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© Alan Cotton, 123RF

Webbrowser Min auf Javascript-Basis

Flotter Mini

Schlichtes Design, Effizienz, eingebauter Werbeblocker – mit diesen Funktionen versucht der auf Javascript basierende Browser Min zu punkten.

Google Chrome dominiert heute den Markt für Webbrowser, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Welt der freien Software. Dabei gab Firefox in jüngerer Zeit immer wieder Anteile an Google Chrome ab, was zu einer Landschaft geführt hat, in der die Webkit-Engine dominiert. Viele freie Browser basieren darauf, wie Epiphany, Midori oder Rekonq, und selbst die proprietären Safari und Opera setzen auf Webkit auf.

Da ist es ebenso erstaunlich wie erfreulich, wenn Entwickler einen Webbrowser wie Min [1] auf die Beine stellen, der ohne eine der etablierten Rendering-Engines auskommt und in sonstiger Hinsicht ebenfalls einen völlig anderen Ansatz verfolgt. Schon der Name verrät etwas über die Zielrichtung der Software: Tatsächlich sieht das Fenster nach dem Start ziemlich karg aus, bis auf eine Menüleiste gibt es keine weiteren Elemente.

Die Menüleiste erschien im Test auf Englisch; es gelang nicht, die Oberfläche des Browsers auf eine deutsche Lokalisierung umzustellen. Zwar gibt es entsprechende Dateien für verschiedene Sprachen, aber im Menü findet sich kein passender Eintrag für den Wechsel. Optionen für die Befehlszeile kennt das Binary nicht. Zudem liegen die Sprachdateien in einem unüblichen Format mit der Endung .pak vor, das sonst meist umfangreiche Datenpakete für Spiele beherbergt, aber intern oft sehr verschiedene Dateien enthält und sich mit keinem gängigen Werkzeug öffnen ließ.

Min unterstützt Reiter – eine Technik, die praktisch alle aktuellen Browser beherrschen. Allerdings funktioniert das bei Min etwas anders als gewohnt: Reiter und Adresszeile verschmelzen zu einem einzigen Widget. Sie klicken also einfach in den Bereich unterhalb der Menüleiste, um die Eingabe zu aktivieren, und beginnen zu tippen.

Wie man es von der Konkurrenz kennt, klappt dabei eine Anzahl von Vorschlägen auf der Basis von bereits besuchten Seiten nach unten aus (Abbildung 1). Ein Klick auf einen der Vorschläge oder dessen Markieren mit den Pfeiltasten mit anschließendem Druck auf [Eingabe] lädt die Seite. Danach zeigt Min nur noch den Titel der Seite an; die URL holen Sie im Bedarfsfall mit einem erneuten Klick auf den Reiter wieder hervor.

Abbildung 1: Min erweitert in der Adresszeile eintippte Begriffe mit Vorschlägen, die auf bereits besuchten Webseiten basieren.

Einen neuen Reiter öffnen Sie mit dem Plus-Symbol am rechten Ende des aktuellen Reiters. Es ist wohl ein wenig dem mittlerweile auf fast allen grafischen Plattformen allgegenwärtigen Flat-Stil geschuldet, dass die Reiter sich optisch kaum gegeneinander abheben. Jeder nimmt die gleiche Breite ein. Außerdem heben sich die Farben für den Hintergrund nur geringfügig voneinander ab, lediglich der Text in inaktiven Reitern erscheint grau.

Beim Eingewöhnen hilft es ungemein, über das Menü Help | Take a Tour auf einen virtuellen Rundgang durch die Applikation zu gehen: Dabei offenbaren sich einige Features, die man so von anderen Browsern nicht kennt. So dürfen Sie Reiter etwa dynamisch zu "Tasks" zusammenfassen. Mit dem Menüsymbol oben rechts zeigen Sie die geöffneten Tasks an, mit dem Plus-Symbol erstellen Sie neue. Die Reiter ordnen Sie per Drag & Drop dem entsprechenden Task zu.

