Editorial 11/2016

Point of no Return

Wir nähern uns in Sachen digitaler Verbraucherrechte rapide dem Point of no Return. Höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen und Produkte mit digitaler Rechteminderung konsequent im Regal liegen zu lassen – auch, wenn's noch so in den Fingern juckt, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

versetzen Sie sich einmal kurz in folgendes Szenario: Am Morgen des 13. September 2016 steigt Max Mustermann in seinen VW Golf, um seinen täglichen Weg zur Arbeit anzutreten. Beim Umdrehen des Zündschlüssels tut sich jedoch nichts; der Wagen springt nicht wie tags zuvor an, stattdessen leuchten auf dem Armaturenbrett sämtliche Warnlampen auf. Auf dem Display der Multifunktionsanzeige zwischen Drehzahlmesser und Tacho tickert folgender Text durch: Der Treibstoff scheint für dieses Fahrzeug nicht geeignet zu sein. Bitte entleeren Sie den Tank und füllen Sie bei der nächstgelegenen SHELL-Tankstelle neuen Treibstoff nach. [1]

"Wie – nicht geeignet?!?", wundert sich der entgeisterte Herr Mustermann – er betankt schon seit Jahren seine Autos bei der freien Tankstelle um die Ecke, und auch am Vortag fuhr sein erst ein Jahr alter Wagen mit diesem Sprit noch tadellos. Ein Anruf bei seinem VW-Händler macht Herrn Mustermann nicht schlauer – als er nach geraumer Zeit in der Warteschleife durchkommt, weiß der von den vielen Anrufen bereits völlig entnervte Gesprächspartner nichts Klärendes zu sagen. Herr Mustermann tröstet sich damit, dass er wenigstens nicht als einziger Probleme hat, an allen Straßenecken stehen starkunklare VW Golfs. Was los ist, erfährt er erst am nächsten Tag aus den Medien.

Offenbar hatte VW in der Elektronik der Wagen bereits vor geraumer Zeit eine Funktion implementiert, die zum Stichtag am 13.09. ansprang. Sie soll sicherstellten, dass die Fahrzeuge nur noch mit dem vom Konzern autorisierten Benzin laufen [2]. In einer Pressemitteilung erklärt das Unternehmen das damit, dass nur der vorgeschriebene Sprit "die beste Qualität, Sicherheit und Verlässlichkeit gewährleistet." Verwende man den falschen Treibstoff, "setzt das den Kunden Risiken hinsichtlich der Qualität sowie der Sicherheit aus und beschädigt das Fahrerlebnis." Deshalb schütze man mit einer entsprechenden Funktion den Kunden und könne daran auch nichts Falsches erkennen, das sei Industriestandard. "Wir hätten das aber besser dem Kunden gegenüber kommunizieren sollen, deswegen entschuldigen wir uns."

Was sagen Sie? Gibt's ja nicht, auf eine derartig dreist-blöde Idee käme kein Konzern, und wenn, dann wäre er ganz schnell weg vom Fenster? Ersetzen Sie einfach VW durch Hewlett-Packard, VW Golf durch HP Inkjet, Shell-Tanke durch HP-Händler und Benzin durch Tintenpatrone – schon sind Sie in der realen Welt. Klammheimlich hat HP bei (nach derzeitigem Wissensstand) allen nach 2014 ausgelieferten Inkjets eine Funktion in der Firmware verankert, die zum Stichtag am 13.09.2016 den vorher tadellos arbeitenden Drucker deaktivierte, wenn keine HP-Kartuschen mit entsprechendem Chip eingebaut waren. Und sicherheitshalber hat das Unternehmen im März 2016 noch einmal ein Firmware-Update mit der entsprechenden Zeitbombe nachgeschoben.

Dass man da etwas falsch gemacht haben könnte, schließt HP in seiner Stellungnahme [3] zu dieser Ungeheuerlichkeit kategorisch aus. Die obigen Zitate stammen (sinngemäß – HP fabuliert tatsächlich vom "Druckerlebnis") direkt aus diesem Pamphlet. Es schließt mit der Anmerkung, dass man solche Sicherheitsmerkmale – so bezeichnet der Konzern das – auch künftig anwenden werde. Das ist insofern sogar gut, weil man jetzt schon mal weiß, bei welchem Hersteller man keine Drucker mehr zu kaufen braucht.

Allerdings beleuchtet der Vorfall schlaglichtartig, dass die IT-Industrie glaubt, DRM beim Kunden bereits widerstandslos durchgesetzt zu haben. Um nur einige Beispiele zu nennen: Microsoft liefert mit Windows 10 eine Rundum-Abhöranlage, deren Zwangserwerb mit dem Rechner der EuGH unglaublicherweise für legal erklärt hat [4]. Google zieht mit seinen neuesten Produkten in Sachen Benutzerbeschnorchelung mit Redmond gleich [5]. Lenovo verkauft Rechner, die Linux aussperren [6]. Intel baut in der neuesten CPU-Generation DRM schon hartverdrahtet ein [7].

Wir nähern uns in Sachen digitaler Verbraucherrechte offensichtlich rapide dem Point of no Return. Höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen und Produkte mit digitaler Rechteminderung konsequent im Regal liegen zu lassen – auch, wenn's noch so in den Fingern juckt.

Mit herzlichen Grüßen,

Jörg Luther

Chefredakteur

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