WebRTC

Die Zeiten, in denen Webbrowser lediglich HTML renderten und statische Webseiten anzeigten, gehören schon lange der Vergangenheit an. Heute lassen sich im Browser über HTML5 und Javascript selbst Bürosuiten oder 3D-Spiele ausführen – was allerdings nicht nur Vorteile mit sich bringt. Nichtsdestotrotz ermöglichen diese Technologien zahlreiche Anwendungsgebiete, die bisher dedizierten Anwendungen vorenthalten waren. Von diesen Möglichkeiten macht auch WebRTC [30] Gebrauch – das Kürzel steht für "Web Real-Time Communication".

Via WebRTC lassen sich Daten nicht nur in Echtzeit von Webservern abrufen, sondern auch von Browsern anderer Benutzer. Das ermöglicht, klassische Skype-Funktionen wie Chats, Videokonferenzen oder Desktop-Sharing im Browser abzubilden. Angetrieben von Google, Mozilla und Opera Software hat sich WebRTC als anerkannter quelloffener Standard etabliert. Infolgedessen unterstützen Chrome, Firefox und Opera WebRTC am besten. Zusätzliche Software, etwa Browser-Erweiterungen oder Plugins, benötigen Sie für WebRTC in der Regel nicht. Auch Skype experimentiert mit dem Protokoll: Die Alpha-Version des zukünftigen Skype-Client für Linux setzt darauf auf [31].

Für den Verbindungsaufbau braucht es – im Gegensatz zu den über Hash-Tabellen arbeitenden Lösungen – jedoch einen zentralen Webserver. Aufgrund des offenen Standard gibt es hier eine Reihe von Alternativen; an dieser Stelle seien als Beispiel die Portale von Appear.in, Meet.jit.si oder Palava.tv genannt. Letzteres betreibt ein gemeinnütziger Verein aus Deutschland. Viele dieser Angebote lassen sich wie etwa Jitsi Meet auch über Github forken und auf einem eigenen Server betreiben [32]. Mozilla integriert mit Firefox Hello [33] gar seit Version 34.0 einen eigenen Dienst in seinen Browser, stellt jedoch mit Firefox 49 diese Funktion schon wieder ein. In Zukunft übernimmt ein Firefox-Addon [34] diese Funktion.

Für viele der WebRTC-Portale im Netz benötigen Sie keinen Account. Meist genügt es, einen Chat-Room zu benennen und den dadurch generierten Link den Teilnehmern der Konferenz zukommen zu lassen. Diese öffnen die Seite in ihrem Browser, erlauben den Zugriff auf Webcam und Mikrofon, und schon steht die Verbindung. Theoretisch könnte jeder Nutzer im Web dieser Konferenz beitreten. Wählen Sie daher für private Unterhaltungen einen Zufallsnamen – manche Portale besitzen dafür sogar einen Generator.

Dienste wie Jitsi Meet (Abbildung 7) gehen noch einen Schritt weiter und geben dem Ersteller einer Konferenz Moderatorenrechte, sodass dieser unerwünschte Besucher aus der Unterhaltung entfernen oder bei Bedarf stummstellen kann. Zudem lässt sich der Raum mit einem Passwort ganz gegen unbekannte Besucher absichern. Eine Chat-Funktion sowie ein kollaborativer Editor auf Basis von Etherpad Lite [35] runden das Paket ab. Mit dem Browser-Plugin Jitsi Desktop Streamer (verfügbar für Chrome [36] und Firefox [37]) lässt sich dann auch noch der Inhalt einzelner Programmfenster oder des kompletten Desktops streamen.

Abbildung 7: WebRTC, wie hier Jitsi Meet, benötigt dank HTML5 keinen gesonderten Client: Ein moderner Browser genügt völlig.

Auf Smartphones genügt ein WebRTC-fähiger Browser, unter Android etwa Chrome oder Firefox. Allerdings sind manche WebRTC-Portale nicht gerade für mobile Browser optimiert, so auch Jitsi Meet. Apples Safari-Browser und das darunterliegene WebKit-Backend können bisher noch nichts mit WebRTC anfangen [38], allerdings arbeitet Apple an einer Implementation der Technologie. Als Alternative bietet sich dort der Open-Source-Browser Bowser [39] an. Manche Portale, wie etwa Appear.in, bieten jedoch auch native Apps für Android [40] und iOS [41] an.

