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Gimp 2.9: Ausblick auf die nächste Gimp-Hauptversion

Flott unterwegs

Lange kann es nicht mehr dauern, bis das nächste Gimp-Major-Release 2.10 erscheint. Wir beleuchten die neuesten Entwicklungen aus den Entwicklerversionen 2.9.4 und 2.9.5.

Die derzeitige Hauptversion 2.8 von Gimp erschien bereits 2012. Nach nun vier Jahren ist das Erscheinen eines neuen Major-Releases überfällig. Woran die Entwickler gerade arbeiten und was sie bereits erledigt haben, fasst die Gimp-Roadmap zusammen [1]. Für die Version 2.10 sieht es gut aus, sie könnte schon bald erscheinen: Viele Verbesserungen hat das Entwickler-Team bereits abgehakt, alles andere zumindest in Angriff genommen [2].

Bei Erscheinen von Gimp 2.10 sollen alle Werkzeuge und elementaren Filter auf Basis von GEGL arbeiten, der Generic Graphics Library. Das bedeutet für Anwender primär, dass sich sämtliche Funktionen direkt im Hauptfenster von Gimp ausführen lassen. Zudem erfasst die Anwendung alle in einem Bild vorgenommenen Arbeiten als Aktionen in Form eines abstrakten "Graphen" – der lässt sich speichern, nachträglich manipulieren, recyceln und skripten. Allerdings steht noch nicht fest, ob wirklich sämtliche Features in Gimp 2.10 in allen Details bereits für den Anwender bereitstehen.

Schon jetzt bietet GEGL die Möglichkeit, Bilder in hohen Farbtiefen (32-Bit-Fließkommazahlen) zu bearbeiten – eine gigantische Farbauflösung, deren Möglichkeiten sich vermutlich in den nächsten Jahren gar nicht voll ausschöpfen lassen. Zudem erfolgen alle Arbeitsschritte mit GEGL "non-destructive", also zerstörungsfrei. Das bedeutet, dass das Originalbild erhalten bleibt und Gimp nur die angewendeten Aktionen zusammen mit dem Ergebnis speichert.

Diese Vorgehensweise kennen Sie wahrscheinlich schon von RAW-Konvertern, die grundsätzlich so funktionieren. Sie fassen alle Aktionen zu einer Art "Rezept" zusammen, eben dem "Graphen" [3]. Den wenden sie dann auf das Originalbild an und generieren dabei ein gesondertes Ausgabebild, quasi einen Abzug des Originals. Ein einmal erstelltes Rezept lässt sich immer wieder auf neue Bilder anwenden.

Der Kasten "GEGL-Operationen" fasst einige der wesentlichen Besonderheiten von GEGL zusammen. Bei Gimp 2.8 steht diese Technologie nur rudimentär zur Verfügung: Das spezielle GEGL-Werkzeug erlaubt zwar den Zugriff auf eine Teilmenge der entsprechenden Funktionen, aber die konkrete Einbettung in die Anwendung lässt derzeit noch keine wahre Freude aufkommen.

Bei Gimp 2.8 beschränkt zudem die maximale Farbtiefe von 8 Bit den Nutzen von GEGL. Bei HDR-Funktionen wie Mantiuk06, Fattal02 und Reinhard05 wirkt sich das so aus, als würden Sie diese direkt auf JPEG-Bilder anwenden. Das führt zwar manchmal zum Erfolg [4], reizt aber die Leistungsfähigkeit der Funktionen nicht aus. Möchten Sie sich also mit GEGL rundum vertraut machen, müssen Sie zur Entwickler-Version Gimp 2.9 greifen (siehe Kasten "Gimp 2.9 bauen").

GEGL-Operationen

GEGL bietet im Wesentlichen grundlegende Funktionen für die Bildbearbeitung, die Sie in der Art eines Baukastens kombinieren [11]. Dabei beherrscht es Multi-Core- und Multi-Thread-Support, was auf modernen Rechnern das Bearbeiten erheblich beschleunigt.