Ein Fokus-Modus blendet alle Reiter bis auf den derzeit aktiven aus. Das ist bei vielen offenen Websites insbesondere angesichts des schlechten Kontrasts zwischen aktiven und inaktiven Tabs durchaus sinnvoll. Allerdings steht der Modus nur per Mausklick über das Menü View | Focus Mode bereit; ein Tastenkürzel gibt es dafür derzeit nicht.

Die Tour informiert außerdem über die Möglichkeit, komplexe Inhalte mittels Reading Mode zwecks besserer Lesbarkeit zu formatieren (Abbildung 2). Das funktioniert aber nur in einem elitären Kreis von Webseiten, wie etwa dem Web-Auftritt der ARD-Tagesschau und anderen Newsseiten. Ähnlich wie die Android-App für Google News spart dieser vereinfachte Modus viele Elemente aus.

Abbildung 2: Reinen Text ohne Dekoration, aber auch ohne Links gibt es im Modus Reading List.

Tatsächlich erlaubt das, sich ganz auf den Text zu konzentrieren, aber es fallen dabei sämtliche Links unter den Tisch. Die Software speichert alle auf diese Weise angezeigten Texte für 30 Tage. Über das Menü View | Reading List rufen Sie die Seiten bei Bedarf offline wieder auf.

Die Suche fragt intern sowohl die bereits besuchten Seiten ab als auch die Meta-Suchmaschine DuckDuckGo [2], die konzeptbedingt dafür sorgt, dass Sie kaum verwertbare Spuren im Web hinterlassen. Die Suchergebnisse konnten im Test überzeugen – das ist auch gut so, denn ein Wechsel der Suchmaschine durch den Anwender sieht Min nicht vor: Er wäre nur im Quelltext möglich.

Nach Lesezeichen halten Sie vergeblich Ausschau: Das Programm setzt voraus, dass Sie durch Eingabe einiger Zeichen die passende Seite wiederfinden. Das funktioniert zwar leidlich gut, erscheint aber dennoch etwas unpraktisch. Selbst wenn Sie sich damit anfreunden, dass Lesezeichen fehlen, fangen Sie doch stets bei null an, denn ein Import Ihrer über die Jahre gewachsenen Lesezeichensammlung ist nicht möglich und klappt selbst in einer kommenden Version vermutlich nicht.

Immerhin versteht Min eine ganze Reihe von Tastenkürzeln; genauere Auskunft gibt das Wiki des Projekts [3], das Sie direkt über das Menü Help | Keyboard Shortcuts aufrufen. Die Kürzel folgen den Standards anderer Browser und Arbeitsumgebungen, viel Neues brauchen Sie daher nicht zu lernen.

Negativ fällt auf, dass man die Menüeinträge nicht direkt per Tastatur erreichen kann. In GTK-Oberflächen drücken Sie heutzutage meist [Alt], um die Unterstriche für die Shortcuts hervorzuholen. Das gibt es in Min schlichtweg nicht, was dem Browser einen Minuspunkt in Sachen Barrierefreiheit einbringt.

Adblocker und Multimedia

Der in Min enthaltene Adblocker steht auf der Webseite des Projekts recht weit oben auf der Feature-Liste, in der Gunst der Benutzer anderer Browser sowieso. Was anderenorts meist als Plugin bereitsteht, bringt Min gleich selbst mit. Im Test funktionierte der Werbeblocker recht gut. Über das Menü Edit | Privacy Preferences passen Sie sein Verhalten Ihren Wünschen an.

In Sachen Audio- und Video-Wiedergabe ist Min auf dem neuesten Stand. Das zeigt schon eine erfreulich hohe Punktzahl in der Unterstützung für HTML5 (Abbildung 3): Mit 497 Punkten braucht Min sich nicht zu verstecken. Google Chrome erreichte auf dem gleichen Rechner nur zwei Zähler mehr, Mozilla Firefox landete mit nur 463 Punkten auf dem dritten Platz.