Fazit

Die breite Masse an Usern nutzt Skype, Whatsapp, den Facebook Messenger oder vielleicht Threema und Signal: Die entsprechenden Dienste sind schon seit Jahren aktiv oder finden sich in populären Online-Diensten beziehungsweise vorinstalliert auf dem Smartphone. Doch die Alternativen bieten durchaus Potenzial.

Anwendungen wie Retroshare, Ring oder Tox benötigen keine zentralen Server und pflegen somit keine Profile. Das macht die Organisation von Kontakten und den Abgleich der Chat-Historie zwar schwieriger, wahrt dafür jedoch die Privatsphäre der Benutzer. Auf erweiterte Funktionen muss man dabei keineswegs verzichten: Audio- und Video-Chats stellen quasi den Standard dar, auch Screensharing ist keine Seltenheit.

Auch WebRTC darf man nicht unterschätzen. Implementationen wie Meet Jitsi bieten im Endeffekt alles, was Skype leistet, ohne dass man einen proprietären Client installieren müsste. Der Dienst ist durch und durch Open-Source; wer möchte, installiert sich eine eigene Instanz und organisiert Audio- und Video-Konferenzen in eigener Regie. 

Infos

[1] "Dear Skype/Microsoft": http://nickforall.nl/skype/

[2] Skype für Linux Alpha-Version: https://support.skype.com/en/faq/FA34656/more-information-about-skype-for-linux-alpha

[3] Electron: http://electron.atom.io/

[4] Ghetto Skype: https://github.com/stanfieldr/ghetto-skype

[5] Retroshare: https://retroshare.github.io

[6] Turtle: http://turtle-p2p.sourceforge.net

[7] Retroshare installieren: https://retroshare.github.io/downloads.html

[8] Ricochet: https://ricochet.im

[9] Voice-/Video-Chats in Ricochet: https://github.com/ricochet-im/ricochet/issues/308

[10] Ricochet bei Github: https://github.com/ricochet-im/ricochet/graphs/contributors

[11] Audit zu Ricochet: https://ricochet.im/files/ricochet-ncc-audit-2016-01.pdf

[12] Ring: https://ring.cx/en

[13] Savoir-faire Linux: https://www.savoirfairelinux.com

[14] OpenDHT: https://github.com/savoirfairelinux/opendht

[15] Ring installieren: https://ring.cx/en/download/gnu-linux

[16] Google Play: https://play.google.com/store/apps/details?id=cx.ring

[17] F-Droid: https://f-droid.org/repository/browse/?fdid=cx.ring

[18] Signal bei Open Whisper Systems: https://whispersystems.org

[19] Moxie Marlinspike: https://moxie.org

[20] "Allow different kinds of identifiers for registration": https://github.com/WhisperSystems/Signal-Android/issues/1085

[21] Signal für Chrome/Chromium: https://chrome.google.com/webstore/detail/signal-private-messenger/bikioccmkafdpakkkcpdbppfkghcmihk

[22] Tox: https://tox.chat/

[23] "Daily reminder that Skype reads the URLs you send": http://rbt.asia/g/thread/S34778013#p34778939

[24] uTox: http://utox.org

[25] qTox: https://github.com/qTox/qTox

[26] Installation von qTox: https://wiki.tox.chat/clients/qtox

[27] Toxme User Lookup: https://toxme.io/

[28] Antox: https://github.com/Antox/Antox

[29] Antidote: https://github.com/Antidote-for-Tox/Antidote

[30] WebRTC: https://webrtc.org

[31] "Neues Skype für Linux nutzt WebRTC": http://www.golem.de/news/videochat-neues-skype-fuer-linux-nutzt-webrtc-1607-122102.html

[32] Jitsi Meet: https://github.com/jitsi/jitsi-meet

[33] Firefox Hello: https://www.mozilla.org/de/firefox/hello/

[34] Addon für Firefox Hello: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/firefox-hello-beta/

[35] Etherpad Lite: https://github.com/ether/etherpad-lite

[36] Jitsi Desktop Streamer für Chrome: https://chrome.google.com/webstore/detail/jitsi-desktop-streamer/diibjkoicjeejcmhdnailmkgecihlobk

[37] Jitsi Desktop Streamer für Firefox: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/jitsi-desktop-streamer/

[38] WebKit-Unterstützung von WebRTC: https://webkit.org/status/#specification-webrtc

[39] Bowser: http://www.openwebrtc.org/bowser/

[40] Appear.in für Android: https://play.google.com/store/apps/details?id=appear.in.app

[41] Appear.in für iOS: https://itunes.apple.com/de/app/appear.in-free-group-video/id878583078?mt=8

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