Zu GEGL gehört ein kleines Programm, das es erlaubt, von der Befehlszeile aus einzelne GEGL-Operationen auf Bilder anzuwenden. Die allgemeine Syntax zeigt Listing 1. In der Praxis gelingt es auf diesem Weg schnell und einfach, GEGL-Operationen zu testen (Listing 2).

Die Option --list-all führt alle in der aktuellen GEGL-Implementierung vorhandenen Funktionen auf. Bei fehlerhaften Befehlszeilen veranlasst die Option -v GEGL, zusätzliche Informationen auszugeben, mit denen sich Fehler genauer eingrenzen lassen, beispielsweise: Error: gegl:exposure has no value property, properties: 'exposure', 'offset', 'gamma'.

Listing 1

$ gegl Eingabedatei -o Ausgabedatei -- Operation value=Wert

Listing 2

$ gegl -v /tmp/_7088750_lzn.jpg -o /tmp/tst.jpg -- exposure value=.6
Parsed commandline:
  mode:   Output in a file
  file:   /tmp/_7088750_lzn.jpg
  xml:    (null)
  output: /tmp/tst.jpg
  rest:   yes
  /tmp/_7088750_lzn.jpg

Gimp 2.9 bauen

Weil die Gimp-Entwickler von den Anwendern möglichst viele Rückmeldungen erhalten möchten, haben sie sich bemüht, die Entwicklerversionen so aufzubereiten, dass sie sich schnell und einfach bauen lassen. Besonders einfach klappt das unter Arch Linux und dessen Derivaten. Die Vorgehensweise dazu umfasst unabhängig von der verwendeten Distribution immer drei Schritte: Zunächst bauen Sie das aktuelle BABL und richten es ein – bei Arch Linux mittels des Befehls yaourt babl-git. Dann folgt das aktuelle GEGL (yaourt gegl-git), und schließlich übersetzen und installieren Sie Gimp selbst (yaourt gimp-git). Die Reihenfolge gilt es einzuhalten, da nur dann die benötigten Libraries zum richtigen Zeitpunkt vorliegen. Der Prozess setzt als Abhängigkeiten zusätzliche Bibliotheken voraus, wie etwa libmypaint – darauf weist ./configure Sie aber im Fall eine Falles detailliert hin.

Veränderte und neue Werkzeuge

In den letzten vier Jahren kamen zu den in Gimp 2.8 vorhandenen Werkzeugen eine Reihe neuer hinzu, einige bestehende veränderten oder erweiterten die Entwickler. Um die neuen Werkzeuge zu nutzen, müssen Sie sie im Dialog Einstellungen aktivieren (Abbildung 1).

Abbildung 1: Im Werkzeugkasten lassen sich die neuen Werkzeuge aktivieren.

Bei den Auswahlwerkzeugen hat sich relativ wenig getan. Die lokale Farbauswahl ("Zauberstab") hat mit Diagonale Nachbarn eine Option für niedrig aufgelöste Bilder erhalten: Sie wertet nicht nur horizontal und vertikal angrenzende Pixel als zusammengehörig, sondern auch solche, die einander nur an den Ecken berühren. Das tritt beispielsweise oft bei Linien auf Karten auf, die nur in einer geringen Auflösung vorliegen. Sowohl beim Zauberstab als auch bei der globalen Farbauswahl können Sie unter Auswahl nach jetzt mit Alpha die Deckkraft als Auswahlkriterium verwenden. Hinzu kommt mit Maske zeichnen eine weitere Möglichkeit, die aktuelle Auswahl darzustellen, was durch die "Ameisenlinie" oft nur ungenügend gelingt.

