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RAW-Entwickler Corel Aftershot Pro 3 für Linux im Test

Noch etwas zu roh

Anspruchsvolle Fotografen überlassen es nicht der Kamera, aus den Bilddaten ein JPEG zu bauen: Sie greifen zu einem RAW-Entwickler. Corel bietet Linux-Anwendern dazu das kommerzielle Aftershot Pro 3.0 an.

Bilder im RAW-Format produzierten bislang eher ambitionierte und professionelle Fotografen mit höherwertigen Kompakt- oder digitalen Spiegelreflexkameras (DSLRs). Moderne Smartphones wie das aktuelle Samsung Galaxy S7 oder das neue OnePlus 3 bieten inzwischen jedoch ebenfalls die Option an, RAW-Bilder aufzunehmen. Dadurch bleiben sämtlich Bildinformationen des Kamerasensors erhalten, sodass sich das Bild später mit entsprechenden Programmen umfangreich entwickeln lässt – ähnlich wie man es von der analogen Fotografie kennt. RAW-Bilder nehmen daher aufgrund des Verzichts auf Kompressionsroutinen wie beim JPEG-Format deutlich mehr Platz auf der Speicherkarte ein und benötigen Zeit zur Nachbearbeitung. Dafür lassen sich in der Regel jedoch aus einem RAW-Bild Details kitzeln, die bei einer Aufnahme im JPEG-Modus verloren gingen.

Als Klassiker und Platzhirsch unter den RAW-Entwicklern bestimmt Adobe Lightroom die Grenzen dessen, was man mit dem Entwickeln von RAW-Aufnahmen erzielen kann. In der Open-Source-Welt finden Lightroom-Alternativen wie Darktable, Rawtherapee oder Shotwell Anklang. Sie unterstützen den Import diverser RAW-Formate, bieten Filter zur Rauschunterdrückung oder für Farbkorrekturen und ermöglichen den Export in einfacher handhabbare Bildformate wie JPEG, sodass sich die Aufnahmen weitergeben oder in anderen Programmen einbinden lassen.

Während die Open-Source-Tools alle unter Linux funktionieren, bleibt Lightroom Windows-Nutzern vorbehalten. Mit Corels Aftershot-Pro-Reihe [1] gibt es jedoch eine weitere proprietäre Alternative. Die frisch erschienene Version 3.0 bringt neue Funktionen – wenn auch teils nur für Windows und Mac [2].

Installation

Corel bietet Aftershot Pro 3 für Linux, Mac OS und Windows an. Die Linux-Variante gibt es in Form von DEB- und RPM-Paketen [3] ausschließlich für 64-Bit-Systeme als 30-Tage-Testversion. Die Installation verläuft in der Regel unkompliziert. Auf dem Testsystem mit Ubuntu 16.04 ließ sich die DEB-Datei über die Paketverwaltung ohne Komplikationen einspielen.

Nach der Testphase müssen Sie die Installation mit einer 89,99 Euro teuren Lizenz aktivieren, ansonsten quittiert das Programm seinen Dienst. Besitzer einer älteren Aftershot-Version, dem Vorgänger Bibble Pro oder anderer Grafikwerkzeuge wie Adobe Lightroom oder Apple Aperture können für 69,99 Euro auf die neueste Version von Aftershot Pro umsteigen.

Systemanforderungen

Corel nennt als Systemvoraussetzungen für Aftershot Pro ein 64-Bit-System mit Fedora 19 oder Ubuntu 14.04, einen Mehrkernprozessor, 2 GByte Arbeitsspeicher und einen Bildschirm mit mindestens 1024 x 768 Pixeln Auflösung. In der Praxis eignen sich entsprechend ausgestattete Rechner jedoch nur bedingt zum Entwicklern von RAW-Bildern. Da der Prozess einigen Rechenaufwand erfordert und die hochauflösenden Fotosensoren moderner Kameras eine gewaltige Menge an Bilddaten liefern, sollten Sie für ernsthafte Versuche in einen aktuellen Rechner mit einer Intel-Core-CPU aus der Haswell-Generation (oder ein vergleichbares Pendant von AMD) mit 8 GByte oder mehr RAM investieren.

TIPP

Nutzer von Arch finden im Arch User Repository ein PKGBUILD, über das sich Aftershot Pro leicht installieren lässt. Das AUR unterscheidet allerdings zwischen Aftershot Pro 2 [4] und 3 [5] – wählen Sie hier das richtige Paket aus.

