Notenblatt modern

Die Midi-Spuren von Tracktion lassen kaum Wünsche offen. Der Editormodus (siehe Kasten "Klang-Lego") arbeitet wie der von Ardour direkt in der Midi-Region auf der Spur, die sich dafür beliebig vergrößern lässt. Zeigt der Mauszeiger in den Clip, erscheint links eine mit Mausklicks spielbare Tastaturleiste und am oberen Rand eine Werkzeugleiste. Das Symbol mit den drei Punkten rechts in dieser Leiste aktiviert einen Step-Eingabemodus, der gespielte Noten an der Position des Play-Cursors einfügt.

Ein Druck auf [F4] vergrößert den gerade gewählten Clip automatisch. Bei stärkerer Vergrößerung kommen auch mehr Oberflächenelemente zum Vorschein (Abbildung 4). Links zeigen sich Notennamen sowohl in der Leiste als auch in den Noten selbst. Drehen Sie bei gedrückt gehaltenem [Strg] am Mausrad, verändert sich die Höhe der Notenbalken – dazu muss der Mauszeiger im Clip stehen. Befindet er sich außerhalb, zoomt Tracktion horizontal. So lassen sich Noten sehr präzise einsetzen und bearbeiten. Ein Druck auf [N] springt zurück zur Gesamtansicht des Edits.

Abbildung 4: Der Midi-Editor direkt in der Spur zeigt standardmäßig Noten in der üblichen Balkendarstellung.

Das Verkabeln von Midi- und Audio-Eingängen mit den Spuren von Tracktion fällt nicht schwer. Ein Rechtsklick auf das Pfeilsymbol im Spurkopf links zeigt sowohl die von Jack-Midi erzeugten Quellen als auch die Namen der von Alsa-Midi eingebundenen Geräte und entsprechende Jack-Audio-Ports. Dazu müssen Sie diese vorher in den Settings als Enabled kennzeichnen. Stellen Sie nur die Anschlüsse auf Enabled, die Sie auch regelmäßig benutzen, müssen Sie sich damit bei Aufnahmen nicht durch alles hangeln, was überhaupt verfügbar ist.

Tracktion behandelt alle eingehenden Signale gleich, das Programm nimmt Controllersignale genau wie Noten in die Spur auf. Der Standardmodus für die Midi-Aufnahme steht auf Addition: Bei wiederholten Aufnahmen des gleichen Clips an derselben Stelle fügt Tracktion daher die neuen Signale und Noten dem Clip hinzu. Einen echten Noteneditor bietet Tracktion 7 nicht – und folgt damit einem Trend: Auch Ardour und Bitwig verzichten auf einen Score-Editor. Wie alle anderen beherrscht Tracktion freilich den Import von Midi-Dateien aus Noteneditoren wie Musescore, wobei Tracktion (wie Ardour) dank seiner Jack-Transport-Synchronisation auch parallel zu Musescore laufen kann.

Klang-Lego

Alle modernen DAWs behandeln Aufnahmen und importiertes Klangmaterial als Datenquellen, die sie in ihren Werkzeugen als Regionen, Clips, Edits und mehr präsentieren, ohne dabei die Quelldateien selbst zu manipulieren. Das erlaubt maximale Flexibilität beim Zusammensetzen von Musikstücken – ohne das Risiko, möglicherweise einmalige Einspielungen kaputtzubearbeiten.

Die meist als "nondestructive editing" bezeichnete Technik nutzen die Tracktion-Entwickler besonders kreativ. Aus einer Aufnahme oder Midi-Komposition lassen sich beliebig viele Kopien an verschiedenen Stellen des Stücks einsetzen. Dabei dürfen Sie auch ganze Spuren in "Foldertracks" genannten Ordnern organisieren und beispielsweise in anderen Edits und Projekten einsetzen. Die Projekte und Edits, in denen Sie als Tracktion-Nutzer Musik produzieren, ähneln Datenbankabfragen, die sich dauernd live bearbeiten und nachjustieren lassen.

