Editorial 09/2017

Ritsche-ratsche

Manche Verwendungszwecke freier Software behagen nicht jedem. Doch wer deshalb an der Freiheit 0 der GNU-Prinzipien sägt, hat offensichtlich die Konsequenzen nicht zu Ende bedacht, warnt Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

außer auf dem klassischen Desktop ist Linux inzwischen so gut wie überall. Es betätigt sich auf der Mehrzahl aller Server, treibt unsere Android-Geräte an, läuft auf vernetzen Heimgeräten vom Kühlschrank bis zum Dildo [1] und gilt allgemein als Motor des Internet of Things schlechthin.

Dabei taucht es auch an Stellen auf, die nicht jedem schmecken – etwa bei Militär. Besonders die US-Streitkräfte lieben Linux: Die Army betrieb schon vor einem Jahrzehnt die weltweit größte Basis von Red-Hat-Installationen [2], und auch die Navy kann gut mit Linux: So steuert das freie Betriebssystem wichtige Komponenten auf den Atom-U-Booten der US-Marine [3], lenkt die bewaffneten Helikopter-Drohnen der Baureihe MQ-8B [4] und koordiniert die Einsatzsysteme auf den futuristischen Lenkwaffenzerstörern der Zumwalt-Klasse [5].

Es geht aber auch eine Nummer kleiner: Ein AI-Programm auf einem Raspberry Pi erwies sich letztes Jahr als fit genug, um ein F-35-Jagdflugzeug mit einem erfahrenen Militärpiloten der US-Luftwaffe am Steuer in einem simulierten Luftkampf abzuschießen [6]. Auch bei der Bundeswehr beginnt man sich zunehmend mit Linux anzufreunden: So sollen deutsche Soldaten als "Infanterist der Zukunft" [7] künftig Linux-koordiniert ins Gefecht gehen, und auch das jüngst aufgestellte, 13 000 Mann starke Kommando Cyber- und Informationsraum [8] arbeitet dem Vernehmen nach gern mit dem freien Betriebssystem.

Was der eine als Beweis für die Qualitäten von Linux wertet, stößt dem anderen sauer auf. So taucht regelmäßig die Forderung auf, Varianten freier Lizenzen zu schaffen, die eine militärische Nutzung ausschließen. Freie Software soll sich nicht für "böse" Zwecke verwenden lassen [9].

So begreiflich das Bauchgrimmen von FOSS-Entwicklern angesichts der militärischen Verwendung freier Software zunächst erscheinen mag, greift die Forderung schon aus praktischen Gründen zu kurz: Denn wie definiert man "böse" genau? In vielen Staaten gehören beispielsweise Polizei und Feuerwehr nominell zum Militär, wie etwa bei unserem Nachbarn Frankreich, wo allein die Gendarmerie Nationale 80 000 Ubuntu-Rechner betreibt [10]. In zahlreichen Ländern zeichnen darüber hinaus die Streitkräfte für den Einsatz von Rettungshubschraubern verantwortlich, so auch in Deutschland [11].

Viel schlimmer aber: Ein Ausschluss einzelner Benutzergruppen würde die Freiheit 0 [12] der GNU-Prinzipien freier Software verletzen, also die Freiheit, das Programm auszuführen wie man möchte, für jeden Zweck. Nicht umsonst bildet dieses Paradigma die Basis jeder FOSS-Lizenz: Es zu ignorieren, führt zum absoluten Sündenfall. Es macht den Entwickler zum Vorzensor, der ihm missliebige "böse" Benutzergruppen ausklammert: Software nur für Zivilisten, nur für Weiße / Schwarze, Homophile / Homophobe, nur für bestimmte politische Richtungen, nur für Benutzer in demokratischen Ländern, nicht für Anhänger von Trump / Merkel / Schulz, für jeden außer Russen / Ukrainern / Nordkoreanern / Israelis / Palästinensern?

Schon beim bloßen Gedanken stehen mir die Haare zu Berge. Wer an der Freiheit 0 sägt, der sägt an dem Ast, auf dem wir alle sitzen. Da ziehe ich etwas Bauchgrimmen über bestimmte Verwendungszwecke allemal vor.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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