Editorial 08/2017

Paradigmenwechsel?

Windows 10 und hartnäckige Malware treiben immer mehr Windows-Anwender auf die Suche nach Betriebssystemalternativen. Aufgrund immanenter Schwächen des freien Betriebssystems kommen jedoch die wenigsten davon bei Linux an, ärgert sich Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

dieser Tage bin ich über zwei Blogposts gestolpert, die nach meinem Dafürhalten schlaglichtartig die Situation von Linux auf dem Desktop beleuchten. Als Protagonisten treten dabei Marius auf, der in Braunschweig bloggt, aber mangels Impressum ansonsten eine vage Größe bleibt, und der Gentoo-Entwickler Diego Pettenò.

Marius freut sich in seinem Post über die steigende "Verbreitung von Linux auf dem Desktop" [1]: Laut Netmarketshare-Statistik [2] hat der Linux-Desktop die 2-Prozent-Marke beim Marktanteil im Juni geknackt, und laut einer Zdnet-Umfrage [3] können sich 68 Prozent aller Nutzer vorstellen, Linux auf dem Desktop zu benutzen. Prophezeit Marius: "Linux auf dem Desktop kommt langsam in Fahrt, und wenn die kritische Masse erreicht ist, wird der Anstieg exponentiell sein."

Ich fürchte, da irrt er. Um es einmal spitz zu formulieren: Die 68 Prozent Zdnet-Leser können sich den Linux-Desktop-Einsatz wahrscheinlich nur deswegen vorstellen, weil 66 Prozent es noch nie benutzt haben. Sonst wüssten sie um fricklige Konfiguration aufgrund mangelnder bis nicht vorhandener Dokumentation, unnötig umständliche Bedienung, ärgerliche Regressionen, Support by googling und was da der leider unbestreitbaren Nachteile von Linux-Desktop-Software mehr sind.

Die Ursachen für diese Misere breitet (unfreiwillig) Diego Pettenò in seinem Beitrag vor uns aus [4]. Darin verdammt der Gentoo-Developer jede Standardisierung für den Linux-Desktop in Grund und Boden, besonders die Anstrengungen der Linux Standard Base, die doch unglaublicherweise darauf aus sei, dem Anwender das Leben zu erleichtern, indem Binaries auf möglichst jedem System laufen können sollen. Viel besser sei da schon Linuxdesktop.org, weil es dem Entwickler das Schreiben von Applikationen erleichtere. Überhaupt seien Distributionen völlig überschätzt und mittlerweile völlig irrelevant.

Ich verstehe durchaus, dass Entwickler quelloffener Software vorrangig dem Lustprinzip folgen und den technischen Kick am Programmieren suchen – das ist auch völlig legitim. Doch die schönste Software ergibt keinen Sinn, wenn niemand außer dem Programmierer selbst sie benutzen mag. Wenn man sich schon durch (oft auch noch unzureichend dokumentierten) Code wühlen muss, um eine Anwendung auch nur zum Laufen zu bringen, dann bleibt sie meistens ungenutzt.

Solche Frickeleien machen schon mich fuchsig, der ich als ehemaliger Anwendungsentwickler zumindest Code lesen kann. Von einem normalen Anwender darf man das aber nicht erwarten. Ich will Programme benutzen, nicht durchlesen – Belletristik geht anders. Die Software-Maintainer der "irrelevanten" Distributionen fangen dankenswerterweise viele der Probleme auf, können aber prinzipbedingt nur an den Symptomen herumdoktern.

Langer Rede kurzer Sinn: Zwar treiben die kostenpflichtige Abhöranlage Windows 10 und Malware-Katastrophen wie Wannacry und Petya immer mehr Microsoft-Anwender auf die Suche nach Alternativen. Die werden den Linux-Desktop jedoch erst dann als valides Umstiegsziel wahrnehmen, wenn dessen Einsatz weniger Leidensfähigkeit und sozioökonomisches Bewusstsein voraussetzt und dafür schlicht leichter fällt. Liebe Software-Entwickler: Ihr könnt Probleme einfacher lösen als ein Endanwender. Zieht doch bitte in Erwägung, nicht primär euch das Leben zu erleichtern, sondern es vielmehr dem Anwender nicht allzu schwer zu machen. Dann wird's auch was mit dem Linux-Desktop …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] "Verbreitung von Linux auf dem Desktop": https://marius.bloggt-in-braunschweig.de/2017/07/05/verbreitung-von-linux-auf-dem-desktop/

[2] "Linux knackt 2-Prozent-Marke beim Desktop": http://www.silicon.de/41652521/linux-knackt-2-prozent-marke-beim-desktop/

[3] Zdnet-Umfrage (ab 20. Juni): http://www.zdnet.de/umfragen/

[4] "Distributions becoming irrelevant": https://blog.flameeyes.eu/2017/06/distributions-becoming-irrelevant/

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