AA_roots_saiko3p_28101297_123rf.jpg

© Saiko3p, 123RF

Ubuntu 17.10 und seine Flavors im Check

Zurück zu den Wurzeln

2011 wechselte Ubuntu von Gnome zum eigenen Desktop Unity. Mit "Artful Aardvark" macht Canonical sechs Jahre später die Rolle rückwärts – nicht nur in dieser Hinsicht.

Es wirkt geradezu symbolisch, dass der Codename von Ubuntu 17.10 [1], "Artful Aardvark", mit den Initialen wieder am Anfang des Alphabets anlangt: Von 2004 bis 2011 war Gnome Ubuntus Standard, dann erfolgte der Wechsel zur Eigenentwicklung Unity. Nun kehrt das "listige Erdferkel" Ubuntu 17.10 mit einem Gnome-Desktop wieder zu den Ursprüngen zurück (Abbildung 1). Die – guten – Gründe dafür fasst der Kasten "Rückkehr zum Mainstream" zusammen.

Abbildung 1: Nach sieben Jahren mit Unity (links) wechselt Ubuntu 17.10 wieder zu Gnome (rechts) als Standard-Desktop. Dank angepasster Voreinstellungen merken Sie kaum etwas davon.

Rückkehr zum Mainstream

Manchmal stoßen Distributionen selbst neue Projekte für den Eigenbedarf an. Bei Canonical waren es sogar vier davon. Bereits 2006 entstand das Init-System Upstart, das sich jenseits von Ubuntu nicht durchsetzen konnte und mit Ubuntu 17.10 dem ansonsten mittlerweile gängigen Systemd weichen muss.

Den oft kritisierten Desktop Gnome 3 wollte Ubuntu nicht als Standard anbieten und entwickelte die Alternative Unity, die trotz enger Gnome-Verwandtschaft insbesondere optisch eigenständige Akzente setzte. Ubuntu 17.10 kehrt zu Gnome zurück, ergänzt dabei jedoch das inzwischen gereifte und mit externen Addons erweiterbare Gnome 3.26 um ein Dock, sodass der neue Desktop auch Unity-Anhängern entgegenkommt.

Als die Linux-Desktops vor rund zehn Jahren begannen, die für Spiele entwickelte 3D-Grafikbeschleunigung für Fensteranimationen zu nutzen, krachte es im alten X-Window-System gehörig an den Nähten. Daher entstand 2008 bei Fedora das alternative grafische Basissystem Wayland [10], das die meisten Linux-Entwickler letztlich überzeugte.

Ubuntu begann stattdessen an der eigenen Alternative Mir [11] zu arbeiten. Mit dem ursprünglich bereits für Ubuntu 13.10 angekündigten Mammutprojekt überhob sich Canonical aber; im Frühjahr 2017 zog Gründer und Sponsor Mark Shuttleworth den Stecker: Ubuntu 17.10 startet den Gnome-Desktop als zweite Distribution nach Fedora nun standardmäßig mit Wayland.

Geblieben ist nur noch das von Ubuntu initiierte Paketformat Snap: Das Software-Center unterstützt es, sodass beispielsweise das Zeichenprogramm Inkscape zweimal bereitsteht: einmal als Snap, einmal als konventionelles Debian-Paket. Nur wer in der detaillierten Ansicht auf den Eintrag Quelle: Snap Store achtet, bemerkt diesen Unterschied überhaupt.

Snaps packen eine Software samt Abhängigkeiten in ein als Container abgeschottetes Unterverzeichnis. Solche Snap-Pakete sind nicht mehr an eine bestimmte Distribution gebunden, sondern laufen auf vielen Linux-Systemen.

Wie immer stehen sogenannte Flavors mit vorinstalliertem alternativen Desktop, durchgängig passender Optik und passenden Programmen bereit, die zum anvisierten Kreis der Benutzer passen. So wählt Lubuntu den Browser Qupzilla anstatt Firefox für ein auf alten Rechnern funktionierendes Gesamtsystem; als Desktops dienen wahlweise das bewährte LXDE in Version 0.9.2 [2] oder das noch experimentelle LXQt [3].

Weitere offizielle Derivate sind Kubuntu [4] mit KDE Plasma 5.10.5, Ubuntu Maté [5] mit Gnome 2 in Version 1.18.0 und Xubuntu [6] mit einem schlankem XFCE 4.12.3. Erst zum zweiten Mal dabei ist der noch recht neue Budgie-Desktop [7] aus dem Solus-Projekt [8]. Außerdem gibt es mit Ubuntu Studio [9] eine Ausgabe speziell für Musiker, Ubuntu Kylin ist für chinesische Schrift und Sprache optimiert.

Von der Standard-Ausgabe bietet Canonical erstmals kein vollständiges 32-Bit-Image mehr an, sondern nur ein Net-Installer-Image, das weitere Pakete lädt.

