Ubuntu 16.04 und seine Flavors im Überblick

Vertraute Umgebung

In bester LTS-Tradition offeriert Canonical mit Ubuntu 16.04 ein rundes, stabiles Release. Darin versehen altbewährte Systemkomponenten weiter ihren Dienst, wie der X-Server und das Debian-Paketsystem.

Schon für die letzten beiden Ubuntu-Ausgaben wurden angekündigte Neuerungen nicht rechtzeitig fertig, wie der X-Server-Ersatz Mir, der Unity-8-Desktop und der Paketmanager Snappy (siehe Kasten "Gebremster Umschwung"). Dass die aktuelle Long-Term-Support-Version 16.04 "Xenial Xerus" [1] diese tief ins System einschneidenden Veränderungen einmal mehr überspringt, dürfte Canonicals Bedenken geschuldet sein, dass sich die Entwickler sonst bis 2019 mit eventuell resultierenden Problemen herumschlagen müssten.

Außerdem zielen die LTS-Versionen immer auch auf den Unternehmenseinsatz ab. Dort zählt bekanntlich Stabilität mehr als Experimente mit neuen Technologien. Den für diese Einsatznische optimierten Virtualisierungsoptionen des Releases ist auch der adjektivische Anteil des Release-Codenamens geschuldet, "xenial": Das griechische Lehnwort steht im Englischen für "gastfreundlich". Bei der Gattung Xerus handelt es sich um die possierlichen afrikanischen Borstenhörnchen, die man in verschiedenen Arten von Marokko bis ans Kap der Guten Hoffnung antrifft, der Heimat von Canonical-Chef Mark Shuttleworth.

Da Ubuntu 16.04 also nicht mit bahnbrechenden Veränderungen im Grundsystem aufwartet, bleiben als Motivation für ein Upgrade der Distribution lediglich aufgefrischte Versionen der Anwendungen, der Desktop-Umgebungen und des Kernels: Anders als modische Rolling-Release-Distributionen wie OpenSuse Tumbleweed, Linux Mint Debian oder Arch Linux liefert Ubuntu diese nicht als Updates für das laufende System nach, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Gebremster Umschwung

Sogar die X-Window-Entwickler selbst räumen ein, ihre Software sei obsolet: Da heute oft die Anwendungen selbst die Hardwarebeschleunigung der Grafikkarte ansprechen, wäre es aus Performancegründen günstiger, wenn der Window-Manager des Desktops die Fäden direkt in der Hand hielte. Mit Wayland [2] entstand dafür ein im Vergleich zu X-Window deutlich schlankeres Protokoll zur hardwarebeschleunigten Anzeige von Fenstern.

Grafische Toolkits wie Qt oder Gtk, auf die fast alle modernen Programme aufsetzen, nutzen dann das Wayland- statt das X-Protokoll für die Bildschirmausgabe. Das erspart direkte Eingriffe bei den meisten Anwendungen. Tatsächlich enthalten Gnome, KDE und Enlightenment bereits eine experimentelle Wayland-Unterstützung.

Canonical zeigt sich jedoch mit dem neuen System unzufrieden und entwarf mit Mir [3] einen eigenen, in mancher Hinsicht vergleichbaren Display-Server. Die nächste Version 8 des Ubuntu-Desktops Unity läuft entsprechend ausschließlich unter Mir (Abbildung 1). Die Entwicklung der X-Server-Alternative dauert allerdings schon jetzt wesentlich länger als ursprünglich veranschlagt: Die Software sollte bereits mit Ubuntu 15.04 ausgeliefert werden, dann mit 15.10. Nun steht noch nicht einmal für das aktuelle Release eine alltagstaugliche Vorschau bereit.

Abbildung 1: Das noch instabile Unity 8 kennt einen Desktop-Modus für normale Fensterdarstellung und einen Vollbildmodus für Handys und Tablets.

Möchten Sie Unity 8 zusammen mit Ubuntus unter anderem für Mobilgeräte entwickelten Display-Server ausprobieren, installieren Sie mit dem Kommando sudo apt install unity8-lxc das Unity-8-Setup-Programm. Der Befehl sudo unity8-lxc-setup richtet dann einen Container mit dem noch nicht stabilen Desktop ein, der sich nach einem Reboot im Anmeldebildschirm auswählen lässt. Alternativ installieren Sie das Paket unity8-desktop-session-mir.

