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© Golkin Oleg, 123RF

DOS- und Windows-Anwendungen unter Linux betreiben

Überwindung

So mancher Linux-Einsteiger stellt sich die Frage, ob er wohl alte DOS- oder Windows-Software weiterhin nutzen kann. Wir erläutern, wie Sie widerspenstige Software auch unter dem freien Betriebssystem zur Kooperation bewegen.

Manchmal könnten Umsteiger von Windows auf Linux verzweifeln: Ausgerechnet für eine wichtige Windows-Anwendung, die sie seit Jahren nutzen, gibt es weder eine native Linux-Variante noch einen adäquaten Ersatz. Doch ein solches Problem bedeutet nicht, dass man auf die betroffene Software verzichten muss: Wohl kein anderes Betriebssystem eignet sich so gut als Integrationsplattform für Software aus verschiedenen fremden Welten wie Linux.

Schon vor mehreren Dekaden tauchte mit dem Siegeszug des PCs und den verschiedenen darauf lauffähigen Betriebssystemen der Wunsch auf, Anwendungen auch unter fremden Plattformen zu nutzen. Bereits in den 90er-Jahren ermöglichten es Betriebssysteme wie IBMs legendäres OS/2 oder auch die Virtualisierungslösungen der Connectix Corporation für Apple-Computer, einige Anwendungen aus der DOS- und der 16-Bit-Windows-Welt im Host-Betriebssystem mittels eines Emulators oder – wie bei Connectix – mithilfe einer virtuellen Umgebung auszuführen.

Inzwischen haben sich dank der signifikant gestiegenen Leistungsfähigkeit von Prozessoren sowohl virtuelle Maschinen als auch Laufzeitumgebungen für Fremdprogramme durchgesetzt. Die Vorreiterrolle übernimmt dabei Linux, das durch eine nahezu unüberschaubare Anzahl von Emulatoren sowie Virtualisierungs- und Laufzeitumgebungen praktisch jede Software nutzbar macht.

Emulatoren, die ein komplettes Betriebssystem nachbilden, spielen dabei aufgrund der Komplexität moderner 64-Bit-Systeme eine immer geringere Rolle: Zu groß ist der Aufwand, solche Systeme zu emulieren. Für aktuelle Anwendungen vor allem aus der Windows-Welt nutzt Linux vielmehr Laufzeitumgebungen wie Wine [1] oder das daraus abgeleitete Crossover [2].

Über virtuelle Umgebungen wie etwa Oracles Virtualbox [3] ermöglicht es das Host-Betriebssystem, fremde Betriebssysteme und deren Anwendungen auf dem Desktop in einer oder mehreren virtuellen Maschinen (VMs) auszuführen. Dabei lassen sich unter Linux in der Virtualbox nicht nur Windows in verschiedenen Varianten oder DOS in einer VM ausführen, sondern auch exotische Betriebssysteme wie OS/2 Warp, dessen Ableger eComStation, Novells Netware oder unterschiedliche BSD-Derivate.

Voraussetzung für die Virtualbox ist das Vorhandensein eines Intel-x86-kompatiblen Prozessors. Auf ARM-basierten Systemen wie etwa dem Raspberry Pi funktionieren die Virtualisierungslösung daher nicht. Alternativen zur Virtualbox bilden unter Linux die VMware-Workstation [4] oder auch KVM [5] in Verbindung mit Qemu [6], einer virtuellen Maschine, die eine Hardware-Emulation bereitstellt.

Zusätzlich gibt es speziell für DOS-Programme die DOSBox [7], die ein komplettes DOS-System inklusive gängiger Hardware emuliert. Sie bildet dabei nicht aktuelle Hardware nach, sondern Komponenten, die in den Hochzeiten des 16-Bit-Betriebssystems dem seinerzeit aktuellen Stand der Technik entsprachen. Daher eignet sich die DOSBox vor allem als Laufzeitumgebung für Software, die mit moderner Hardware nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr läuft, wie primär alte Spiele.

