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DAW Tracktion 7 für Linux im Test

Klang-Lego

Digital Audio Workstations – das waren früher kaum zu bezahlende Hardware-Lösungen. Heute ersetzen ein simpler PC, Midi und Software wie Tracktion 7 die teure Hardware, auch unter Linux.

Die Digital Audio Workstation (DAW) Tracktion hat sich in den letzten Jahren in der hart umkämpften Welt kommerzieller Audiosoftware eine solide Position erarbeitet. Musiker schätzen besonders die schlanke, sachliche Oberfläche und innovative Funktionen, die es in dieser Form in den meisten Programmen in Tracktions Preisklasse nicht gibt.

Zu den wesentlichen Argumenten für Tracktion [1] zählt, dass es eine offizielle Linux-Version des Programms gibt: Tracktion 7 bekommen Sie wie die Vorgänger in Form eines DEB-paketierten Installers für 64-Bit-Systeme von der Tracktion-Homepage. Wir haben uns angesehen, was das aktuelle Tracktion 7 auf Ubuntu 15.10 für Linux-Musiker leistet.

Um Tracktion zu erwerben, müssen Sie sich auf der Website des Herstellers registrieren, was noch einigermaßen reibungslos abläuft. Allerdings findet sich im Kundenkonto dann kein Knopf, von dem aus man die Software erwerben und herunterladen könnte. Dazu müssen Sie in den Bereich Marketplace rechts oben wechseln, der fast vollständig aus Werbebannern für diverse mit Tracktion verbundene Softwareprodukte besteht. Die Banner sind als Diashows animiert, was dazu führen kann, dass man bei Klick auf ein Produkt ein anderes auswählt.

Die eigentliche Tracktion-DAW versteckt sich in einer Zeile kleinerer Banner am Seitenende. Nach einem Klick auf dieses Bildchen gelangen Sie über Checkout zur Kasse und bezahlen via Paypal oder Kreditkarte. Nach erfolgreicher Abwicklung des Kaufs steht Tracktion 7 zum Download für alle unterstützten Systeme im persönlichen Bereich des Nutzers bereit.

Nach dem Herunterladen richtet der Befehl sudo dpkg -i Tracktion*.deb das vergleichsweise schlanke Programm unter /usr/ auf der Platte ein. Anders als Alternativen wie Bitwig oder LMMS verzichtet Tracktion auf zusätzliche Pakete wie Sample-Sammlungen, es gibt lediglich eine Reihe von Demo-Songs. Diese führten im Test allerdings zu Abstürzen, Sie sollten sie daher eher meiden. Zusätzliche Plugins müssen Sie in der Regel über die Paketverwaltung der genutzten Linux-Distribution oder manuell einspielen (siehe Kasten "Mehr Plugins").

Beim ersten Start von Tracktion 7 müssen Sie noch E-Mail-Adresse und Passwort angeben (Abbildung 1), danach ist Tracktion für den Rechner registriert und ohne weiteres Theater umgehend einsatzbereit. Für weitere Rechner lassen sich auf der Webseite unkompliziert Keyfiles erzeugen, die diese Maschinen dann für den Offline-Modus freischalten.

Abbildung 1: Die links angeordnete Setup-Liste müssen Sie nicht vollständig durchgehen. Tracktion funktioniert auch dann, wenn Sie einige dieser Punkte auslassen.

Mehr Plugins

Wie alle modernen DAWs setzt Tracktion alle Effekte und Klangerzeuger als Plugins um. Die unter Mac OS X und Windows üblichen Formate AU und VST bleiben in der Linux-Version von Tracktion außen vor. Auch mit VST-Plugins, die mithilfe von Wine oder einem System wie Vestige in LMMS durchaus funktionieren, kommt Version 7 nicht zurecht. Neben den eigenen einfachen Effekten und Samplern kann Tracktion unter Linux nur Effektmodule im altbewährten LADSPA-Format sowie nativ für Linux kompilierten VST-Module nutzen.

Der Vorzug dieser Konzentration auf offiziell für Linux gebauten Plugin-Bibliotheken liegt in der besseren Leistung und Integration solcher Software im Vergleich zu VST-DLLs, die mit Wine oft eher schlecht als recht funktionieren. Der Nachteil: Es gibt nur ein sehr eingeschränktes Angebot nativer Plugins. Zudem finden sich nur wenige native VSTX-Plugins in den Distributionspaketquellen, da viele nicht unter einer freien Lizenz stehen. Sie müssen diese, wie unter Windows oder Mac üblich, von den Webseiten der jeweiligen Anbieter beziehen.

