Fazit

Mit Bitwig Studio*2 gelingt dem Unternehmen das Kunststück, eine komplexe Software zu erweitern und an wichtigen Stellen zu ändern, ohne dass etwas von den Qualitäten der älteren Version verlorengeht. Das noch einmal stark erweiterte, modulare Konzept macht die Software noch mehr zu einem absolut ernsthaften Musikinstrument, mit dem Sie nahezu unbegrenzt neue Klänge erschaffen.

Gleichzeitig bleibt die Anwendung intuitiv bedienbar und läuft absolut stabil. Das Programm ist sein Geld wert, und der Umgang von Bitwig mit seinen zahlenden Kunden unter Linux erscheint vorbildlich. Wer beim Spielen mit dem Programm an Grenzen stößt, greift auf die sehr gut ausgebaute Hilfe zurück, die die Entwickler im Bereich Help des Inspectors anbieten. 

Audiosamples automatisiert

Das Programm richtet sich vor allem an Produzenten moderner Popmusik und Elektronik. Hier legen die Künstler besonders Wert auf korrektes Timing und Möglichkeiten zum Importieren und Arrangieren von nicht direkt von Musikern gespieltem Material. Grundsätzlich möchten Produzenten dabei Aufnahmen von Musikern genauso flexibel manipulieren, wie es mit Noten in MIDI-Sequenzen gelingt.

Konsequenterweise analysiert Bitwig jede in ein Projekt importierte Wave-Datei automatisch und markiert den Anstieg der Lautstärke an den Stellen, an denen im Sample eine neue Note ertönt. Diese Transienten genannten Notenansätze behandelt die Software dann wie MIDI-Noten. Auf dieser Basis passt sie jedes importierte Sample automatisch an die Laufgeschwindigkeit des Projekts an. Im Test passten bei 90 BPM aufgenommene Passagen von Bass und Schlagzeug geradezu gespenstisch perfekt in ein mit 110 BPM viel schnelleres Projekt. Selbst Tests mit schnellen Samples in langsamen Projekten und mit extremeren Unterschieden hörten sich automatisch korrekt an.

HiFi-Puristen dürften bei solchen Tricks die Haare zu Berge stehen, denn was für den einen eine "unkorrekte" Geschwindigkeit ist, stellt für viele andere einen subtilen Ausdruck von Individualität dar. Allerdings haben die Entwickler daran gedacht, dass das Programm mit von Menschen gespielter Musik umgehen muss und nicht nur mit mathematisch angeordneten digitalen Klangmessungen. Während es die gesamte Geschwindigkeit an das Projekt anpasst, bleiben leichte Schwankungen der Geschwindigkeit innerhalb der Aufnahmen erhalten. Selbst absichtlich daneben gespielte Töne liegen nach dem Anpassen proportional an ihrer im Original gewünschten Stelle.

Absolut bemerkenswert erscheint die Klangqualität: Artefakte wie Phasenverschiebungen oder gar verlorene Samples waren bei einstimmigen Bass- und Drum-Samples nicht zu hören, die Aufnahmen hörten sich nach dem Anpassen genauso an wie vorher, nur etwas schneller oder langsamer. Erst sehr komplexe mehrstimmige Aufnahmen mit schwer verzerrten Gitarren enthüllen den Effekt der Manipulation.

Der Stretch-Automatismus ist voreingestellt, bei Bedarf aktivieren Sie ihn aber für jedes importierte oder aufgenommene Sample einzeln. Nach einem Linksklick auf das in eine Spur gezogene Sample bringt ein Druck auf [I] links das Inspector-Panel zum Vorschein, in dem Sie sehr detaillierte Einstellungen für den Umgang mit dem Material vornehmen. Nach Auswahl von StretchHD verbessert sich das Resultat noch einmal deutlich, selbst bei schwierigem Material. Im Modus Repitch ändert Studio mit der Geschwindigkeit außerdem die Tonhöhe.

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Hannover als Dozent, Autor und Software-Entwickler. Er macht mit freier Software Musik auf Linux-Rechnern (http://lapoc.de) und betrachtet Guitarix als besten Gitarrenverstärker, den er je hatte.

Glossar

DAW

Digital Audio Workstation. Gerät, das alle Funktionen eines Musikstudios vereint. Ursprünglich ging das nur auf teuren Spezialmaschinen, heute meint DAW fast immer eine Software, die auf einem gängigen Computer läuft.

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