Insbesondere Softwarepakete, die ursprünglich für DOS entwickelt, später jedoch auf Windows 3.x und 9x portiert wurden, machen es erforderlich, die DOSBox in Kombination mit Wine einzusetzen, um das betreffende Programm zum Laufen zu bewegen. Dabei greift das System auf Bestandteile des 16-Bit-Betriebssystems zurück, während es die Windows-Bibliotheken erst später nachlädt.

Installation

Meist geht es für den frischgebackenen Linux-Anwender darum, ein oder mehrere Windows-Programme weiter zu nutzen. Dazu sollten Sie zunächst Wine installieren, das sich bei allen gängigen Distributionen in den Paketquellen findet. In aller Regel bietet nach der Installation das Startmenü einen neuen Eintrag mit der Bezeichnung Wine an. Einige Distributionen, die speziell auf Windows-Umsteiger fokussieren, bringen Wine von Haus aus mit.

Die Installationsroutine legt dabei nicht nur eine Vielzahl von Startern an, die wie Wine Configuration, Wine Software Uninstaller oder Wine Registry Editor der Konfiguration dienen und sich optisch und funktionell nah am Windows-Original bewegen, sondern ergänzt auch beim Rechtsklick auf eine ausführbare Windows-Datei das Kontextmenü: Hier finden Sie ab sofort einen Eintrag Mit Wine Windows-Programmstarter öffnen.

Mit dieser Option rufen Sie zumeist den Assistenten zum Einrichten eines Windows-Programms auf. Beim ersten Anklicken des Programmstarters weist Wine zudem in den meisten Fällen auf die fehlenden Gecko- und Mono-Pakete hin, die es anschließend aus dem Internet herunterlädt und ins System integriert.

Bei diesen Paketen handelt es sich um eine freie Rendering-Engine und eine ebenfalls freie Implementation des proprietären .NET-Frameworks von Microsoft. Beide benötigt das System, um auch Anwendungen zur Kooperation zu bewegen, die diese Technologien nutzen. Um neue Windows-Programme bequemer in Wine zu integrieren, gibt es das grafische Frontend PlayOnLinux. Es enthält bereits eine Liste von Programmen, die unter dem Duo Linux/Wine funktionieren.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und umfasst hauptsächlich häufig genutzte Programme aus der Windows-Welt. Exoten tauchen hier kaum auf, sodass es sich vor allem bei älteren Windows-Programmen, die ursprünglich für Windows 2000 oder XP entwickelt wurden, auf jeden Fall lohnt, diese manuell über Wine direkt zu installieren (Abbildung 1).

Abbildung 1: Hier arbeiten zwei Windows-Programme problemlos unter Mageia 5 in zwei Wine-Instanzen.

Sofern die zu installierende Windows-Software nicht unter PlayOnLinux auftaucht, empfiehlt sich auf jeden Fall auch ein Blick in die von Anwendern kontinuierlich gepflegte Kompatibilitätsliste: Sie enthält deutlich mehr unter Wine ablauffähige Anwendungen [8].

Trickreich

Eine andere bequeme Möglichkeit, unter Wine Software zu installieren und gleichzeitig bestehende Probleme mit der Laufzeitumgebung zu beseitigen, bietet das Winetricks-Skript [9]. Das durch die Community kontinuierlich erweiterte Skript bietet eine grafische Oberfläche, die nicht nur das Einrichten von Windows-Software per Mausklick gestattet, sondern auch das Beseitigen von Problemen per Registry-Editor oder durch das Anpassen der Konfiguration. Zusätzlich lassen sich über Winetricks DLL-Dateien und Fonts per Mausklick installieren, die für den reibungslosen Betrieb eines Windows-Programms noch fehlen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Winetricks ermöglicht eine tiefer gehende Anpassung der Laufzeitumgebung.

Teilweise finden Sie die Funktionen von Winetricks bereits in den verschiedenen Konfigurationstools, die bei der Installation von Wine in einem gesonderten Startmenü-Eintrag landen – meist unter Werkzeuge | Wine. Winetricks bietet jedoch unter einer einzigen Oberfläche mehr Möglichkeiten, Probleme beim Aufruf von Windows-Anwendungen zu lösen. Einigen Distributionen wie ZorinOS packen Winetricks auch bereits mit auf die Festplatte, sodass Sie hier alle Werkzeuge ohne manuelle Installation vorfinden.

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