Die magnetische Schere erhält mit Interaktive Umrandung eine "Vorschau" beim Verschieben von Stützpunkten. Wie bei den Farbauswahlen erlaubt diese eine Prognose über den Verlauf der Auswahlkante, wenn Sie einen der Stützpunkte verschieben. Es lässt sich dabei jedoch nicht festlegen, welche Parameter Gimp zum Ermitteln des Linienverlaufs auf welche Weise und mit welcher Gewichtung verwendet. Eine solche Möglichkeit bietet beispielsweise Gimp 2.8.18 beim Werkzeug Vordergrundauswahl: Dort gibt es mit der Farbempfindlichkeit eine L*a*b*-basierte Funktion, um festzulegen, nach welchen Kriterien das Tool die angepinselten Bereiche im Bild berücksichtigen soll.

Gimp 2.9 treibt dieses Konzept weiter voran (Abbildung 2). Dort lässt sich demnächst unter Maschine ein Verfahren zur Berechnung einstellen, dessen Stärke Sie zusätzlich über Iterationen steuern. Erweiterte Funktionen erlauben das Kennzeichnen der einzelnen Bildbereiche: Wie bisher markiert Vordergrund zeichnen das gewünschte Objekt und Hintergrund zeichnen Bildteile, die garantiert nicht dazugehören. Durch Unbekannte Zeichnen lässt sich nun der Übergangsbereich eingrenzen.

Abbildung 2: Neue Verfahren zum Auswählen des Vordergrunds bietet sowohl bei Gimp 2.8.18 als auch in der Entwicklerversion das Werkzeug Vordergrundauswahl.

Bei den Transformationswerkzeugen offeriert Gimp 2.9 eine Vereinheitlichte Transformation ("Universal Transformer"). Das Werkzeug kombiniert die bereits vorhandenen Transformationswerkzeuge Drehen, Skalieren, Scheren, Perspektive sowie Verschieben. Wie schon bei Gimp 2.8 erzeugen diese Funktionen automatisch "schwebende" Auswahlen, falls vor der Aktion eine Auswahl im Bild bestand.

Die genaue Funktionsweise hängt davon ab, welche der Anfasser Sie verwenden. Gimp zeigt jeweils durch einen angepassten Mauszeiger an, welche Funktion es gerade ausführt. Durch einen Wechsel zu einem anderen Anfasser ändern Sie die Funktion. In den Werkzeugoptionen können Sie für jedes Verhalten eine mit der Umschalttaste auszulösende Einschränkung auswählen – etwa, dass Drehungen nur als Vielfache von 15 Grad erfolgen.

Die schwierig zu bedienende und daher oft wenig genutzte IWarp-Transformation gibt es nun als Werkzeug Warptransformation. Dessen Oberfläche hat sich mehrfach geändert. Nun stehen alle Optionen des ursprünglichen Filters auf einfache Weise wieder zur Verfügung (Abbildung 3).

Abbildung 3: Den früheren IWarp-Filter können Sie nun als "normales" (Warp-)Werkzeug verwenden.

Das gilt auch für die Variante, in der Sie die Veränderungen in Form einer Animation aufzeichnen. Stellen Sie einfach unter Animation die gewünschte Anzahl von Bildern beziehungsweise Bildebenen ein, die Gimp berechnen soll, und starten Sie die Aktion mit Animation erstellen. Welche Aktion Sie zuvor ausgeführt haben, legen Sie im Auswahlmenü Pixel bewegen fest.

Malwerkzeuge

Viel Bewegung gab es bei der großen Gruppe der Malwerkzeuge. Zunächst einmal hielt die Malmaschine von MyPaint [5] Einzug in Gimp. Damit offerieren nun alle klassischen Malwerkzeuge die Option Weiches Zeichnen (Abbildung 4). Sie erlaubt, feine Details realistisch darzustellen, und verhält sich in weiten Bereichen annähernd so, wie man es von realen Pinseln oder Stiften kennt. Die zwei Komponenten Qualität und Stärke steuern die Darstellung; beide wurden speziell für den Einsatz der Maus als Eingabegerät entwickelt und glätten den Verlauf der erzeugten Linie.