Produktiv einsetzen lässt sich der Desktop nach Einschätzung seiner Entwickler aber noch nicht. Immerhin zeichnet sich schon ab, wie das stabile, möglicherweise unter Ubuntu 16.10 verfügbare Endprodukt aussehen könnte. Vielleicht reicht Canonical in der langen LTS-Laufzeit auch eine benutzbare Version für Ubuntu 16.04 nach.

Auch beim Paketmanagement verfolgt Canonical eigene, ambitionierte Pläne. Das von der Debian-Basis übernommene Paketsystem verwaltet Abhängigkeiten wie Bibliotheken, die ein Programm zum Funktionieren braucht, systemweit: Jede Hilfsdatei existiert dabei im Dateisystem genau einmal. Das von den Ubuntu-Machern vorgestellte Snappy [4] installiert dagegen jedes Programm und seine Abhängigkeiten (abgesehen von einem schmalen Grundbestand) in ein eigenes Unterverzeichnis. Auch sämtliche Konfigurationsdateien des Programms liegen dort. Dieses Verzeichnis trägt die Paketversion im Namen, die Installation einer neuen Version überschreibt die alte nicht. Der alte "Schnappschuss" lässt sich also sicher zurückrollen – daher der Name Snappy.

Ubuntu nutzt Snappy bereits in seiner für Cloud-Systeme bestimmten Distributionsvariante namens Snappy Core. Anders als ursprünglich einmal geplant basieren die normalen Desktop-Systeme von Ubuntu 16.04 jedoch nicht darauf.

Aufgefrischt

Inwieweit die neuen Programmversionen (siehe Tabelle "Neue Software") den Aufwand des Updates rechtfertigen, hängt auch davon ab, von welcher Version (Ubuntu 14.04 LTS oder 15.10) aus Sie aktualisieren möchten: Große Sprünge gab es zwischen Ubuntu 15.10 mit neunmonatigem Support und der auf Stabilität gebürsteten LTS-Version 16.06 nicht. Mit wenigen Ausnahmen, zu denen etwa die hervorragende Fotoretusche-Software Darktable zählt, dominieren die Minor-Versionssprünge mit Bugfixes – manchmal blieben die Versionen sogar gleich.

Die Basis bildet ein relativ aktueller Kernel in Version 4.4. Dass es der rund einen Monat vor Ubuntu 16.04 erschienene Kernel 4.5 nicht mehr in die LTS-Version schaffte, überrascht nicht. Ohnehin liefern die Entwickler in der drei Jahre langen Support-Phase wie übliche Kernel-Updates nach. Version 4.4 verbessert den Support der erst Ende 2015 auf den Markt gekommenen "Skylake"-Prozessoren von Intel. Wie üblich werkelten die Kernel-Entwickler auch an der Performance von Dateisystem und Speichermanagement. Die Datenübertragung über das Netzwerk soll nun effizienter laufen, einige WLAN- und Netzwerkkarten-Treiber wurden verbessert.

Ubuntus Software-Center war ursprünglich als Erleichterung für Linux-Umsteiger konzipiert: Als frühe Fassung eines App Stores mit Rezensionen und Bewertungen installierte es Anwendungen nicht nur, sondern erleichterte auch Einsteigern das Auffinden von Anwendungen und die Auswahl der richtigen Programme. Allerdings verhielt es sich oft träge und instabil. Mit Version 16.04 gibt Ubuntu die Eigenentwicklung auf und ersetzt sie durch das funktionell recht ähnliche Gnome Software Center (Abbildung 2), das optisch etwas schlanker wirkt.

Abbildung 2: Ubuntu 16.04 ersetzt das Ubuntu-eigene Software-Center durch das Gnome-Pendant mit ähnlichen Funktionen.

Umstellen müssen sich allerdings Anwender mit ATI-Grafikkarte, die bisher den proprietären Catalyst/Fglrx-Treiber nutzten: Der ist nicht mehr kompatibel mit der in Ubuntu 16.04 enthaltenen X-Server-Version. AMD korrigiert das auch nicht mehr, sondern setzt stattdessen auf eine neue proprietäre Treiber-Serie [5].

