Editorial 05/2017

Dreckschleudern

Online-Werbung ist nicht nur aufdringlich, sondern zunehmend auch gefährlich. Wer wie die Verlegerverbände Adblocker verbieten will, muss auch die strafrechtlichen Konsequenzen von Malvertising zu spüren bekommen, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

zu den Modesünden meiner Teenie-Zeit gehörten Cowboystiefel und Bomberjacken. Derart ausstaffiert, bewies man in den 1980ern Lässigkeit, Eleganz und Männlichkeit – glaubten wir damals zumindest. Dieser Tage stieß ich dann im Online-Angebot einer großen Tageszeitung auf einen Artikel über die Renaissance von Bomberjacken [1] und konnte mich einmal mehr der Eleganz der blau- und grünglänzenden Oberbekleidungsstücke nur schwer entziehen. Ich musste einfach flugs googeln und nach entsprechenden Anbietern suchen.

Tatsächlich fand ich denn auch zwei, drei durchaus verlockende Modelle. Dumm nur, dass das Ganze unterwegs auf meinem Android-Tablet stattfand. Sie ahnen schon, was jetzt kommt: Egal, welche Webseite ich von da an öffnete, grundsätzlich sprang mich in massiver Skyscraper-Größe das Bomberjacken-Angebot eines einschlägigen Shops an. Das war zwar ziemlich nervig, hatte aber doch auch etwas Gutes: Von sentimentalen Anwandlungen hinsichtlich Bomberjacken bin ich jetzt nachhaltig geheilt. Und ich habe endlich einen Adblocker für Chromium installiert, wozu ich bis dahin einfach zu faul gewesen war.

Geht es nach Zeitungsverleger-Verbänden, dann gehören Adblocker allerdings verboten: "Anzeigen sind Nachrichten – es sind inhaltliche Informationen im Kernbereich der Pressefreiheit.", so ließ der Zeitungsverlegerverband Nordrhein-Westfalen in einer Stellungnahme zur Diskussion um Adblocker-Verbote jüngst wissen [2]. Unabhängig von der Qualität hätten "die Annoncen einen informations-, meinungs- und bildungsfördernden Einfluss auf den Leser hinsichtlich des jeweiligen Sachgebietes". Adblocker dagegen seien direkt schuld am Niedergang der Qualitätsmedien, und wer keine Online-Werbung anschauen wolle, der informiere sich dann "durch Blogger ohne journalistische Standards und soziale Netzwerke. Erste Auswirkungen eines solchen Trends lassen sich in den letzten Wahlen in Großbritannien und den USA besichtigen". Schon klar, liebe Verleger: Wer keine Bomberjacken-Werbung schaut, vernachlässigt seine Bildung, zerstört Europa, wählt Trump … und frisst wahrscheinlich kleine Kinder.

Die wirklichen Beweggründe der Verleger gehen aus demselben Positionspapier [3] allerdings ganz deutlich hervor: Gegen die Nutzung des Safari-Reader-Modus etwa haben sie nichts, auch wenn Nutzer damit genauso die Anzeige der Werbung deaktivieren können. Hier "ist eine solche Funktion akzeptabel, da in diesem Fall die Werbung von den Ad-Servern zunächst einmal abgerufen wird [...] und der Presseverleger seine Vergütung für die Werbeinhalte erhält", erklären die Verleger ganz ungeniert. Zu Deutsch: Uns doch wurscht, ob der Leser die Werbung sieht – Hauptsache, wir kassieren.

Doch Ads sind nicht nur nervig und überflüssig, sondern auch gefährlich. Seit Jahren warnt das BSI vor Drive-by-Angriffen über Werbebanner [4], die durch bloßes Ansurfen einer Webseite den Rechner mit Schadprogrammen infizieren. Dass es sich da keineswegs um bloße Theorie handelt, beweist aktuell der vermeintliche "Hackerangriff auf den Bundestag" [5] Ende März: Tatsächlich wurden die Rechner mehrerer Abgeordneter beim Ansteuern einer Nachrichten-Webseite durch Werbebanner infiziert [6], wie das BSI bei der folgenden Untersuchung eindeutig feststellte. Malvertising, wie das Problem auf Neuhochdeutsch heißt, steht aber erst am Anfang seiner Karriere, betonen Kenner der Szene [7].

Hier sollte man deswegen dringend einmal den Spieß umdrehen und Verlage, die über ihre Webseiten zusammen mit der Werbung Schadsoftware ausliefern, gemäß Paragraf 202c StGB belangen [8]. Danach wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wer Computerprogramme, die dem "Ausspähen und Abfangen von Daten" dienen, "verbreitet oder sonst zugänglich macht". Man könnte sogar von gewerbsmäßiger Kriminalität sprechen, denn schließlich liegt hier nach eigenen Aussagen der Verleger eine ganz klare Gewinnerzielungsabsicht vor. Die Anzahl der Fälle ist beträchtlich, Experten schätzen sie auf mehrere Millionen jährlich [7].

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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