Abbildung 4: Gimp erhält nun zusätzliche Zeichenfunktionen, die von MyPaint stammen.

Alle klassischen Malwerkzeuge bringen zwei interessante neue Optionen mit. Dabei weist Pinselgröße an Zoom koppeln eine irreführende Bezeichnung auf: Bei Gimp 2.8 verändert sich die Pinselgröße normalerweise im gleichen Maß, wie Sie die Ansicht der Zeichenfläche vergrößern beziehungsweise verkleinern. Die neue Option entkoppelt beide Größen, das Skalieren der Ansicht beeinflusst also die Größe der Pinselspitze nicht mehr – gut für nachträgliche kleinere Korrekturen. Die neue Option Harte Kanten bewirkt, dass Gimp die weichen Kanten der aktuellen Pinselspitze ignoriert und eine weiche Auswahl an der Ameisenlinie abschneidet.

Daneben taucht die neue MyPaint-Engine als eigenes einfaches Malwerkzeug wieder auf (Abbildung 5). Dessen Pinselspitzen lassen sich über Mit diesem Pinsel radieren auch zum Radieren verwenden. Auch dieses Werkzeug bietet die Option Weiches Zeichnen, allerdings fehlt Harte Kanten. Dafür lässt sich die Härte der Pinselspitze direkt durch den Schieberegler Härte einstellen. Bisher fehlt noch die von den Standardwerkzeugen bekannte Möglichkeit, den Modus des Malwerkzeugs zu verändern.

Auch bei den nichtklassischen Malwerkzeugen gibt es wichtige Neuerungen. So können Sie etwa beim Farbverlaufswerkzeug die beiden Endpunkte über dem Bild platzieren und anschließend ganz beliebig die Farbverläufe wechseln. Das ermöglicht, im Handumdrehen mehrere Varianten eines Bilds auszuprobieren. Sie lassen dabei die beiden Stützpunkte des Werkzeugs unverändert und wechseln nur mit dem Mausrad (der Mauszeiger muss dabei über dem Farbverlaufsschalter stehen) die Verläufe. Interessante Ergebnisse befördern Sie mit Neu aus Sichtbarem auf eine neue Ebene, um später aus den verschiedenen Ergebnissen das beste aussuchen zu können.

Schon vor einiger Zeit hielt das Werkzeug Nahtlos klonen Einzug in den Werkzeugkasten. Es erlaubt, Teile mit quasi unsichtbaren Rändern zwischen Bilder auszutauschen. Zunächst bereiten Sie das einzufügende Material vor und kopieren es in Form einer Ebene ins Zielbild. Dort wählen Sie auf der eingefügten Ebene das zu klonende Material großzügig aus – die Ränder sorgen später für die weichen ("nahtlosen") Übergänge. Das ausgewählte Material kopieren Sie mit [Strg]+[C] in die Zwischenablage.

Dann aktivieren Sie die Zielebene und heben die Auswahl auf, um das Klonmaterial an beliebiger Stelle einfügen zu können. Zweckmäßigerweise machen Sie die eingefügte Ebene unsichtbar, da sie sonst stört. Nun erst wählen Sie das Werkzeug Nahtlos Klonen, was Gimp mit Vordergrund duplizieren kommentiert. Sie verschieben jetzt das eingefügte Material auf der Zielebene und verankern es dann über die Eingabetaste nahtlos im Bild [6]. Am besten funktioniert das Ganze, wenn Sie die Zielebene mit einer unregelmäßigen Struktur versehen (Abbildung 5).

Abbildung 5: Beim nahtlosen Klonen verankern Sie ein mit einem Rand ausgeschnittenes Objekt so auf einer zweiten Ebene, dass die Ränder nahezu unsichtbar bleiben.

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