Ressourcen und Plugins

Auf dem Testsystem (siehe Kasten "Musik-Maschine") war bei einem normalen Projekt mit 24 Spuren bei gleichzeitigem Einsatz von Steam und Firefox zwar ein Einfluss, aber keine Störung zu registrieren. Offensichtlich geht die Applikation großzügig mit dem Arbeitsspeicher um.

Musik-Maschine

Als Rechner für den Test kam ein PC mit Intel-i5-2500-CPU (4 Kerne, 3,30 GHz Takt) sowie 8 GByte RAM zum Einsatz. Eine 6 GByte große Swap-Datei auf dem SSD-Laufwerk erweiterte bei Bedarf den Arbeitsspeicher. Als Betriebssystem diente Ubuntu Studio 16.04 mit einem Low-Latency-Kernel in Version 4.4.0-66 sowie den meisten Plugins aus dem Repository "KX Studio" von Paulo Coelho (von dem das Team hinter Ubuntu Studio den tadellos eingerichteten Low-Latency-Kernel übernimmt).

Der proprietäre Grafiktreiber nvidia-367 funktionierte normal und verursachte im Test keinerlei Probleme. Als Soundkarte fungierte eine in Würde ergraute MAudio 1024 im PCI-Slot, deren Daten vom ausgereiften Alsa-Treiber via Jackdmp 1.9.11 zu Bitwig Studio 2 gelangten.

Allerdings ist es immer noch nötig, beim Start von Jack den integrierten MIDI-Server zu deaktivieren, da Bitwig Studio sonst keinerlei MIDI-Signale von außen entgegennimmt. Auf Nachfrage teilte das Unternehmen mit, dass Studio 2 ebenfalls nur Alsa-RAW-MIDI unterstützt. Jack lief im Test mit Buffer-Einstellungen, die eine Latenz nur 5,33 Millisekunden sicherstellten.

Der Befehl free meldet nach dem Start der DAW ein reichliches Gigabyte mehr Verbrauch. Nach dem Aktivieren einer Swap-Datei von 6 GByte auf einem SSD-Laufwerk schlug die Last durch Studio 2 immer noch auf Chrome und Steam durch, allerdings nur noch in kaum merklichem Ausmaß.

Der Ressourcenverbrauch hängt auch von den Anforderungen von Plugins ab. In dieser Hinsicht fiel im Test auf, dass sich die Zusammenarbeit von Bitwig mit Paulo Coelhos universellem Plugin-Host Carla von "prinzipiell möglich" deutlich in Richtung "reibungslos" entwickelt hat. Dank Carla stehen LV2-Plugins in Studio 2 für produktive Projekte bereit, obwohl die neue Generation der DAW dieses Format nicht von sich aus unterstützt. Dasselbe gilt übrigens für via Wine eingebundene VST-Module im DLL-Format von Microsoft.

Dabei ist freilich immer der Test vor dem produktiven Einsatz dringend angeraten. Während die LV2-Module des Gitarrenverstärkers Guitarix via Carla vollkommen normal funktionieren (Abbildung 4), zeigten sich die animierten Oberflächen einiger CALF-Module ziemlich zickig. Hier hilft wie früher schon der Einsatz der generischen Oberflächen, die Carla für jedes Plugin anbietet.

Abbildung 4: Der Gitarrenverstärker Guitarix funktioniert mit seiner eigenen LV2-Oberfläche problemlos in Carla. Das Signal verarbeiten Sie im Device-Panel von Studio 2 nach Belieben weiter.

Studio 2 bietet darüber hinaus eigene, generische Regler für eingebundene VST-Plugins an, die allerdings voraussetzen, dass das Plugin nach dem VST-Standard seine Parameter an den Host durchreicht. Mit den meisten für den Artikel getesteten Modulen funktioniert das sehr gut, und so stehen die innovativen Modulatoren und Automationsmöglichkeiten von Studio für externe Module ebenfalls bereit (Abbildung 5).

Abbildung 5: Der VST-Synth DEXED bietet mehrere Hundert Parameter. Gut, dass die generische Oberfläche von Bitwig Studio 2 eine Suchfunktion anbietet. Die Nummern der von einem Edirol-MIDI-Keyboard auf die Parameter gelegten Regler zeigt Version 2 direkt in der Liste an.

Neue Plugins

Für die zweite Generation seiner DAW hatte Bitwig einen Baukasten für modulare Klangerzeuger und Effekte angekündigt. Was dabei herauskam, erinnert zwar wenig an bekannte Modularsynthesizer wie Alsa Modular Synth oder Ingen, bringt aber durchaus sehr ähnliche Funktionen mit. Es fehlt eigentlich nur eine grafische Oberfläche zum virtuellen Verkabeln. Stattdessen bauen Sie die Geräte im Panel für fertige Plugins unten mittig in den beiden Hauptfenstern für Arranger und Mixer zusammen. Benutzen Sie Polysynth als Grundlage, erhalten Sie links von dessen Oberfläche drei Felder, in die Sie Modulatoren aller Art einfügen. Die steuern dann beliebige Parameter des Synth-Moduls.

