Mehr und bessere Plugins

Für das Erzeugen und Bearbeiten von Klängen mit Effekten zeichnen in moderner Musiksoftware Plugins verantwortlich. Ardour 5 unterstützt wie seine Vorgänger LV2 und das altehrwürdige LADSPA unter Linux, AudioUnits unter MacOS und VST-Module unter Windows und Linux in den jeweiligen nativen Formaten. Als Windows-DLL kompilierte VST-Module vermag Ardour 5 prinzipiell auch unter Linux zu nutzen – allerdings empfiehlt das Projekt, lieber das native LX-VST als native .so-Dateien zu verwenden.

Die im vorigen Abschnitt erwähnten Onboard-Plugins bringen neben der zusätzlichen Plugin-Schnittstelle auch die Fähigkeit mit, Klanganalysen animiert direkt im Mixer-Zug anzuzeigen (Abbildung 7). Komponieren Sie mit Midi, können Sie Plugins als Klangerzeuger einsetzen, etwa als Sampler und Synthesizer. Wir verwendeten im Test unter anderem Synthv, CALF Monosynth, ZynaddSubFX und DrumGizmo als LV2 sowie das LXVST-Plugin Carla Patchbay.

Abbildung 7: Scope, Spectrogramm und Compressor aus der mitgelieferten Plugin-Sammlung zeigen ihre Ausgaben direkt in Mixerspuren an.

Dass Carla dabei deutlich besser funktioniert als noch in Ardour 4, eröffnet besonders den Freunden von Windows-VST-Modulen einen einfachen Weg, ihre Plugins auch in Ardour zu verwenden: Carla lädt VST-DLLs klaglos und bindet diese damit in Ardour-Sessions ein. Die Mühsal, Ardour aus den Quellen mit Windows-VST-Support selbst zu kompilieren, kann man sich damit sparen.

Auch die Methode zum Einfügen von Instrumentenmodulen in eine Spur zeigt sich stark verbessert: Ardour 5 reduziert die Prozedur auf eine Rückfrage, in der Sie einfach bestätigen, dass Sie das Modul ersetzen und alle dabei virtuellen Verkabelungen übernehmen möchten (Abbildung 8).

Abbildung 8: CALF Fluidsynth ersetzt Cabbage Percussive Flute – ganz einfach per Mausklick.

Den Käufern des offiziellen Ardour-Installers spendiert Ardour 5 einen besonderen Plugin-Leckerbissen in Form von 16 hochwertigen Effekten von Ardours langjährigem Industriesponsor Harrison Consoles als Demo-Versionen. Dazu zählen Equalizer und Dynamikprozessoren sowie ein sehr brauchbares, erstklassig klingendes Stereo-Echo/Delay. Die Plugins lassen sich ganz normal einsetzen, allerdings überdeckt nach etwa 10 Sekunden die Nachricht Bitte Lizenz kaufen die Bedienoberfläche. Möchten Sie die Module ohne diesen Störer nutzen, kaufen Sie über die Harrison-Webseite [4] das ganze Bündel für beachtliche 399 US-Dollar.

Leichter durch die Seitentür

Beim Sidechaining steuert man einen Parameter eines Effekts durch Audiosignale, die selbst ansonsten nicht im Mix hörbar sein müssen. In Ardour geht das dank seiner einzigartig flexiblen Verkabelungsmöglichkeiten schon recht lange. Allerdings war das Einrichten des beliebten Effekts durchaus umständlich und langwierig. Ardour 5 bietet nun ein neues Werkzeug, das das Sidechaining intuitiv möglich macht (Abbildung 9).

Ein Rechtsklick auf ein Plugin im Mixerkanal zeigt dazu einen neuen Eintrag namens Pin Verbindungen. Zu den vom Plugin angebotenen Eingängen lassen sich weitere hinzufügen. So lässt sich auch in ursprünglich nicht dafür gedachten Plugins mit Sidechains experimentieren. Für jeden dieser Eingänge lässt sich ein bereits vorhandener Audio-Ausgang im Projekt anwählen. Das Tool erzeugt dafür einen neuen Send-Ausgang, der sich dann wie selbst angelegte Sends verwenden lässt.

Abbildung 9: Der CALF-Sidechain-Compressor eignet sich besonders gut für das Erzeugen des beliebten Pumpeffekts, bei dem der Beat einer Bassdrum eine Synthesizerfläche rhythmisch herunterregelt.

Wo es noch klemmt

Neue Releases komplexer Programme kämpfen oft mit Kinderkrankheiten – da macht auch Ardour 5 keine Ausnahme. Immerhin beschränken sich die Probleme auf kleine Ärgerlichkeiten. So reagiert etwa die Oberfläche des neuen Pin-Verbindungswerkzeugs ziemlich träge, was aber ihre Funktion nicht einschränkt.