Neue Software

Programm Ubuntu 14.04 Ubuntu 15.10 Ubuntu 16.04 aktuell
Kernel 3.13 (bis 4.2.0) 4.2.0 4.4 4.5.1
Amarok 2.8.0 2.8.0 2.8.0 2.8.0
Ardour 2.8.16 2.8.16 4.6 4.7
Audacity 2.0.5 2.0.6 2.1.2 2.1.2
Avidemux 2.5.4 2.5.4 nicht verfügbar 2.6.12
Brasero 3.10.0 3.12.1 3.12.1 3.12.1
Calligra 2.8.1 2.9.7 2.9.7 2.9.11
Chromium laufende Upgrades     50
Darktable 1.4 1.6.8 2.0.3 2.0.3
Digikam 3.5.0 4.12.0 4.12.0 4.14.0
Evolution 3.10.4 3.16.5 3.18.5 3.18.5
Firefox laufende Upgrades     45
Gimp 2.8.10 2.8.14 2.8.16 2.8.16
Handbrake 0.9.9 0.10.2 0.10.2 0.10.5
Inkscape 0.48.4 0.91 0.91 0.91
K3b  2.0.2 2.0.3 2.0.3 2.0.3
Kdenlive 0.9.6 15.08.2 15.12.1 15.12.1
LibreOffice 4.2.8 5.0.5 5.1.2 5.1.2
Owncloud-Client 1.5.0 1.8.1 2.1.1 2.1.1
Scribus 1.4.2 1.4.5 1.4.6 1.4.6
Thunderbird laufende Upgrades     45
VirtualBox 4.3.36 5.0.14 5.0.16 5.0.16
VLC  2.1.6 2.2.1 2.2.2 2.2.2
Wine 1.6.2 1.6.2 1.6.2 1.8.1
Stand 21.04.2016

Unity-Desktop

Dass es Unity 8 bisher nicht in stabile Ubuntu-Desktop-Systeme geschafft hat, heißt nicht, dass sich am Ubuntu-Desktop im Basis-Flavor überhaupt nichts getan hat: Unity läuft dort nun in Version 7.4 statt 7.3.2 wie in den beiden Vorgängern. Dieser Versionshopser impliziert einige kleine, aber feine Änderungen. So rang sich Canonical endlich durch, die Online-Suche im Anwendungsstarter bei Amazon und Co. bereits in der Grundeinstellung zu deaktivieren. Wer diese Funktion tatsächlich wünscht, schaltet sie in den Systemeinstellungen zu.

Ein wenig flexibler gibt sich Unity bei der Platzierung der Starter-Icon-Palette, die sich nun endlich auch am unteren Bildschirmrand platzieren lässt. Der Bug für diesen Feature-Wunsch stand sechs Jahre lang offen und wurde bislang 350 Mal kommentiert [6]. Allerdings lässt sich diese Option nicht über eine Konfigurationsoption auswählen, sondern nur im Gnome-Konfigurationswerkzeug Dconf-Editor unter com | canonical | unity | launcher | launcher-position. Dazu müssen Sie allerdings vorab erst einmal den standardmäßig nicht installierten Editor jedoch zunächst via sudo apt-get install dconf-editor auf dem System einrichten.

Bisher öffnete der Unity-Starter beim Klick auf das Mülleimer-Icon oder das Symbol für einen USB-Stick einfach ein Dateimanager-Fenster. Das kleine Dreieck für das aktive Fenster erschien über dem Dateimanager-Symbol, das Fenster musste auch von dort in den Vordergrund geholt werden. Nun verhält sich ein Mülleimer- und USB-Stick-Fenster im Launcher wie eine eigenständige Anwendung mit eigenem Starter-Icon (Abbildung 3).

Abbildung 3: Sowohl Papierkorb- als auch USB-Stick-Fenster behandelt der Launcher nun nicht mehr als normale Dateimanager-Fenster: Die Keilmarkierungen für geöffnete Fenster erscheinen beim Mülleimer- oder USB-Stick-Symbol.

Außerdem gibt der Launcher nun gleich nach dem Klick auf den Starter eine optische Rückmeldung, und nicht erst dann, wenn sich bereits das Programmfenster öffnet. Das erweist sich besonders auf Geräten mit Touchpads als hilfreich, da Sie bei langsam startenden Programmen sofort sehen, ob Sie nicht aus Versehen neben das Icon getippt haben.

Die sogenannte Client Side Decoration, bei der Gnome-Programme die Fensterleisten-Buttons selbst anstatt des Fenstermanagers anzeigen (Abbildung 4), führte außerhalb von Gnome zu Problemen. Unter Unity sollten Ärgernisse wie Fenster, die sich nicht mit der Maus schließen oder in der Größe verändern lassen, nun der Vergangenheit angehören.