Der schon von Bitwig Studio 1 bekannte, kleine blaue Pfeil unter dem Modulator beginnt bei Mausklick zu blinken. Sobald Sie dann den Regler für einen Parameter bewegen, folgt diese Bewegung der vom Modulator vorgegebenen Funktion. Studio 2 bringt dazu etliche neue Modulatoren mit, die neben klassischen Hüllkurven mathematische Funktionen, dynamische Filter, einen Step-Sequencer und Mini-Baukästen für Makrofunktionen enthalten. Der unter anderem dazu von Bitwig mitgelieferte Polysynth hat neue Oszillatoren und eine verbesserte Unison-Funktion an Bord.

Die Modulatoren-Bausteine stehen grundsätzlich in allen Plugins bereit, selbst in vom Nutzer selbst installierten nativen VST-Plugins. Studio 2 bringt grundsätzlich Unterstützung für VST3-Module mit. Erste Plugins in diesem Format gibt es ebenfalls für Linux, meist als proprietäre Software von kleineren Anbietern [4].

Die Effekt-Sektion hat Bitwig ebenfalls aufgestockt: Neben diversen MIDI-CV-Modulen, die die Kontrolle externer Hardware-Klangerzeuger deutlich erweitern, fällt besonders der bisher vermisste Phaser auf. Der Ring-Modulator und sein etwas seltsamer Bruder Treemonster dürften viele begeisterte Anwender finden, und aus der hervorragenden Tonhöhen-Manipulation der Studio-Audio-Engine haben die Entwickler einen sehr brauchbaren Pitchshifter gebaut.

Bei Bedarf steuern Sie die Modulatoren und überhaupt jeden Regler über grafische Vektoren in den Spuren und durch externe MIDI-Signale. Für Modulatoren ist das außerdem durch Audio-Signale von beliebigen Kanälen im Projekt möglich. Das, zusammen mit der unvergleichlich flexiblen Kontrolle der Laufwerke über den Clip Launcher Sequencer, empfiehlt die Software noch mehr als seine Vorgänger als Live-Instrument.

Wichtigste Voraussetzung dafür ist freilich eine über jeden Zweifel erhabene Stabilität. Um deren Grenzen auszuloten, trieb der Test die Software mithilfe einiger experimenteller VST-Plugins-Studio an den Rand des Erträglichen. Dabei lief die grafische Anzeige tatsächlich langsam aus dem Ruder. Der Cursor bewegte sich einige Male nicht über die Stelle, die gerade zu hören war. Zu hören blieb das Stück inklusive der von den problematischen Modulen erzeugten Klänge allerdings tadellos.

Als das kaputte Plugin schließlich wirklich abstürzte, fiel lediglich sein Anteil am Song aus, zum Abschied hörten wir lediglich ein leises Piepsen. In der Plugin-Oberfläche erschien ein Knopf, mit dem sich das Modul neu starten ließ, was auch bei immer noch laufendem Betrieb tatsächlich funktionierte. Das Geheimnis hinter dieser Robustheit findet sich im Inspector unter Settings | Plugins: Hier legen Sie für alle oder jedes einzelne Modul fest, dass es im eigenen Prozess läuft und seine Daten über eine Bit-Bridge an Studio 2 weiterleitet. Stürzt das Plugin ab, betrifft das lediglich diesen Prozess.

Intuitive Bedienung

Fast alles in Bitwig Studio 2 arbeitet mindestens ebenso intuitiv wie beim Vorgänger – man könnte fast sagen, die DAW lässt sich spielerisch bedienen. Einige Detailverbesserungen beseitigen Ecken und Kanten, die in der ersten Generation noch den guten Eindruck trübten: So lassen sich nun alle Spuren im Arranger in ihrer Höhe nach Belieben verstellen, wobei lediglich eine noch kleinere minimalere Höhe auf der Wunschliste steht. Wer Ardour kennt, kommt noch besser mit dem neuen Arranger klar als bisher.

Bestimmte Aktionen folgen einfachen, aber nicht sofort ersichtlichen Regeln: So benutzt etwa das Werkzeug zum Einfügen neuer Plugins einen Testmodus, in dem Sie ein gewähltes Modul schon voll wirksam hören und sehen. Sie fügen es aber erst nach einem Klick auf OK fest ein. Wählen Sie vorher ein anderes Modul, verschwindet das erste, und das neue setzt sich an dessen Stelle. Möchten Sie Plugins ohne diesen Schritt und ohne Probieren einfügen, ziehen Sie sie einfach aus den durchsuchbaren Listen des Browser-Panels rechts vom Arranger auf die gewünschte Spur.