Die Tabelle "Neue Software" zeigt die Aktualisierungen bei den Anwendungen; die Tabelle "Meta-Pakete" nennt die Pakete, mit deren Hilfe Sie einen Desktop in einem beliebigen Flavor nachrüsten. Eine Hilfestellung bei der Entscheidung, welche Ubuntu-Variante mit Ihrer Hardware harmoniert, finden Sie in der Tabelle "Ressourcen".

Neue Software

Programm 16.04 LTS 17.04 17.10
Kernel 4.4 4.10 4.13
Ardour 4.6 5.5 5.11
Audacity 2.1.2 2.1.2 2.1.2
Brasero 3.12.1 3.12.1 3.12.1
Calligra Suite 2.9.7 3.0.1 3.0.1
Chromium laufende Versionsupgrades    
Claws Mail 3.13.2 3.14.1 3.15.0
Clementine 1.2.3 1.3.1 1.3.1
Darktable 2.0.1 2.1.2 2.2.5
Digikam 4.12.0 5.4.0 5.6.0
Evolution 3.18.5 3.22.6 3.26.1
Firefox laufende Versionsupgrades    
Gimp 2.8.16 2.8.20 2.8..20
Handbrake 0.10.2 1.0.3 1.0.7
Inkscape 0.91 0.92.1 0.92.2
K3b 2.03 2.0.3a 17.08.0
Kdenlive 15.12.1 16.12.3 17.08.2
Krita 2.9.7 3.1.2.1 3.2.1
LibreOffice 5.1.1 5.3.1 5.4.1
Openshot 1.4.3 1.4.3 1.4.3
Owncloud-Client 1.8.1 2.2.4 2.3.2
Pidgin 2.10.12 2.12.0 2.12.0
Rawtherapee 4.2 5.0 5.2
Rhythmbox 3.3 3.4.1 3.4.1
Scribus 1.4.6 1.4.6 1.4.6
Thunderbird laufende Versionsupgrades    
VirtualBox 5.1.6 5.1.18 5.1.28
VLC 2.2.2 2.2.4 2.2.6
Wine 1.6.2 1.8.7 2.0.2

Ressourcen

Flavor Boot-Zeit RAM-Bedarf
Gnome (Wayland) 17 s 881 MByte
Gnome (X.org) 17 s 605 MByte
Budgie 21 s 522 MByte
Kubuntu 30 s 456 MByte
Lubuntu 14 s 198 MByte
LXQt 17 s 225 MByte
Maté 14 s 388 MByte
Xubuntu 20 s 308 MByte

Meta-Pakete

Desktop Meta-Paket
Standard ubuntu-desktop
Budgie ubuntu-budgie-desktop
Gnome vanilla-gnome-desktop
KDE  kubuntu-desktop
LXDE lubuntu-gtk-desktop
LXQt lubuntu-qt-desktop
Maté ubuntu-mate-desktop
Unity unity-session

Im Vergleich zum Vorgänger fallen beim Standard-Desktop von Ubuntu 17.10 auf den ersten Blick kaum Unterschiede auf: Obwohl nun Gnome statt Unity startet, erscheint links noch immer ein Ubuntu-typisches Dock, das Starter und Umschalter kombiniert (Abbildung 2). Ein Klick auf ein Symbol dort startet ein Programm; läuft es bereits, dann holt der Klick es in den Vordergrund. Nach dem Start eines Programms erscheint ein orangefarbener Punkt innerhalb des Starter-Icons. Lediglich Form und Farbe der Indikatoren änderte sich im Vergleich zu Unity.

Abbildung 2: Wie Unity kennzeichnet der Gnome-Desktop laufende Programme mit Markierungen im Starter-Icon, nun als dezente orange Punkte.

Gnome zeigt in seiner ursprünglichen Form das Dock mit Startern erst, wenn Sie im Aktivitäten-Screen [Super] ("Windows-Taste") drücken – vorher sehen Sie lediglich eine schmale Leiste oben. Das Dock unter Ubuntu basiert auf der Erweiterung Dash to Dock, die die Ubuntu-Entwickler optisch leicht modifiziert und vereinfacht haben. Sie dürfen die Icon-Größe im neuen Dock einstellen sowie das Dock unten oder rechts platzieren.

Klarschiff

Einige Besonderheiten, die mit der (Mir-)Vision einer konvergenten, für Desktop-PCs, Tablets und Smartphones geeigneten Oberfläche zusammenhingen, gehen in Ubuntu 17.10 verloren. Das betrifft vor allem das globale Menü, das aus Anwendungsfenstern heraus an die Desktop-Oberkante wanderte, wie man es von MacOS kennt.

