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Skype-Alternativen für Audio-, Video- und Text-Chats

Ansprechbar

Nicht erst seit der Übernahme durch Microsoft hegen Linux-Anwender eine Hassliebe zu Skype. Wer sich von dem proprietären Platzhirsch trennen möchte, findet zahlreiche Alternativen. Davon besetzt fast jede ganz gezielt eine Nische, in der sie ihre jeweilige Aufgabe sehr gut erfüllt.

Möchte man mit anderen über das Internet chatten, gab und gibt es unzählige Möglichkeiten: Facebook Messenger, Google Talk, Whatsapp, um nur ein paar Optionen zu nennen. Die Betreiber dieser Dienste führen die Benutzer jedoch an der kurzen Leine. Als Anwender muss man sich registrieren und die offiziellen Apps verwenden. Anonyme Accounts, in eigener Regie betriebene Server oder alternative Clients gibt es in der Regel nicht.

Aktuell bekommen Skype-Nutzer diese Macht zu spüren. Nicht, dass der Linux-Client bei Skype jemals eine große Rolle gespielt hätte, aber bis zur Übernahme des Diensts durch Microsoft gab es in mehr oder minder großen Abständen zumindest eine neue Linux-Version des Skype-Clients. Viele Wünsche, wie etwa eine 64-Bit-Version, blieben jedoch unerfüllt. Manch ein Skype-User bevorzugte jedoch gar die Linux-Variante, da diese auf unnötigen Schnickschnack oder gar Anzeigen verzichtete.

Skype mit neuer Alpha

Seit der Microsoft-Übernahme geht es in den Augen vieler Linuxer mit Skype stetig abwärts. Viele beklagten sich zwischendurch, dass sie Gesprächen nicht mehr beitreten konnten [1]. Die erst kürzlich vorgestellte Alpha der neuen "Linux-Version" [2] besteht im Endeffekt nur aus einer auf Electron [3] basierenden Hülle rund um den Web-Client von Skype (Abbildung 1). Eine ähnliche Lösung findet sich schon seit längerer Zeit als Ghetto Skype [4] im Netz. Zudem fehlen der Alpha-Version noch wichtige Funktionen – so beherrscht sie noch keine Video-Chats.

Abbildung 1: Die Alpha-Version des komplett neuen Skype-Clients beherrscht bereits Telefonate, Video-Chats sind bisher aber nicht möglich.

Unter anderem aus diesen Gründen (Zweifel an der Integrität des Diensts einmal außen vor) suchen viele Linux-User eine freie Alternative zu Skype. Zwar gibt es so etwas durchaus, doch setzt man die Kriterien "plattformübergreifend verfügbar", "einfach" und "zuverlässig" an, bleiben nicht mehr viele Optionen übrig. Dieser Artikel wirft einen Blick auf sieben potenzielle Skype-Alternativen, die jedoch nur selten allen Anforderungen entsprechen (siehe Tabelle "Skype- und IM-Alternativen").

Skype- und IM-Alternativen

  Retroshare Ricochet 1.1.2 Ring Signal Tox (uTox) WebRTC
Funktionen
Chat ja ja ja ja ja ja(1)
Kontaktliste ja ja ja ja ja nein
Gruppenchats ja nein nein nein ja ja(1)
Chat-Verlauf-Synchronisierung nein nein ja ja nein nein
Voice/Video-Chats ja/ja nein/nein ja/ja ja (nur mobil)/nein ja/ja ja/ja
Desktop-Freigabe nein nein nein nein ja ja(1)
Dateiversand ja nein nein ja ja ja(1)
Sicherheit/Privatsphäre
Verschlüsselung ja ja ja ja ja ja
Zentraler Server nein nein nein ja nein ja(2)
Betriebssysteme
Linux ja ja ja ja ja ja
Mac OS X ja ja ja ja ja ja
Windows ja ja ja ja ja ja
Android nein nein ja ja ja(4) ja
iOS nein nein nein ja ja(4) ja(3)
(1) Je nach Anbieter.
(2) WebRTC ist ein offener Standard, daher kann man selbst einen Server hosten.
(3) Das WebKit-Backend von Apple Safari beherrscht noch kein WebRTC, der Open-Source-Browser Bowser für iOS kann jedoch damit umgehen.
(4) Je nach Client unterschiedliche Funktionen.

