Editorial 11/2017

Freier Code für freie Bürger

Eine neue Initiative der FSFE will Staat und Behörden per Gesetz dazu verpflichten, den von ihnen eingesetzten Code grundsätzlich unter freie Lizenzen zu stellen. Das ist aus mehr als nur einem Grund eine gute Idee, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

dass Firmen ungeniert alle erreichbaren Daten über uns sammeln, akkumulieren, kompilieren und verwerten, das stellt keinerlei Geheimnis dar. Ebenfalls sattsam bekannt ist, dass viele der Unternehmen nicht in der Lage sind, die zusammengerafften Daten sicher aufzubewahren. Immer wieder gelangen große Bestände persönlicher Informationen in die Hände von Unbefugten. So erbeuteten Angreifer jüngst beim US-Finanzdienstleister Equifax die Daten von 143 Millionen Kunden, samt Adressen, Sozialversicherungs- und Kreditkartennummern [1]. Den Negativrekord hält der Internet-Riese Yahoo, der sich die Daten von nicht weniger als 3 Milliarden Benutzerkonten abzapfen ließ [2].

Der größte aller Datensammler jedoch ist der Staat. Hier bleibt dem Bürger noch nicht einmal die Chance, im Zug einer sinnvollen Datensparsamkeit Informationen zu verweigern, sodass in Ämtern und Behörden extrem vertrauliche Daten lagern, weitgehend ohne jede Kontrollmöglichkeit seitens des Bürgers. Im Zug der vielberufenen Digitalisierung der Verwaltungen wandern immer mehr dieser Informationen in zentrale oder vernetzte Datenbanken, werden über das Internet ausgetauscht und abgeglichen.

Angesichts dessen erscheint es geradezu als lebenswichtig, dass für die Verarbeitung dieser Daten, ihren Transport und Abruf ausschließlich überprüfbare und bis ins Kleinste durchleuchtete Software zum Einsatz kommt. Der Quellcode unfreier Anwendungen allerdings stellt oft ein Geschäftsgeheimnis dar, was das Aufspüren und Schließen von Sicherheitslücken extrem erschwert. Schon deswegen liegt es nahe, dass die von öffentlichen Verwaltungen eingesetzte Software eigentlich quelloffen sein muss. Dafür sprechen aber auch noch andere gute Gründe: So müsste nicht jede Verwaltung für gleiche oder ähnliche Aufgaben das Rad neu erfinden, sondern könnte anderswo gefundene Lösungen auch für sich nutzen. Das würde Projekte beschleunigen, eine Kostenteilung ermöglichen und insgesamt zu einer transparenteren Kostenstruktur und einer Entlastung der Budgets – und damit des Steuerzahlers – beitragen.

Diese offensichtlichen Vorteile des Open-Source-Prinzips halten in der Praxis aber Verwaltungen nicht davon ab, gegen die Interessen des Bürgers und letztlich sogar gegen ihre eigenen zu handeln. Ein besonders abschreckendes Beispiel entsprechender Ignoranz liefert dieser Tage die Stadt München ab, die das weltweit als Vorbild geltende LiMux bereits von ihren Webseiten radiert hat [3] und in Sachen Groupware auf eine für "geheim" erklärte, jedoch unschwer als Microsoft Exchange identifizierbare Groupware-Lösung umschwenkt [4].

Da kommt die Initiative Public Money, Public Code [5] der Free Software Foundation Europe gerade zur rechten Zeit. Sie fordert Politiker in einem offenen Brief auf, auf nationaler wie europäischer Ebene gesetzlich zu verankern, dass mit öffentlichen Geldern für öffentliche Verwaltungen entwickelte Software quelloffen sein und freien Lizenzen unterstehen muss. Mehr als 80 Organisationen und über 12 000 Einzelpersonen (darunter auch ich) haben diesen Aufruf bereits mit unterzeichnet. Er wird bis zur nächsten Europa-Wahl 2019 an Abgeordnete aller nationalen und des Europa-Parlaments verteilt.

Wenn auch Sie darauf Einfluss nehmen möchten, wie der Staat mit Ihren Daten umgeht, dann schauen Sie doch einmal auf der Webseite http://Publiccode.eu der Initiative vorbei und tragen Sie sich gegebenenfalls in die Unterstützerliste ein. Man sieht sich!

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

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  • Kontrollverlust
  • In der Pflicht
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