Aber auch die mit der Musik verbundenen Manipulationen durch Effekte und Mix lassen sich zusammenhängend speichern und andernorts benutzen. Auf diesem Weg nutzen Sie etwa eine fertig gemixte Rhythmussektion mit diversen Effekten in einem anderen Stück lediglich als Clip auf einer Spur, was für mehr Übersicht und Kontrolle des Materials bei komplexen Stücken sorgt. Dazu ziehen Sie einfach einen Edit per gehaltenem Linksklick auf seinen Karteireiter in eine Spur des gerade aktiven Edits.

Diese Edit-Clips genannte Technik funktioniert nur innerhalb eines Projekts und soll offensichtlich dazu dienen, existierende Edits zu einem neuen zusammenzusetzen. Der Versuch, einen neu angelegten Edit in einen älteren einzufügen, misslang im Test. Obwohl Tracktion die Aktion erst einmal auszuführen versuchte, entstand kein neuer Clip im alten Edit. Bestehende Edits lassen sich aber problemlos in neuen Edits als Clips auf beliebigen Spuren verwenden.

Auf den ersten Blick sieht das nur wie eine besonders komfortable Methode zum Exportieren von Submixen aus. Aber Tracktion bietet mehr: Bearbeitet man den so eingesetzten Edit auf dessen eigener Karteikarte, rendert Tracktion den im anderen Edit daraus erzeugten Clip neu, sodass sich ein einzelner Clip in seiner ursprünglichen Komplexität aus Dutzenden Spuren und Plugins weiter bearbeiten lässt. Im Reiter Edit Properties stellen Sie darüber hinaus detailliert ein, was genau Tracktion aus dem Quell-Edit wie in den Edit-Clip rendert (Abbildung 5).

Tracktion 7 realisiert gegenüber der Vorversion diverse Verbesserungen und Erweiterungen. So lassen sich für das Rendern von Edit-Clips und auch für den normalen Export von Audio weitere Parameter einstellen. Geht es um das Zusammensetzen von Musikmaterial, ist auch immer eine Angleichung des Tempos der verschiedenen Quellen gefragt. Das dazu in Tracktion eingebaute Modul Elastique Pro [2] erzeugt hervorragende Qualität ohne hörbare Artefakte. Tracktion 7 zeigt nun direkt an, wie ein Clip nach dem Strecken oder Stauchen aussieht. Zudem lässt sich die Zeitverzerrung jederzeit nachjustieren, ohne dass die Systemlast spürbar ansteigt.

Abbildung 5: Nach einer kleinen Änderung im Quell-Edit rendert Tracktion den Edit-Clip automatisch neu.

Tonbandgerät modern

Noch vor der Midi-Integration bot Tracktion bereits Spuren für das Aufnehmen von Klängen vom Mikrofon. Dabei machte von Anfang an die Juce-Oberfläche auch auf winzigen Bildschirmen im Band-Proberaum alle Funktionen für eine klassische Musikproduktion zugänglich. Unter Linux setzt das vor allem eine ordentliche Integration des Soundservers Jack voraus. Der bietet nicht nur zuverlässig synchronisierten Zugang zu Soundkarteneingängen bei Verzögerungen von weniger als 10 Millisekunden: Der Soundserver erlaubt auch Software, Audioausgänge anzubieten, die unabhängig von einer Hardware-Lösung arbeiten.

Die Referenz für die Unterstützung dieser Technik stellt Ardour, das ursprünglich als Aufsatz für Jack entstand. Tracktions Jack-Integration gilt im Midi-Bereich als vorbildlich. Nach einer Umkonfiguration in Qjackctl müssen Sie zwar die MIDI-Anschlüsse im Settings-Panel von Tracktion neu einschalten, doch von solchen Kleinigkeiten abgesehen bietet Tracktion alles, was auch andere native Audio-Software für Jack mitbringt. Virtuelle Jack-Ausgänge bindet das Programm jedoch nicht automatisch ein. Es empfiehlt sich, die Ausgänge von Programmen wie Guitarix mit QjackCtl an die offenbar für genau diesen Zweck von Juce erzeugten virtuellen Eingänge 3 und 4 anzuschließen (Abbildung 6).

Abbildung 6: Standalone Jack-Programme wie den Gitarrenverstärker Guitarix lassen sich am besten mit QjackCtl an Tracktion anschließen.

