Editorial 08/2016

Business as usual

Dank freundlicher Unterstützung seitens Microsofts interessieren sich mehr Windows-Anwender denn je für einen Umstieg auf Linux. Statt diese Chance zu nutzen, führen die Protagonisten der Distributionsszene lieber weiter ihre üblichen Grabenkämpfe, ärgert sich Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

solche Statistiken liest man gern: Im Juni 2016 haben erstmals mehr als zwei Prozent der Besucher prominenter Webseiten mit einem unter Linux laufenden Webbrowser auf die Inhalte zugegriffen. So weist Netmarketshare einen Anteil von 2,02 Prozent aus [1], laut W3Counter waren es sogar 2,48 Prozent [2]. Mit den resultierenden Schlagzeilen des Strickmusters "Linux mit mehr als 2 Prozent Marktanteil!" muss man allerdings Vorsicht walten lassen: Wie gesagt zählen die Unternehmen einfach die Besucher von großen Webseiten – ein genaues Abbild der tatsächlichen Marktanteile bei Betriebssystemen lässt sich so sicher nicht bestimmen. Dass aber der ausgewiesene Trend stimmt, also über die letzten Monate die Zahl der Linux-Benutzer deutlich gestiegen ist, daran hege ich keinerlei Zweifel. Auf den beiden letzten Linux Presentation Days im November und April waren jede Menge wechselwillige Anwender zu beobachten, die den Sprung auf Windows 10 scheuen.

Das liegt wohl nicht nur daran, dass Microsoft mit dem System eine ständig nach Hause telefonierende Privacy-Katastrophe geschaffen hat [3]. Auch sonst tut der Konzern alles, um die möglichen Benutzer zu vergrätzen: Zuerst nervte man die Anwender der Vorversionen mit aufdringlichen Upgrade-Aufforderungen, die an den unmöglichsten Stellen aufpoppten – etwa mitten in der Wettervorhersage eines US-Fernsehsenders [4]. Als Nächstes gab es in schönster Malware-Manier eine Zwangsaktualisierung spendiert, wenn man das nervige Werbefenster einfach wegklickte, statt seine Wechselunwilligkeit explizit über eine verschwurbelt formulierte Option darzulegen [5]. Nach dem unvermeidlichen Proteststurm über diese Frechheit entblödet sich Microsoft in der neuesten Iteration des Dramas nicht, die letzten noch nicht völlig entnervten Benutzer von Windows 7 und 8 mit einer bildschirmfüllenden Upgrade-Aufforderung zu drangsalieren [6]. Da muss es aber jemand nötig haben …

Trotz so viel Motivationsschub aus Redmond wird auch 2016 nicht das Jahr des Linux-Desktops werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man im Linux-Lager weiter mit Verve alte Unsitten pflegt. Ein Paradebeispiel liefern gerade Canonical und Red Hat ab: Da hat man nach Jahrzehnten endlich erkannt, dass inkompatible Paketformate und eine veritable Dependency-Hölle den Software-Entwicklern und Anwendern das Leben gleichermaßen schwer machen. Die Lösung: Man verpacke die Software samt Abhängigkeiten in Container, die sich dann distributionsübergreifend ohne Abhängigkeitsprobleme auf jedem System nutzen lassen und obendrein aufgrund der Container-Technologie mehr Sicherheit durch Abschottung gegen das Restsystem bieten können.

Es kommt, was wohl kommen musste: Statt RPM und DEB gibt's – nein, kein universales, für die Nutzer aller Distributionen unkompliziert handhabbares Paketformat. Stattdessen bekommen wir nun Flatpaks und Snaps (siehe Artikel ab Seite 74) – die einen brauchen Wayland und Systemd/Kdbus, die anderen Mir und einen App-Store, für den die Entwickler eines der berüchtigten "Contributor Licence Agreements" von Canonical unterzeichnen müssen. Statt die Gunst der Stunde zu nutzen, um mehr Anwender ins Lager der freien Software zu ziehen, pflegen die üblichen Verdächtigen einmal mehr ihre Profilneurosen [7] – schade um die vertane Chance.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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