Retroshare

Retroshare [5] kombiniert eine Reihe von Funktionen zur verschlüsselten Kommunikation unter einer Oberfläche. Das Programm beschränkt sich dabei nicht nur auf Audio/Video- und Text-Chats, sondern unterstützt auch E-Mails, Newsgroups sowie Freigaben für den Datenaustausch mit befreundeten Usern sowie (auf Wunsch) auch mit Freunden von Freunden. Für den Datenaustausch baut das Programm via Turtle-Routing [6] ein "Friend-to-Friend"-Netzwerk (oder kurz F2F) auf. Im Gegensatz zu einem klassischen P2P-Netz routet Retroshare die Daten also nicht zwischen allen Teilnehmern im Netz, sondern nur zwischen Freunden und deren Freunden.

Die Entwickler bieten das unter GPLv2 lizenzierte Programm für Linux, Mac OS X sowie Windows an – Versionen für mobile Betriebssysteme fehlen komplett. Das Projekt betreibt für alle größeren Distributionen Paketquellen oder erstellt dafür über die Paketverwaltung installierbare Pakete [7]. Dabei unterscheidet die Entwickler zwischen "Stable"- und (ausführlich getesteten) "Unstable"-Versionen. Auf einem System mit Ubuntu 16.04 ließ sich allerdings im Test nur die "Unstable"-Quelle einrichten (Listing 1).

Listing 1

$ sudo add-apt-repository ppa:retroshare/unstable
$ sudo apt update
$ sudo apt install retroshare06

Beim Installieren sollten Sie beachten, dass das aktuelle Retroshare 0.6 zu älteren Versionen des Programms nicht mehr kompatibel ist, da sich das Protokoll grundlegend geändert hat. Sollte sich in den Paketquellen der von Ihnen genutzten Distribution noch eine ältere Ausgaben des Programms finden, dann installieren Sie besser gleich die aktuelle Ausgabe von Hand.

Beim ersten Start müssen Sie ein Profil (unter der Haube eigentlich nur einen PGP-Schlüssel) erstellen. Dabei nutzt Retroshare zum Erzeugen solider Zufallswerte die Bewegungen des Mauszeigers. Freunde fügen Sie dann über diesen Schlüssel hinzu: Dazu tauschen Sie mit dem zukünftigen Retroshare-Freund die öffentlichen Schlüssel aus (am besten Offline via USB-Stick oder zur Not auch via E-Mail oder über ein anderes Chat-Programm) und fügen diese über Hinzufügen aus der Kopfleiste der Anwendung ein. Anschließend erscheint der neue Kontakt als befreundeter Netzwerkknoten. Einen Chat starten Sie dann über das Kontextmenü des Kontakts (Abbildung 2).

Abbildung 2: Retroshare bietet mehr als Chats: Das Programm dient mit Mails, Foren und Feedreader als Kommunikationszentrale.

In der Praxis erweist sich die Oberfläche von Retroshare als zwar funktionell, aber unübersichtlich. Da das Programm weit mehr Funktionen bietet als nur Chats (Audio-, Video- und Text-Chats), müssen Sie sich durch zahlreiche Menüs und Reiter hangeln. Klassische Gruppenchats kennt Retroshare nicht; in der Chatlobbys finden Sie jedoch eine Möglichkeit, sich mit mehreren Personen gleichzeitig zu unterhalten. Private Lobbys erreichen Sie nur auf Einladung, Öffentliche Lobbys hingegen dürfen sämtliche Retroshare-User betreten.

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  • Alternativen zu SKYPE©
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