Arbeiten Sie mit spielenden Musikern, werden Sie den retrospektiven Aufnahmemodus lieben. Im Menü links unten lässt sich unter Options | Retrospective record ein Zeitrahmen einstellen, in dem Tracktion 7 jeden eingehenden Input mitschneidet. Wer beim "Warmspielen" auf der Gitarre oder dem Midi-Keyboard spontan eine großartige Idee hat, muss sich nicht mehr ärgern, weil die Aufnahme nicht gestartet war.

Das Uhrensymbol rechts oben erlaubt es, aus dem retrospektiven Puffer einen neuen Clip in der gerade aktiven Spur zu erzeugen. Dabei berücksichtigt Tracktion die zuletzt für eine bestimmte Spur eingehende Aufnahme. Wer also fünf Minuten Puffer einstellt und dann in diesen währenddessen erst Midi-Noten und danach Audio einspielt, bekommt die Audio-Aufnahme: Den Midi-Clip verwirft die retrospektive Funktion, sobald Material auf der Audio-Spur eingeht, und umgekehrt.

Für Effekte bietet Tracktion 7 eine neue Möglichkeit zur Automation. Neben den schon länger verfügbaren selbstgezeichneten Kurven, die parallel zu den automatisierten Spuren laufen, gibt es nun auch LFO-Kurvenfunktionen für Parameter. Auch in Tracktion 7 verzichten die Entwickler auf eine spezielle Mixer-Ansicht. Einige subtile Verbesserungen der stattdessen angebotenen Regler in den Spurausgängen helfen Einsteigern, diese Besonderheit schnell zu akzeptieren. Tracktion zeigt, dass es Musik auch ohne Nachahmen eines Hardware-Mixers sehr gut arrangieren und mischen kann (siehe Kasten "Roboter machen die Musik").

Roboter machen die Musik

Tracktion 7 bietet eine neue Möglichkeit, Parameter von Plugins und Mixer-Elementen zu automatisieren. Neben den bekannten linearen Kurven, die sich parallel zu einer Spur in den Ablauf des Stücks einzeichnen lassen, gibt es nun zusätzlich ein LFO-Element, das eine kontinuierlich wiederholte Kurve auf einen Parameter aufbringt. Dies geschieht wie üblich per Drag & Drop, indem Sie das grüne LFO-Symbol rechts oben auf ein Element im Mixer ziehen.

Mit dem Schalter Learn in der Bearbeitungsansicht des LFO-Plugins lassen sich auch einzelne Parameter in Rack-Effekten der Kurve zuweisen. Allerdings war es im Test bei vielen Plugins nicht möglich, auch interne Parameterregler auf diesem Weg zuzuweisen. Das Learn-Fenster registriert nur Bewegungen der von Tracktion angebotenen eigenständigen Schieberegler-Plugins. Das schränkt die Möglichkeiten im Vergleich zur völlig frei verwendbaren ähnlichen Methode in Bitwig Studio erheblich ein.

Die Ursache: Einige Tracktion-Plugins geben ihre Parameter für Automatisierungssignale schlicht nicht frei. Tracktion weist in diesem Punkt ein Defizit zu den meisten anderen für Linux verfügbaren Audio-Suiten auf. Ob in Ardour oder Qtractor – überall sonst lassen sich grundsätzlich alle Plugin-Parameter automatisieren. Allerdings ist das Problem weniger schwerwiegend, als es auf den ersten Blick aussieht: Es betrifft "nur" die von Tracktion mitgelieferten internen Plugins. VST- und auch LADSPA-Module lassen sich sowohl mit der herkömmlichen Automatisierung als auch mit dem LFO-Modul vollständig steuern.

Auch den Midi-Learn-Modus könnte man als allzu spartanisch missverstehen (Abbildung 7). Das per Klick auf den Schalter Midi-Learn unten rechts im Kasten der Laufwerkssteuerung eingeblendete Overlay zeigt nur die Laufwerksfunktionen und einige Hauptregler. Dennoch erkennt der Modus jedes Bedienelement, das Sie im Learn-Modus anstoßen, und zeigt den Parameter mit einer Meldung oben im Overlay an. Ein Bewegen des gewünschten Reglers an einem angeschlossenen Midi-Controller verbindet den Regler mit dem Parameter.

Abbildung 7: Auch der freie VSTX-Synthesizer Helm lässt sich mit Tracktions Midi-Learn-Funktion an die Controllerregler eines Keyboards anschließen.

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