Bei Gnome und Unity öffnet [Super] ein Startmenü im Vollbild, Gnome integriert dabei zusätzlich einen Fensterwechsler. Das aktuelle Gnome 3.26 skaliert die Vorschau dabei erstmals so, dass alle offenen Fenster gerade Platz finden. Durch Auswahl mit der Maus oder den Pfeiltasten springen Sie zu einem der laufenden Programme. Erst nach dem Tippen einiger Buchstaben erscheinen unter Gnome namentlich passende Programmstarter.

Die in Unity Linsen genannten zuschaltbaren Filter (Abbildung 3) für die Suche auf Dateien und Ordner, Fotos, Musik sowie nach Inhalten im Netz wie Picasa oder Facebook gibt es nicht mehr. Das empfindet nicht jeder als Nachteil: Die direkt ins Startmenü eingebaute Online-Suche führte dazu, dass Anwender nie so recht wussten, ob eine Anfrage lokal blieb oder im Internet Spuren hinterließ. Der Aktivitäten-Screen von Gnome sucht nicht mehr im Netz, durchforstet aber neben den Anwendungen weiterhin lokale Dateien und Dokumente.

Abbildung 3: Die teilweise auf Online-Inhalte zugreifenden Erweiterungen der Suche ("Linsen") unter Unity stieß nicht nur auf Gegenliebe.

Gnadenfrist

Sagt Ihnen als altem Ubuntu-Hasen der neue Desktop dennoch nicht zu, so installieren Sie aus dem Repository das Paket unity-session nach. Beim kompletten Upgrade von der Vorversion bleibt Unity ohnehin installiert und steht im Login-Screen bereit. Lediglich beim Standard, der ohne Eingreifen des Benutzers startet, wechselt das System dann zu Gnome.

Als weitere Alternative bietet sich vanilla-gnome-desktop an, ein Gnome ohne Ubuntu-spezifische Anpassungen. Dabei bleibt parallel der Ubuntu-Desktop erhalten. Die Boot-Animation und das Farbschema des Login-Screens wechseln zur grauen Gnome-Optik, was nach Rückkehr zur Ubuntu-Variante als kleiner Schönheitsfehler verbleibt, die Funktion aber nicht beeinträchtigt.

Beim grafischen Unterbau wirft Canonical das erst in der letzten Ausgabe hinzugekommene Mir als Unterbau über Bord. Statt des (noch vorhandenen) X.org-Servers kommt nun als Standard das distributionsübergreifende Projekt Wayland zum Zug. Im Test funktionierte es auf unserem Testsystem auf Anhieb ausgezeichnet, vom Wechsel war nichts zu spüren. Doch das gilt nicht zwangsläufig für alle Grafikkarten.

Deshalb stehen im Anmeldebildschirm Alternativen bereit, die statt Wayland den X.org-Server starten. Besitzer einer Nvidia-Karte, die für volle 3D-Beschleunigung den proprietären Grafiktreiber installiert haben, sehen nur die X-Window-basierten Einträge, da dieser Treiber noch nicht ohne Weiteres mit Wayland zusammenarbeitet.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 8 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

Kommentare

Infos zur Publikation

LU 12/2017: Perfekte Videos

Digitale Ausgabe: Preis € 5,95
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxUser erscheint monatlich und kostet 5,95 Euro (mit DVD 8,50 Euro). Weitere Infos zum Heft finden Sie auf der Homepage.

Das Jahresabo kostet ab 86,70 Euro. Details dazu finden Sie im Computec-Shop. Im Probeabo erhalten Sie zudem drei Ausgaben zum reduzierten Preis.

Bei Google Play finden Sie digitale Ausgaben für Tablet & Smartphone.

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!

Stellenmarkt

Aktuelle Fragen

Huawei
Pit Hampelmann, 13.12.2017 11:35, 1 Antworten
Welches Smartphone ist für euch momentan das beste? Sehe ja die Huawei gerade ganz weit vorne. Bi...
Fernstudium Informatik
Joe Cole, 12.12.2017 10:36, 2 Antworten
Hallo! habe früher als ich 13 Jahre angefangen mit HTML und später Java zu programmieren. Weit...
Installation Linux mint auf stick
Reiner Schulz, 10.12.2017 17:34, 3 Antworten
Hallo, ich hab ein ISO-image mit Linux Mint auf einem Stick untergebracht Jetzt kann ich auch...
Canon Maxify 2750 oder ähnlicher Drucker
Hannes Richert, 05.12.2017 20:14, 4 Antworten
Hallo, leider hat Canon mich weiterverwiesen, weil sie Linux nicht supporten.. deshalb hier die...
Ubuntu Server
Steffen Seidler, 05.12.2017 12:10, 1 Antworten
Hallo! Hat jemand eine gute Anleitung für mich, wie ich Ubuntu Server einrichte? Habe bisher...