Abbildung 3: Ein sehr erfreuliches Ergebnis liefert Min im Test der Unterstützung für HTML5.

Folgerichtig hatte der Browser im Test generell keine Probleme mit Internet-Radiosendern oder den gängigen Plattformen wie Youtube (Abbildung 4) oder Dailymotion. Passen musste er nur in seltenen Fällen, wenn das aussterbende Flash-Format gefragt war. Bis auf einige animierte Einblendungen aus dem Bereich Werbung spielt Flash mittlerweile aber keine gewichtige Rolle mehr.

Abbildung 4: Big Buck Bunny kämpft in Min auch ohne Flash.

Für die Unterstützung der diversen Multimedia-Formate bringt das Programm die Ffmpeg-Bibliothek gleich mit, das Ubuntu-Paket des Browsers enthält eine entsprechende Datei. Beim Einrichten aus den Quellen zählt die Library ebenfalls zu den Installationsbestandteilen (siehe Kasten "Verfügbarkeit").

Verfügbarkeit

Der Link Download Min auf der Webseite des Projekts führt direkt zu einem Debian-Paket für 64-Bit-Systeme. Varianten für Windows, MacOS sowie den Quellcode finden Sie auf Github [4].

Eine Installation aus den Quellen ist nicht trivial, aber vielleicht auch gar nicht nötig. Auf einem Testsystem mit Fedora 25 genügte es, zunächst das Ubuntu-Paket und dann das darin enthaltene Tar-Archiv data.tar.xz zu entpacken. Der daraufhin angelegte Ordner usr/bin/ enthält ein ausführbares Binary, das Sie über einen schlichten Doppelklick im Dateimanager starten. Den größten Teil seiner Laufzeitumgebung bringt das Programm selbst mit, lediglich GTK in Version 2 braucht es zum Zeichnen der grafischen Oberfläche.

Um Min aus den Quellen selbst zu bauen, benötigen Sie außer dem Quellcode-Paket noch die Javascript-Laufzeitumgebung Electron [5]. Diese gibt es noch nicht in Form von Paketen für gängige Distributionen, was die Angelegenheit erschwert. Das Electron-Projekt bietet glücklicherweise vorkompilierte Pakete für diverse Plattformen an [6]; entpacken Sie das Linux-Paket im zuvor entpackten Min-Tarball. Auf unserem Fedora-Testsystem galt es, außerdem die Pakete nodejs-grunt und npm nachträglich zu installieren.

Dann führen Sie die Befehle aus Listing 1 aus. Das letzte Kommando startet den Browser. Diesen Befehl bauen Sie bei Bedarf mit den Werkzeugen Ihrer Arbeitsumgebung in eine Desktop-Datei ein, um den Browser später über das Startmenü aufzurufen.

Listing 1

$ npm install
$ grunt
$ ./electron-v1.4.4-linux-x64/electron .

Für Entwickler

Dass Min sich gleichermaßen an Entwickler wie Benutzer richtet, zeigt sich schon an einem exponierten Eintrag in der Menüleiste: Developer | Inspect Page öffnet ein Werkzeug in einem eigenen Fenster, mit dem Sie die gewünschte Webseite untersuchen und auf Fehler abklopfen (Abbildung 5). Fahren Sie mit dem Mauszeiger über einzelne Code-Teile, hebt das Programm die korrespondierenden Bereiche auf der Webseite hervor.

Abbildung 5: Der Inspektor erlaubt das genaue Untersuchen von Webseiten.

Der vorgegebene Zwei-Fenster-Modus ist nicht unbedingt praxisgerecht. Eine geteilte Ansicht im Fenster erhalten Sie mit Developer | Inspect Browser. Bei Bedarf laden Sie nach Änderungen am Quelltext der Seite diese mit Developer | Reload Browser neu.

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