Dabei macht das Programm keinen Unterschied zwischen MIDI- und Audio-Spuren. Das ermöglicht es, jederzeit einen Synthesizer auf eine Audio-Spur zu ziehen. Der bleibt allerdings ohne Einfluss auf die Signalkette, solange auf der Spur kein MIDI-Clip aktiv ist. Sie können also Audio- und MIDI-Clips auf derselben Spur anlegen und aufnehmen, was für die Aufnahme aber voraussetzt, dass Sie die Quelle im Panel links entsprechend einstellen.

Aufgenommene oder importierte und bearbeitete Clips ziehen Sie einzeln in den Bereich Clips rechts im Panel. Dabei kopiert das Programm nicht nur das musikalische Material, sondern bei MIDI-Clips zusätzlich das gespielte Instrument in die Datei des Clips. Es besteht also die Möglichkeit, den Clip in einem anderen Projekt einfach in den Launcher oder Arranger zu ziehen, wobei das Programm das Instrumenten-Plugin inklusive aller Einstellungen wiederherstellt.

Allerdings funktionierte im Test das Feature Open in filebrowser nicht, was aber nicht weiter tragisch ist: Sie finden die Clips im Verzeichnis Bitwig Studio/Clips/ im Home-Verzeichnis.

Transportkontrolle

Wer die Transportkontrolle für den Abspielcursor in Ardour und vielen anderen Programmen kennt, den stellt Bitwig Studio 2 vor eine Herausforderung: Zwar bietet Studio eine Zeitleiste am oberen Rand des Arrangers, doch gibt es keine Möglichkeit, den Transportcursor mit nur einem Klick an eine Stelle zu bewegen.

Erst ein Doppelklick löst den Sprung aus, der allerdings quantisiert einen Beat vor die geklickte Stelle springt, nachdem der gerade gespielte Takt am Ende angekommen ist. Das hilft bei Live-Auftritten, weil der durchgehende Rhythmus automatisch erhalten bleibt. Bei Detailarbeit im Studio nervt es aber mitunter, bei jedem Sprung erst bis zum Ende des laufenden Beats zu warten (Abbildung 6).

Über das Kontextmenü der Zeitleiste blenden Sie eine weitere, allerdings sehr schmale und optisch nicht hervorgehobene Zeile für Cue-Marker ein. Ob der Mauszeiger gerade auf den oberen Hauptteil der Zeitleiste zeigt, den schmalen Rand für Loop-Bereiche oder eben die Cue-Marker-Ebene, das signalisiert die Software durch einen unterschiedlichen Zeiger.

Oben ist er ein Lupensymbol. Bei gehaltenem Linksklick bewirkt eine Bewegung nach oben oder unten einen horizontalen Zoom, Bewegungen nach rechts oder links scrollen durch das Projekt. In der Ebene für Cue-Marker sehen Sie einen Bereichscursor, wie er in Textverarbeitungen vorkommt, darunter zeichnen Sie mit einem Stift-Symbol Loop-Bereiche ein. Das Menü Play links oben enthält nicht die eigentlichen Transportfunktionen, sondern spezielle Einstellungen, deren Auslöser Sie auf der sichtbaren Transportleiste hinzufügen. Dazu genügt ein Klick auf die Schaltfläche mit der Reißzwecke rechts.

Viele Aktionen stehen über die Tastatur bereit. Neben dem üblichen Druck auf die Leertaste startet [P] den Transport am aktuellen Arbeitspunkt, was die Software durch einen kleinen blauen Pfeil nach rechts in der Zeitleiste anzeigt. Im Test löste ein Druck auf den speziellen Play/Pause-Knopf das Abspielen aus, wobei dies nicht wie beim Drücken der Leertaste den Arbeitspunkt verschiebt.

Über [Strg]+[Eingabe] sehen Sie eine Liste aller im jeweiligen Kontext relevanter Tastaturkombinationen in einer oft langen, aber mit einer Suche versehenen Liste. Ein Klick auf einen Eintrag oder das Markieren über den Cursor in Kombination mit [Eingabe] führt eine Aktion direkt aus, was selbst für die nicht voreingestellten Einträge gilt. Die Voreinstellungen für alle Aktionen stellen Sie im Inspector unter Settings | Shortcuts ein.

Abbildung 6: Im Menü Play finden sich detaillierte Einstellungen für die automatische Quantisierung. Ein Klick auf Preroll: none beseitigt die eventuell störende Wartezeit nach dem neu Positionieren des Abspielcursors.

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