Editorial 06/2017

Rolle rückwärts

Mark Shuttleworth' Entscheidung, den Unity-Desktop und den Display-Server Mir zu beerdigen, sorgt für Irritationen in der Ubuntu-Gemeinde. Viel Lärm um nichts, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Als 2004 "Warty Warthog" erschien, das erste Ubuntu-Release, traf die neue Distribution den Nerv der Zeit: Ein simpel zu installierendes Debian-Derivat mit aktueller Software, das in einheitlicher Optik startete, erschien insbesondere vielen Windows-Aussteigern als interessante Alternative. Schnell entwickelte die neue Distribution sich zu "everybody's darling" und in Nicht-Linux-Kreisen quasi zum Synonym für das freie Betriebssystem.

Als Ubuntu dann 2011 in Form von Unity eine eigene Desktop-Umgebung einführte, die sich wegen vieler Änderungen an Kernbibliotheken kaum auf andere Distributionen übertragen ließ, erhob sich allerdings der Vorwurf, Ubuntu spalte die Linux-Gemeinde, nehme viel vom freien Debian und gebe wenig zurück. Ähnlich negativ fiel das Echo auf die darauf folgenden Canonical-Sonderwege aus, wie das eigene Startsystem Upstart oder den als Konkurrenz zu Wayland entwickelten X-Window-Nachfolger Mir.

Was stört es die Eiche, wenn die Sau sich daran reibt, dachte sich Mark Shuttleworth offenbar, und ließ die Canonical-Entwickler aller Kritik zum Trotz weiter an den Ubuntu-Sonderwegen stricken. Als hehres Ziel stand dabei die sogenannte Konvergenz im Mittelpunkt, also ein gemeinsamer Unterbau (Mir) samt Oberfläche (Unity 8) für Smartphone, Tablet und PC [1]. Doch alles Aufbegehren gegen die Mobil-Platzhirsche Google und Apple half letztlich nichts, zumal sich die Entwicklung der Komponenten für die konvergente Ubuntu-Wollmilchsau als wesentlich komplexer und erheblich langwieriger als gedacht erwies.

Anfang April zog Mark Shuttleworth schließlich die Reißleine und beerdigte in einem Blogpost sowohl Mir als auch Unity 8 [2]. Spätestens ab der nächsten LTS-Version 18.04 schwenkt Ubuntu auf Gnome 3 als Oberfläche um, was zwangsläufig auch den Wechsel zum Display-Server Wayland nach sich zieht. Die Abkündigung erscheint umso delikater, als sie fast zeitgleich mit dem Release von Ubuntu 17.04 erfolgte, das Shuttleworth damit zum Auslaufmodell degradiert. Zudem konzentriert Canonical seine Anstrengungen künftig auf das Cloud- und IoT-Geschäft, wofür das Unternehmen sogar neue Mitarbeiter anstellt. Gehen müssen hingegen 80 Desktop-Entwickler, die sich bisher mit Unity und Mir beschäftigt haben [3].

Die Reaktionen der Linux-Gemeinde fallen ambivalent aus: Während sich die einen darüber freuen, dass Ubuntu nun wieder auf den rechten Weg zurückkehre [4], fürchten die anderen einen Bedeutungsverlust der gefühlt populärsten Endanwender-Distribution und einen Rückfall des Linux-Desktops in die Irrelevanz [5].

Tatsächlich dürfte sich aber durch die Rolle rückwärts bei Canonical aber letztlich kaum etwas ändern: Ubuntu als Desktop hat eine starke Community, die sich sicher auch von einem neuen Desktop nicht verschrecken lässt; zudem gibt es für Nostalgiker weiter Unity 7 im "Universe"-Repo. Und Canonical pflegt mit tödlicher Sicherheit im Cloud- und IoT-Bereich auch künftig seine Sonderwege, zu deren prominentesten das Paketformat Snap und das IoT-OS Snappy Core zählen. Alles wie gehabt, also …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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