Editorial 07/2017

Basisarbeit

Der Kernel zählt zu den am wenigsten wahrgenommenen und am meisten unterschätzten Bestandteilen des Gesamtkunstwerks Linux – völlig zu unrecht, meint Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Linux – das fällt heute in die Rubrik Convenience. Wir alle nutzen jeden Tag das freie Betriebssystem, ohne groß darüber nachzudenken. Ungeachtet des hartnäckigen Vorurteils, es handle sich dabei um eine Angelegenheit für Nerds und Bastler, kann man Linux in wenigen Minuten auf einen Rechner aufspielen und bequem damit arbeiten. Wie bei jedem Betriebssystem stehen dabei Desktop, Anwendungen und Tools im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dabei tendiert man dazu, die Basis zu übersehen, die das Userland und dessen Bequemlichkeiten auf so solide Füße stellt: den Kernel, das eigentliche Linux. Der hat seit seinen Anfängen im Jahr 1991 eine atemberaubende Entwicklung genommen – aber größtenteils im Verborgenen.

Vor gut 25 Jahren noch eine One-Man-Show eines finnischen Studenten, präsentiert sich der Kernel heute als massives Software-Projekt, dessen Maßstab jenem der kommerziellen Konkurrenz aus Redmond oder Cupertino um nichts nachsteht. Die Zeit der Bastler gehört schon lange der Vergangenheit an, die meisten Entwickler auf der Linux-Maintainer-Liste [1] arbeiten für Unternehmen in Voll- oder zumindest Teilzeit am Kernel. Dabei geht es um gewaltige Code-Mengen, die es nicht nur zu programmieren gilt, sondern vor allem zu koordinieren und zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzubinden.

Schon vor zehn Jahren umfasste der Kernel über 8 Millionen Zeilen Quelltext, der Kernel 4.11 vom Mai 2017 bringt es auf über 23 Millionen Lines of Code (MLOC). Zum Vergleich: Das Flugkontrollsystem eines Space Shuttle umfasste 400 000 Zeilen Code, die Avionik eines modernen Boeing-787-Dreamliners bringt es auf 6,5 MLOC – das entspricht etwa dem Umfang von Windows XP (6 MLOC). LibreOffice besteht aus gut

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