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Ubuntu 17.04 im Überblick

Auslaufmodell

Große Innovationen lässt Ubuntu 17.04 vermissen, doch immerhin gibt es mit Ubuntu Budgie ein neues offizielles Flavor.

Als 2004 das erste Ubuntu [1] erschien, ein einfach zu installierendes Debian-Derivat mit aktueller Software, das nach dem simplen Installationsprozess in einheitlicher Optik startete, traf die neue Distribution den Nerv vieler Windows-Umsteiger.

Als Ubuntu 2011 mit Unity seine eigene Desktop-Umgebung einführte, die sich wegen vieler Änderungen an Kernbibliotheken kaum auf andere Distributionen übertragen ließ, erhob sich jedoch der Vorwurf, Ubuntu spalte die Linux-Community, nehme viel vom freien Debian und gebe wenig zurück. Ähnlich negativ fiel das Echo auf andere Canonical-Sonderwege aus, wie das eigene Startsystem Upstart [2] oder den als Konkurrenz zu Wayland [3] entwickelten X-Window-Nachfolger Mir [4].

Was stört es die Eiche, wenn die Sau sich daran reibt, dachte sich Mark Shuttleworth offenbar, und ließ die Canonical-Entwickler trotz aller Kritik weiter an den Ubuntu-Sonderwegen stricken. Als hehres Ziel stand dabei die "Konvergenz" im Mittelpunkt, also ein gemeinsamer Unterbau (Mir) samt Oberfläche (Unity 8) für Smartphone, Tablet und PC [5]. Doch alles Aufbegehren gegen die Mobil-Platzhirsche Google und Apple half letztlich nichts, zumal sich die Entwicklung der Komponenten für die konvergente Ubuntu-Wollmilchsau als wesentlich komplexer und erheblich langwieriger als gedacht erwies.

Im April 2017 zog Shuttleworth schließlich die Reißleine und beerdigte in einem Blogpost sowohl Mir als auch Unity 8 [6]. Spätestens ab der nächsten LTS-Version 18.04 schwenkt Ubuntu in Sachen Oberfläche auf Gnome 3 um, was mehr oder weniger zwangsläufig auch den Wechsel zum Display-Server Wayland nach sich zieht. Das ist umso delikater, als die Abkündigung fast zeitgleich mit dem Release von Ubuntu 17.04 erfolgte, das Shuttleworth damit zum Auslaufmodell degradiert.

Bei all dem Auf und Ab bietet die Distribution nach wie vor die Prêt-à-porter-Erfahrung, für die sie von Anfang an berühmt war: Der einfach zu bedienende Installer richtet eine konsistente Arbeitsumgebung mit sinnvoller Ausgangskonfiguration ein. Die beschränkt sich auf eine vorinstallierte Desktop-Umgebung. Dafür gibt es neun "Flavors" (wörtlich: Geschmacksrichtungen) mit verschiedenen Desktops oder der Ausrichtung auf spezielle Einsatzszenarien.

Desktop nach Geschmack

Die meisten der Ubuntu-Flavors tragen eine Desktop-Umgebung im Namen: So verweist etwa das "K" in Kubuntu [7] auf den modernen KDE-Plasma-5-Desktop. Puristischer gibt sich Ubuntu Gnome [8]. Der Gnome-Desktop macht sich bis auf eine schmale obere Leiste unsichtbar, weitere Bedienelemente holt erst ein Druck auf die "Windows"-Taste in den Vordergrund.

Bevorzugen Sie ein klassisches Desktop-Layout im Stile von Windows 95, dann könnte eine konservative Desktop-Umgebung wie XFCE in Xubuntu [9] oder LXDE in Lubuntu [10] das Richtige für Sie sein. Auch Ubuntu Maté [11], ein Fork des Gnome-2-Desktops von 2011, könnte von Neuerungen eher genervten Anwendern zusagen: Damals fiel Gnome noch deutlich konventioneller aus und ließ sich außerdem viel stärker konfigurieren. Nach heutigen Maßstäben belegt der aktuell gehaltene alte Desktop wenig Arbeitsspeicher.

Mit dem Neuzugang Ubuntu Budgie [12] betritt ein Desktop die Bühne, der sich ebenso minimalistisch wie XFCE oder LXDE gibt. Hinsichtlich der Bedienung und Optik lehnt er sich dagegen mit seinem rechts gelegenen, kombinierten Benachrichtigungs- und Applet-Dock eher an Windows 10 an.

Welches Flavor wie schnell startet und wie viele Ressourcen belegt, zeigt die Tabelle "Startzeit und Speicherbedarf". Wir haben die Werte auf einem älteren Intel-i7-Rechner mit mechanischer Festplatte ermittelt. Die angegebene Startzeit gilt ab dem Login, wobei der Bootvorgang bis dahin bei allen Flavors 32 Sekunden dauert.