Tracktion.com bietet in seinem "Marketplace" genannten Shop einige auch unter Linux funktionstüchtige Plugins an, die besonders gut mit dem Programm harmonieren. Die meisten davon fungieren als Erweiterungen für Tracktion und lassen sich auch als Komplettpaket namens "Ultimate Package" erwerben. Die Sammlung enthält allerdings auch eine Einsteigerversion des für Linux nicht verfügbaren Tonmanipulators Melodyne.

Kommerzielle VSTX bieten unter anderen Loomer [4] und Pianoteq [5] an, eine umfangreiche Liste verfügbarer Plugins hält LinuxSound.org [6] vor. Auf dieser stets aktuell gepflegten Liste finden sich jedoch auch viele Links zu Plugins, die sich lizenzrechtlich eher in einer Grauzone bewegen, da etwa der Quellcode fehlt oder man die Erweiterungen aus anderen Gründen nicht frei verteilen darf. Einige dieser Module (sowie auch etliche freie VSTX, die in den Paketquellen gängiger Distributionen fehlen) bietet Paolo Coelho (FalkTX) in seinem KXStudio-Projekt an. Benutzer von Debian-basierten Distributionen wie Ubuntu finden auf der KXStudio-Webseite eine Anleitung zum Einrichten von PPA-Repositories, aus denen sich einige Dutzend zusätzliche VSTX-Plugins installieren lassen.

Das moderne LV2-Format für Linux-Plugins unterstützt Tracktion jedoch nach wie vor nicht. Allerdings erleichtert FalkTX auch hier dem Nutzer das Leben: Der Plugin-Host Carla, selbst als VSTX-Modul verfügbar, erlaubt seinerseits, jedes unter Linux verfügbare Plugin-Format zu laden. Damit lassen sich auch LV2-Plugins wie etwa die erstklassigen Effekte und Synthesizer von CALF in Tracktion einbinden.

Kompilieren Sie Carla selbst, besteht zudem die Möglichkeit, auch für Windows als DLL gebaute VST-Plugins in Gang zu bringen. Diese Option verursachte in Tracktion 6 noch massive Probleme. In den derzeit aktuellen Versionen von Tracktion und Carla zeigten sich jedoch nur noch bei nativen Oberflächen von LV2-Programmen kleinere Unstimmigkeiten. Bei einem erträglichen Maß an diesbezüglicher Vorsicht hinsichtlich von LV2-GUIs erweist sich die Kombination aus Carla, LV2 und Tracktion 7 als sehr gut benutzbar.

Einfach anders

Im Test auf einem Laptop mit relativ kleinem Bildschirm zeigt sich eines der wichtigsten Alleinstellungsmerkmale von Tracktion 7: Keine andere vergleichbar ausgestattete Musikproduktionssuite für Linux lässt sich auf derart kleinem Raum sinnvoll nutzen. Das Fenster von Tracktion 7 zeigt alle Bedienelemente, obwohl es weniger als 1000 x 600 Pixel einnimmt (Abbildung 2). Neben großer Sorgfalt beim Design der Anwendung spielt dabei das von Julian Storer ursprünglich extra für Tracktion entwickelte Juce-Framework seine Stärken aus (siehe Kasten "Juce"). Es fühlt sich deutlich schlanker an als die gängigen GTK- oder Qt-Oberflächen und kann Schriften perfekt proportional zu grafischen Elementen wie Buttons skalieren, ohne dass irgendwelche Artefakte auftreten oder sich Elemente überdecken.

Abbildung 2: Tracktion 7 begnügt sich mit 970 x 560 Bildpunkten, um alles anzuzeigen, was Musiker für das Aufnehmen und Mixen von Mehrspurprojekten benötigen.

Im Gegensatz zu früheren Versionen von Juce skaliert die Oberfläche nun, ohne irgendwelche Kratzgeräusche in der ebenfalls in Juce umgesetzten Audio-Engine von Tracktion zu erzeugen. Möchten Sie auf einem Computer mit einem sehr kleinen Bildschirm ernsthaft Musik machen, finden Sie in Tracktion also die Lösung aller Probleme mit unleserlichen Beschriftungen und nicht mehr erreichbaren Bedienelementen. Das neue Farbschema in augenfreundlichen blaugrauen Farbtönen mit sinnvoll in gedeckten Farben hervorgehobenen Elementen unterstreicht den erfreulichen Eindruck der Oberfläche. Tracktion 7 sieht professioneller und ausgereifter aus als seine Vorgänger.

