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© Christos Georghiou, 123RF

Der Debian-Fork der Veteran Unix Admins ohne Systemd

Aus Debian wird Devuan

Auf Streitigkeiten folgt bei Linux oft die Abspaltung eines Projekts. Der Fork Devuan ist das Ergebnis eines lautstarken Streits in der Debian-Community.

Die Einführung von Systemd führte besonders bei Debian zu schweren technischen wie sozialen Verwerfungen, die hauptsächlich von Widersachern des neuen Init-Systems von außen in das Projekt getragen wurden. Eine Handvoll Gegner überzog lautstark und medienwirksam die Linux-Szene im Allgemeinen und Debian im Besonderen mit einer Protestwelle gegen Systemd, die immer mehr von einer technischen Argumentation in ein philosophisches Lamento überging – eine sinnvolle Argumentation erwies sich kaum mehr als möglich.

Ein wie ein Mantra wiederholtes Argument lautete, Systemd verletze eine der Grundregeln von Unix, das da lautet: ein Werkzeug pro Aufgabe. Gegen die versuchte Einflussnahme von außen wie von innen versuchte Debians technisches Komitee seiner Aufgabe gerecht zu werden, eine rein sachliche Entscheidung herbeizuführen. Die fiel letztlich zugunsten von Systemd. Dies war die Geburtsstunde des Debian-Ablegers Devuan [1] (ausgesprochen wie "DevOne")

Die Gruppe, die im November 2014 die Idee zu Devuan hatte, nennt sich VUA – das Akronym steht für "Veteran Unix Admins". Es handelt sich dabei hauptsächlich um italienische Admins rund um Franko nextime Lanza [2] und den Open-Source-Aktivisten Denis jaromil Roio [3], der auch für das Netzwerk Dyne.org [4] verantwortlich zeichnet. Hinzu gesellte sich der derzeitige Chefentwickler Daniel Centurion Reurich [5].

Revolte

Der letztlich ausschlaggebende Punkt für den Fork war der Ausgang einer "General Resolution" [6], also einer Grundsatzentscheidung unter den Debian-Entwicklern. Es ging um die Frage, ob Pakete in Debian Abhängigkeiten zu einem bestimmten Init-System aufweisen dürfen. Bei Systemd ist dies der Fall, sodass ein Wechsel des Init-Systems sehr schwerfällt. Die Abstimmung, an der rund 500 der etwas über 1000 Entwickler teilnahmen, kam zu dem Ergebnis, dass es keinen Grund gebe, eine solche Abhängigkeit kategorisch auszuschließen. Das war ein Vertrauensbeweis in die Selbstregulierungskräfte des Projekts – an Entwickler und Paketbetreuer, in bester Absicht das Richtige zu tun – und eine Absage an Bürokratie und Überregulierung.

Damit sahen die VUAs die Wahlfreiheit des Init-Systems als nicht mehr gegeben an. Daher entschieden sie, ein Debian gänzlich ohne die Komponenten von Systemd zu erstellen, und begründeten diese Absicht in einer Ankündigung [7]. Dabei kritisierten die abtrünnigen Entwickler Debian nicht nur wegen seiner diesbezüglichen technischen Entscheidungen, sondern auch wegen seiner ideologischen Haltung. Debian habe sich selbst verraten, so der Tenor bei den Systemd-Gegnern. Eine erste Version eines Systemd-freien Debian sollte zur Veröffentlichung von Debian 8 "Jessie" im April 2015 bereitstehen. Schnell erwies sich die Aufgabe aber als schwieriger als anfangs angenommen.

Wahlfreiheit

Devuan sollte mit SysVinit auf das bisher bei Debian verwendete Init-System setzen, dabei aber dem Anwender die Freiheit lassen, andere Init-Systeme zu betreiben, wie Upstart, OpenRC, Runit und – der Vollständigkeit halber – auch Systemd. Letzteres fehlt in der aktuell vorliegenden Devuan-Beta noch, soll aber nach Veröffentlichung der stabilen ersten Version folgen, sofern es keine Regressionen bewirkt. Dabei geht es aber mehr ums Prinzip der freien Wahlmöglichkeit – die Anwender setzen in der Regel ja auf Devuan, weil sie auf Systemd verzichten möchten. Ein weiteres Ziel war eine einfache Möglichkeit des Cross-Grades von Debian "Wheezy" und "Jessie" nach Devuan.

Als Erstes ging es beim Projekt Devuan darum, eine eigene Infrastruktur zu erstellen. Statt auf Github hosten die Entwickler den Quellcode auf der Open-Source-Lösung Gitlab, um von dort mithilfe des Continuous-Integration-System Jenkins [8] Pakete zu erstellen. Die Repositories selbst verwaltet der eigens erstellte Repository-Layering-Proxy Amprolla. Dabei bindet das System lokale Devuan-Repositories ebenso ein wie entfernte Debian-Archive. Devuan will nur dort Pakete verändern oder selbst entwickeln, wo dies unumgänglich ist, um Systemd zu vermeiden.

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