Genau wie in allen anderen Musikproduktionssuiten sollten Sie beim Einsatz von Plugins aus dritter Quelle in Ardour 5 Vorsicht walten lassen. Praktisch alle ernsthaften Probleme im Test traten im Zusammenhang mit solchen externen Modulen auf, in allen Fällen handelte es sich um Klangerzeuger in Midi-Spuren. Synthesizer und Sampler fallen naturgemäß recht komplex aus und bringen eine weitere potenzielle Fehlerquelle mit, die man gern unterschätzt: Sie können Presets und Sample-Daten aus praktisch völlig unkontrollierbaren Quellen laden.

So stürzte im Test eine Session ab, als wir uns erfrechten, für den Soundfont-Player CALF Fluidsynth eine neue Drumset-Datei zu laden, während das Modul gerade Noten mit einem anderen Soundfont abspielte. Dasselbe Experiment hatte vorher mit zwei anderen Soundfonts nicht mehr als ein kurzes Störgeräusch verursacht. Da CALF Fluidsynth ganz allgemein als ausgesprochen zuverlässig gilt, dürfte also die Soundfont-Datei das Problem verursacht haben, wofür auch dessen Reproduzierbarkeit spricht.

Bei allen Abstürzen von laufenden Sessions funktionierte immerhin die in Ardour 5 eingebaute Wiederherstellungsfunktion tadellos. In Version 4 haben wir vereinzelte Fälle beobachtet, in denen diese segensreiche Einrichtung versagte. In etwa 30 Stunden Testarbeit in Ardour 5 mit einem guten Dutzend (meist absichtlich verursachter) Abstürze ging nicht eine Minute Arbeit verloren, weil das Desaster Recovery alles wiederherstellen konnte.

Support für Aktive

Trotz sehr begrenzter Mittel hat das Ardour-Projekt den Ehrgeiz, professionellen Support zu bieten. Dabei pflegt besonders Projektleiter Paul Davis einen Stil, der einigen Nutzern eher kühl erscheint. Er verzichtet auf leere Versprechungen, Schulterklopferei und wortreiche Schmeicheleien dem Nutzer gegenüber und macht dabei keine großen Unterschiede zwischen neuen Nutzern und langjährigen Fans, die schon diverse Spenden überwiesen haben. Stattdessen konzentrieren er und sein Team sich auf die tatsächliche Lösung auftretender Probleme.

Im Test traten zwei Schwierigkeiten auf, für die wir auf der Projektseite nach Hilfe suchten. Das erste war eine Regression beim Trim-Werkzeug: In Ardour 5 ließ es sich nur noch sehr hakelig auslösen. Das lässt sich schwer erklären und auch nicht einfach per Screenshot darstellen, da das eigentliche Problem ja in der dynamischen Reaktion der Oberfläche liegt. Nach einigem Hin und Her lud ein Nutzer ein Video des Problems in den Ardour-Bugtracker hoch.

Die Antwort von Paul Davis war typisch für den Kommunikationsstil bei Ardour: "Fixed in git." Für Normalsterbliche übersetzt: "Wir haben das Problem in unseren aktuellen Quellcodes repariert und getestet. Wer Ardour ohne dieses Problem benutzen möchte, muss das Programm aus den aktuellen Quellcodes neu kompilieren oder auf das nächste offizielle Update warten."

Beim zweiten Problem handelte es sich um ein noch unfertiges, aber bemerkenswertes neues Feature. Unter schwer nachvollziehbaren Umständen änderte sich das Verhalten des Mauszeigerwerkzeugs zum Bewegen von Regionen auf der Zeitleiste. Statt einfach die Region zu bewegen, wurden beim Ziehen dauernd Kopien der Region angelegt. Im Bearbeiten-Menü tauchte unter Rückgängig der Eintrag Rückgängig: Region mit Pinsel ziehen auf. Aha – ein neues Pinselwerkzeug also, von dem bislang aber noch niemand je gehört hatte und das sich auch nicht abschalten ließ.

Via Bugtracker stellte sich heraus, dass diese Funktion durch einen Druck auf [B] beim Ziehen der Region ausgelöst werden sollte, Ardour aber nicht registrierte, wenn man die Taste wieder losließ. Dafür ernteten wir von Paul Davis ein sehr selten auftauchendes sorry for the error. Man darf wohl davon ausgehen, dass diese neue, nun voll funktionstüchtige Funktion im nächsten Update von Ardour prominent erwähnt werden wird.

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