Abbildung 4: Die wegen vieler Probleme in anderen Desktop-Umgebungen in Verruf geratenen titelleistenlosen Fenster (Client Side Decoration, unten) unterdrückt Ubuntu Unity (oben) nun zuverlässig.

Abgesehen von den angesprochenen Feinarbeiten bleibt der Unity-Desktop, was er immer war: Canonicals frühe Fassung von Konvergenz, also einer Arbeitsumgebung, die sich gleichermaßen für Bildschirme verschiedenster Größe sowie für Maus- und Touchscreen-Bedienung eignen soll. Alle Bedienelemente zeichnet Unity groß genug, um sie gegebenenfalls mit dem Finger anzutippen.

Viele Anwender schätzen die Stärken der Unity-Desktops, wie beispielsweise das mauslose Starten von Programmen nach Gedrückthalten der linken Windows-Taste. Er hat aber auch entschiedene Gegner – für die gibt es zum Glück genügend Ubuntu-Flavors mit alternativen Desktops.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 9 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Baustelle
    Ubuntu bietet in der Version 16.10 durchaus Neues – wenngleich sich einiges davon noch nicht für den Produktiveinsatz eignet.
  • Yakkety Yak erlaubt eine Vorschau auf Unity 8
    Canonical hat eine neue Version seiner beliebten Distribution Ubuntu veröffentlicht. Die sichtbaren Neuerungen halten sich jedoch in Grenzen: Neben aktualisierten Programmpaketen dürfen Anwender lediglich Unity 8 ausprobieren.
  • Zahmer Werwolf
    Revolutionäre Neuerungen lässt Ubuntu 15.10 gänzlich vermissen, zumindest räumt es aber endlich mit einigen jahrelang mitgeschleppten Bugs auf.
  • Ubuntu-Derivate veröffentlichen 16.04 Beta 1
    Die offiziellen Derivate der Linux-Distribution Ubuntu haben die erste Beta-Version der kommenden Ausgabe 16.04 veröffentlicht. Erstmals nicht mit von der Partie ist Kubuntu. Von Ubuntu selbst gibt es bis zum Release wie immer nur tagesaktuelle Versionen.
  • Linux Mint: mit Gnome 3 und Mate

    Die Entscheidung, auf Ubuntus "Unity"-Desktop zu verzichten, brachte Linux Mint viele Fans. Jetzt hat Mint-Gründer Clement Lefebre in seinem Blog bekannt gegeben, dass die nächsten Versionen auch auf Gnome 3 vertrauen werden. Aber auch andere Projekte behält man im Auge.
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 12/2017: Perfekte Videos

Digitale Ausgabe: Preis € 5,95
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxUser erscheint monatlich und kostet 5,95 Euro (mit DVD 8,50 Euro). Weitere Infos zum Heft finden Sie auf der Homepage.

Das Jahresabo kostet ab 86,70 Euro. Details dazu finden Sie im Computec-Shop. Im Probeabo erhalten Sie zudem drei Ausgaben zum reduzierten Preis.

Bei Google Play finden Sie digitale Ausgaben für Tablet & Smartphone.

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!

Stellenmarkt

Aktuelle Fragen

Huawei
Pit Hampelmann, 13.12.2017 11:35, 2 Antworten
Welches Smartphone ist für euch momentan das beste? Sehe ja die Huawei gerade ganz weit vorne. Bi...
Fernstudium Informatik
Joe Cole, 12.12.2017 10:36, 2 Antworten
Hallo! habe früher als ich 13 Jahre angefangen mit HTML und später Java zu programmieren. Weit...
Installation Linux mint auf stick
Reiner Schulz, 10.12.2017 17:34, 3 Antworten
Hallo, ich hab ein ISO-image mit Linux Mint auf einem Stick untergebracht Jetzt kann ich auch...
Canon Maxify 2750 oder ähnlicher Drucker
Hannes Richert, 05.12.2017 20:14, 4 Antworten
Hallo, leider hat Canon mich weiterverwiesen, weil sie Linux nicht supporten.. deshalb hier die...
Ubuntu Server
Steffen Seidler, 05.12.2017 12:10, 1 Antworten
Hallo! Hat jemand eine gute Anleitung für mich, wie ich Ubuntu Server einrichte? Habe bisher...