Startzeit und Speicherbedarf

Flavor Desktop Start RAM
Ubuntu Unity 8s 626 MByte
Ubuntu Budgie Budgie 6s 667 MByte
Ubuntu Gnome Gnome 3 33s 805 MByte
Ubuntu Maté Maté 8s 554 MByte
Kubuntu KDE Plasma 55s 772 MByte
Lubuntu LXDE 7s 253 MByte
Lubuntu LXQt 9s 261 MByte
Xubuntu XFCE 6s 322 MByte

Alle Ubuntu-Varianten greifen auf ein gemeinsames Software-Repository zu. Das Nachinstallieren der in einem Flavor vorausgewählten Pakete führt zu einem identischen Ergebnis. So lassen sich auch mehrere Desktops parallel installieren, zwischen denen Sie dann beim Anmelden wählen (Abbildung 1). Es genügt dabei, pro Desktop ein Metapaket zu wählen, das über Abhängigkeiten alle für die gesamte Umgebung nötigen Komponenten ins System zieht (siehe Tabelle "Desktop-Metapakete").

Abbildung 1: Unter jedem Ubuntu-Flavor lassen sich mithilfe von Metapaketen beliebig viele Desktops parallel installieren.

Desktop-Metapakete

Desktop Metapaket
KDE Plasma kubuntu-desktop
Gnome 3 ubuntu-gnome-desktop
Maté ubuntu-mate-desktop
Unity ubuntu-desktop
Budgie ubuntu-budgie-desktop
LXDE lubuntu
XFCE xubuntu-desktop
LXQt lxqt

Neben den Desktop-Flavors gibt es noch drei Ubuntu-Ausgaben für spezielle Anwendungsszenarien: Das chinesisch lokalisierte Ubuntu Kylin zielt auf den fernöstlichen Markt. Ubuntu Studio [13] bietet auf Basis eines auf niedrige Latenzen hin optimierten Kernels eine Vielzahl an Multimedia-Anwendungen aus praktisch allen Bereichen. Mythbuntu [14] platziert sich als einsatzfertiges Smart-TV- und Videorekorder-System für den Empfang über Kabel, DVB oder Satellit.

Zu guter Letzt stehen noch ein minimalistisches Server-System [15] ohne grafische Oberfläche sowie eine Variante für Cloud-Systeme [16] bereit, die sich aber beide an Experten richten.

Update-Politik

Die Updates für das laufende System enthalten Bugfixes und Sicherheitsaktualisierungen, aber in der Regel keine neuen Programmversionen: Die bleiben den zweimal jährlich erscheinenden Distributions-Upgrades vorbehalten. Dafür dürfen Ubuntu-Anwender darauf vertrauen, dass die gewohnten Programme zwischen den Upgrades nicht in einer neuen Version und eventuell völlig umgestalteter Oberfläche starten.

Die Tabelle "Neue Software" zeigt Beispiele für die in Ubuntu 17.04 mitgelieferten Versionen populärer Anwendungen. Hier gibt es keine weltbewegenden Neuerungen. Die Highlights von Ubuntu 17.04 beschränken sich auf den Kernel 4.10, der mit den neuen Ryzen-CPUs von AMD umgehen kann, sowie LibreOffice 5.3. Das bringt erstmals eine an das umstrittene Ribbons-Konzept von Microsoft Office angelehnte Oberfläche mit (Abbildung 2), die ausschließlich auf Symbolleisten basiert und auf konventionelle Menüs verzichtet.

Abbildung 2: Die neue Ribbon-Oberfläche von LibreOffice 5.3 lässt sich mit den klassischen Menüs kombinieren.

Neue Software

Programm 16.04 16.10 17.04
Kernel 4.4 4.8 4.10
Amarok 2.8.0 2.8.0 2.8.0
Ardour 4.6 5.0 5.5
Audacity 2.1.2 2.1.2 2.1.2
Brasero 3.12.1 3.12.1 3.12.1
Calligra 2.9.7 2.9.11 3.0.1
Darktable 2.0.1 2.0.5 2.1.2
Digikam 4.12.0 4.14.0 5.4.0
Evolution 3.18.5 3.22.1 3.22.6
Gimp 2.8.16 2.8.18 2.8.20
Handbrake 0.10.2 0.10.15 1.0.3
Inkscape 0.91 0.91 0.92.1
K3b  2.03 2.03 2.0.3a
Kdenlive 15.12.1 16.04.3 16.12.3
LibreOffice 5.1.1 5.2.2 5.3.1
Rhythmbox 3.3 3.4.1 3.4.1
Scribus 1.4.6 1.4.6 1.4.6
Virtualbox 5.1.6 5.1.6 5.1.18
VLC  2.2.2 2.2.4 2.2.4
Wine 1.6.2 1.8.5 1.8.7

Jedoch lässt sich das Look & Feel nach eigenem Geschmack einstellen: Sie wählen entweder die Icon-basierte Oberfläche über Ansicht | Symbolleisten-Ansicht | Symbolband bewusst aus oder bleiben bei der alten Aufmachung. Derzeit steht die neue Ansicht erst nach Aktivieren der Experimentellen Funktionen unter Extras | Optionen | LibreOffice | Erweitert zur Verfügung. Anders als in MS Office lässt sich die neue, größere Symbolleiste auch mit den bisherigen vollständigen Menüs kombinieren. Damit erleichtert sie Gelegenheitsanwendern oder Umsteigern tatsächlich die Bedienung.

In der aktuellen Version unterstützt Ubuntu jetzt auch IPP-Everywhere-fähige Drucker sowie Apple-Airprint-Drucker, die beide keinen auf ein einzelnes Modell zugeschnittenen Druckertreiber benötigen.

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