Üblicherweise kümmert sich die CPU um das Aufbereiten der Bilder mit Filtern und Effekten. Das funktioniert mit modernen Prozessoren ausreichend schnell, doch die meisten Rechner verfügen über reichlich weitere Rechenpower – in Form der GPU auf der Grafikkarte. Mittels OpenCL [6] lässt sich dieser Prozessor in die Berechnungen von Aftershot Pro mit einbeziehen. Dazu müssen Sie in der Regel den entsprechenden proprietären Treiber der jeweiligen Grafikkarte installieren. Der freie Nouveau-Treiber für Nvidia-Karten unterstützt beispielsweise OpenCL noch nicht. AMD nennt die Technik AMD APP SDK (früher: AMD Stream SDK beziehungsweise ATI Stream). Ausführliche Informationen zum Einrichten der entsprechenden Pakete erhalten Sie etwa im englischsprachigen Arch-Wiki [7]. Die meisten Angaben lassen sich direkt auf andere Distributionen übertragen.

Nutzen Sie einen Intel-Rechner ohne dedizierte Grafikkarte [8], dann müssen Sie lediglich die OpenCL-Implementation Beignet [9] des Freedesktop-Projekts zusammen mit einem Testprogramm im System einspielen (Listing 1). Das Kommandozeilenwerkzeug Clinfo informiert Sie dann, ob das System im aktuellen Zustand OpenCL unterstützt (Listing 2). Bei Erfolg sollten Sie OpenCL dann in Aftershot unter Datei | Einstellungen... | Hardware-Beschleunigung aktivieren können (Abbildung 1) und eine Steigerung der Arbeitsgeschwindigkeit bei Berechnungen spüren. Schon eine Intel-GPU aus einem Sandy-Bridge-Chipsatz reduziert die Rechenzeit um mehr als 20 Prozent [10].

Listing 1

### Beignet unter Debian/Ubuntu installieren
$ sudo apt install beignet clinfo
### Beignet unter Arch Linux installieren
$ sudo pacman -S llvm
### Alternativ Yaourt als AUR-Helper
$ pacaur -S beignet clinfo

Listing 2

$ clinfo
Number of platforms 1
Platform Name Intel Gen OCL Driver
Platform Vendor Intel
Platform Version OpenCL 1.2 beignet 1.0.3
[...]
Abbildung 1: Mit OpenCL lagern Sie einen Teil der Rechenarbeit auf die ansonsten untätige GPU aus und beschleunigen so die Arbeitsweise des RAW-Entwicklers.

Bugs unter Gnome 3

Im Test erwies sich das Zusammenspiel aus dem Qt-basierten Aftershot und dem Gnome-3-Desktop als problematisch. Die Anwendung erschien zum einen im laufenden Zustand zweimal im Dock, zum anderen trat beim Maximieren oder Zurücksetzen des Anwendungsfensters gelegentlich ein irreguläres Verhalten zutage. Sporadisch ließ sich das Programmfenster überhaupt nicht mehr bedienen [16]. Das erste Problem lösen Sie, indem Sie den Startmenü-Eintrag in Form der Datei /usr/share/applications/AfterShot3X64.desktop mit Root-Rechten um den Eintrag StartupWMClass=AfterShot ergänzen. Alternativ nutzen Sie dafür den grafischen Menü-Editor MenuLibre [17]. Gegen das Einfrieren des Fensters ist derzeit dagegen noch kein Workaround bekannt.

Addon-Manager: Fehlanzeige

Die Oberfläche von Aftershot gliedert sich nach wie vor in drei Bereiche – große Änderungen zum Vorgänger gab es hier nicht. In der linken Spalte finden Sie die Bibliothek mit ihren Katalogen und einem Metadaten-Browser. Hinzu kommen eine Ordneransicht, über die Sie direkt im Dateisystem navigieren, sowie eine Übersicht der Ausgabefunktionen. Mittig zeigt Aftershot das aktuelle Bild mit den gerade aufgebrachten Filtern in einer Vorschau, rechts in mehren Reitern organisiert sehen Sie sämtliche zur Verfügung stehenden Filter und Regler. Neu hinzugekommen ist hier der Punkt Wasserzeichen, mit dem sich Texte oder Logos über das Bild legen lassen.

Unterhalb der Wasserzeichen sollte Aftershot Pro 3 im Reiter Get More die Installation neuer Kameraprofile und vordefinierter Bildeinstellungen anbieten sowie einen Plugin-Browser offerieren, mit dem sich das Programm mit wenigen Klicks um zusätzliche Funktionen und Einstellungen erweitern ließe [11]. Doch diese Funktionen lassen sich in der Linux-Version nicht finden. Auf Rückfrage verweist Corel auf die englischsprachige Webseite [12]: Sie würde auf diesen Umstand "hinweisen". Und tatsächlich: Im Klein(st)gedruckten steht dort tatsächlich der Satz "Available on Windows and Mac only. Linux users can download new Camera Profiles, Presets and Plugins here." Als Ersatz empfiehlt Corel, die Erweiterungen von Hand über die Homepage [13] zu beziehen und manuell zu installieren.

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