politikern regiertes Millionendorf am Rand der Alpen hört nicht auf, der freien Software entschlossen Widerstand zu leisten. Häuptling Reiterix und sein rot-schwarzer Clan vertreiben das böse LiMux aus den Hütten und lassen sich vom gerade frisch zugezogenen Druiden Microsoftix aus Windows-10-Zweigen und einer geheimen Zutat (es soll sich um Exchange-Wurzeln handeln) einen neuen Zaubertrank kochen, der den Dorfhonoratioren Superkräfte verleihen soll.

Spaß beiseite: Ende November hat Münchener Stadtrat beschlossen, die Uhren in der bayerischen Landeshauptstadt um 14 Jahre zurückzudrehen [2]. Das international als richtungweisend bewunderte Open-Source-Projekt LiMux, das Kosten sparen und die öffentliche Hand von einem Monopolisten unabhängig machen sollte, wird rückabgewickelt. Bis 2022 will man alle 29 000 Client-Rechner der Stadt auf Windows 10 und nach Möglichkeit auf Microsoft Office umstellen – 6000 MS-Office-Lizenzen erwirbt die Stadt schon einmal vorab. Die für die Umstellung veranschlagten Kosten versuchte die Verwaltung zunächst geheimzuhalten, musste aber schließlich einräumen, dass dafür bis 2023 mindestens 90 Millionen Euro fällig werden. Zum Vergleich: Ein Jahr LiMux-Betrieb – und der läuft bis zum Abschluss der Umstellung weiter – kostet zwischen 10 und 11 Millionen Euro.

Bei den 90 Millionen dürfte es aber nicht bleiben: Zum einen will die regierende SPD/CSU-Koalition auch LibreOffice abschießen, was eine Umstellung aller damit verbundenen Fachverfahren nach sich ziehen würde. Zum anderen führt man gerade ein neues E-Mail- und Groupware-System ein, das offiziell als "geheim" gilt, von dem aber die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass es sich dabei um Microsoft Exchange handelt. Die bislang genannten Kosten umfassen aber weder den Vollumstieg bei der Bürosoftware noch jenen bei der Groupware. München wird also voraussichtlich einen deutlich dreistelligen Millionenbetrag bei Microsoft und dessen Partnern auf den Tisch legen müssen.

Immerhin: Linux als Sündenbock ist damit endlich vom Tisch. Als tatsächliche Ursache der IT-Probleme der bayerischen Landeshauptstadt hatte ein Gutachten [3] zuletzt folgende Punkte identifiziert: das Fehlen einer transparenten IT-Steuerung, ineffiziente Vorhabensplanung, unzureichende Aufwandsschätzung, undurchsichtige Kostenzuordnung, mangelndes Bewusstsein für IT-Sicherheit, das Fehlen ordnungsgemäßer Arbeitsabläufe sowie gravierende Personalengpässe aufgrund mangelnder konkreter Planung. Den LiMux-Client beurteilte die Studie dagegen als tadellos.

Nach dem Wechsel zu Windows können die Verantwortlichen Linux nicht mehr länger als Feigenblatt für ihre Inkompetenz missbrauchen – gut so. Man könnte über diesen Schildbürgerstreich deshalb sogar fast lachen, wäre nicht absehbar, dass unvermeidbare Umstellungsfriktionen die desolate IT-Situation der Stadt noch verschärfen werden, und würden nicht Steuergelder in dreistelliger Millionenhöhe verheizt, nur um gravierende Fehler ignoranter Stadtschulzen zu kaschieren.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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