Juce

Bei Tracktion handelt es sich grundsätzlich um ein in C++ geschriebenes Windows-Programm, das allerdings für Oberfläche und Audio-Engine auf das auch für Linux nativ verfügbare Toolkit Juce [3] aufsetzt. Juce-Entwickler Julian Storer beteiligt sich seit langen Jahren aktiv an der Linux-Audio-Szene und veröffentlichte bereits eine ganze Reihe Plugins und Werkzeuge für Linux-Musiker unter freien Lizenzen. Er pflegt Juce sehr aktiv auf Github. Tracktion war eins der von Storer selbst als Nachweis der Leistungsfähigkeit von Juce geschaffenen Projekte.

Seit 2014 arbeitet Storer für Roli. Dieser britische Hersteller avantgardistischer Musikinstrumente betreut die Weiterentwicklung von Juce und benutzt es selbst für seine Software und Geräte. Dabei bleibt Juce weiter frei lizenziert und erfreut sich bei vielen freien und kommerziellen Projekten großer Beliebtheit. Sehr häufig kommt es bei Applikationen und Spielen auf mobilen Geräten zum Einsatz. Zu den kommerziellen Nutzern von Juce zählen klangvolle Namen wie Presonus, Korg und MAudio.

Komplexes Innenleben

Mit Tracktion lassen sich sehr komplexe Projekte gestalten: So erlaubt das Programm beispielsweise, alle Songs eines Albums gleichzeitig in eine Sitzung zu laden, wo diese sich dann parallel bearbeiten lassen. Zudem bietet das Programm die Funktion, musikalisches Material miteinander zu teilen und auszutauschen.

Diese Komplexität fordert jedoch auch den Anwender: Da ein einzelnes Projekt auch mehrere "Edit" genannte Aufnahmesessions auf beliebig vielen Audio- und Midi-Spuren erlaubt, verliert man schnell die Übersicht. Hinzu kommt, dass die im Hintergrund auf Karteikarten geladenen Projekte und Edits auch dann aktiv bleiben, wenn man sie gerade nicht bearbeitet. Ein Midi-Synthesizer, der auf einem Hintergrundprojekt an ein Keyboard angeschlossen ist, spielt daher auch dann noch ab, wenn man gerade an einem ganz anderen Projekt arbeitet. Es empfiehlt sich also, von der großen Flexibilität von Tracktion nicht allzu verschwenderisch Gebrauch zu machen.

Wer sich an Automatismen in anderen Programmen stört, hat in Tracktion wenig zu meckern, muss sich aber auch selbst unter Kontrolle halten. Tracktion erkennt vollautomatisch die von Jack und Alsa bereitgestellten Midi- und Audio-Schnittstellen (Abbildung 3). Für das Einbinden virtueller Jack-Audioports bedient sich Tracktion eines kleinen Tricks: Das Programm erzeugt mit seiner Juce-Bibliothek pauschal 16 Ein- und Ausgänge, an die sich mit Qjackctl alles anschließen lässt, was sinnvollerweise in einer Jack-Audio-Session vorkommen kann.

Abbildung 3: Tracktion findet im Gegensatz zu anderen plattformübergreifend verfügbaren Audio-Programmen sämtliche am Rechner verfügbaren Midi-Schnittstellen sowie Jack-Midi.

Ein eher fragwürdiges Verhalten legt Tracktion 7 an den Tag, sobald man den virtuellen Desktop verlässt, auf dem es läuft: Es schaltet in diesem Fall seine Audio-Engine ab, wobei auch die konfigurierten Midi-Schnittstellen schlafen gehen. Bei der Rückkehr zum Anwendungsfenster gilt es in einigen Fällen, die Anschlüsse durch einen einfachen Aufruf des Konfigurationswerkzeugs unter Settings | MIDI Devices wiederzubeleben. Da Tracktion sich aber dennoch die Verkabelung der Geräte merkt, führt diese Behelfslösung in der Regel nicht zu weiteren Problemen.

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