Editorial 05/2016

Fabelhaft

"Microsoft loves Linux", beteuert der Softwaregigant aus Redmond in letzter Zeit immer wieder nachdrücklich. Zahlreicher paralleler Produktankündigungen zum Trotz vermag Chefredakteur Jörg Luther nicht, dem Liebesschwur so recht Glauben zu schenken.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

sicher können Sie sich noch an die Zeiten erinnern, als der damalige Microsoft-Chef Steve Ballmer Linux schlicht als "infektiöses Krebsgeschwür" bezeichnete. Ich trauere dem Mann ja dennoch ein wenig nach, er hatte zumindest hohen Unterhaltungswert. Wer Stevie einmal auf einer Großveranstaltung wie Madonna über die Bühne tänzeln sah und ihn dabei in allen Stimmlagen grunzen, jaulen und winseln hörte ("Miiiiiiiiiicrosooooooooft!!!"), der weiß, was ich meine.

Heute dagegen lautet die offizielle Ansage aus Redmond: "Microsoft loves Linux". Das betont der Konzern gerade in letzter Zeit gern und oft. Klingt etwas weichgespült – na ja, Satya Nadella zu Steve Ballmer, das verhält sich so etwa wie Sigmar Gabriel zu Herbert Wehner. Microsofts Berührungsängste mit Linux dagegen scheinen tatsächlich Geschichte zu sein, betrachtet man allein die Ankündigungen der letzten Wochen:

  • 7. März: Microsoft kündigt die Portierung des MS SQL Server für Linux an [1].
  • 9. März: Microsoft veröffentlicht den Quellcode von SONiC, einer auf Debian aufsetzenden Switching-Komponente für die Azure Cloud [2].
  • 30. März: Microsoft stellt ein abgestripptes Ubuntu samt Bash [3] "nativ" für Windows 10 zur Verfügung [4].
  • 31. März: Eine neue Erweiterung für MS Visual Studio ermöglicht das Erstellen von Anwendungen in C++ für Linux [5].
  • 1. April: Wim Coekaerts, Oracles Entwicklungschef für Linux und Virtualisierung, wechselt zu Microsoft [6].

Die angesichts dessen vielerorts durch die Fachpresse schwappende Euphorie über die scheinbar innigliche Zuneigung des Software-Industriegiganten zur Welt der freien Software vermag ich aber nur bedingt zu teilen. Ich will jetzt gar nicht spitzzüngig darauf herumreiten, dass Microsoft ja ohnehin keine Wahl bleibt, weil es sich gerade zur Everything-as-a-Service-Firma umbaut und in der hauseigenen Azure Cloud fast alles unter Linux läuft. Alle zitierten Ankündigungen adressieren entweder direkt Cloud-Kunden oder aber die notorisch Linux-affinen Entwickler, ohne die in Datenwolke ebenfalls nichts läuft. Aber wann hätten schnöde Fakten schon von Liebe abgehalten?

Da wäre allerdings noch dieses blöde kleine Detail, das die vorgebliche Zuneigung eher nach psychopathischem Stalking aussehen lässt als nach tiefgreifender emotionaler Bindung: Noch immer insistiert Microsoft darauf, 235 Patente an Linux zu halten, und schröpft damit nach wie vor in einem gnadenlosen juristischen Kreuzzug (manche nennen es auch schlicht Erpressung) Firmen, die Linux einsetzen oder mit ihren Produkten vertreiben. Könnte es sein, dass man in Redmond weniger Linux selbst liebt als vielmehr das exzellente Geschäft, das sich mit dem freien Betriebssystem machen lässt?

Mir geht angesichts der Angelegenheit jedenfalls eine Fabel nicht aus dem Sinn, die mich als Kind schon fasziniert hat: Da kommt ein Skorpion an einen Fluss und bittet einen darin schwimmenden Frosch, ihn doch bitte auf die andere Seite überzusetzen. Der Lurch verweigert zunächst den Liebesdienst, weil er befürchtet, vom Skorpion gestochen zu werden. Das Spinnentier wiegelt mit dem Argument ab, wenn es den Frosch beim Übersetzmanöver stechen und töten würde, müsste es ja selbst ertrinken. Der darob überzeugte Hüpfer nimmt den Skorpion Huckepack, der ihn dann aber mitten im Fluss tatsächlich totsticht. Im Untergehen schaut der Frosch den ebenfalls absaufenden Gliederfüßer noch vorwurfsvoll an, worauf der mit letzter Kraft gurgelt: "Ich bin halt ein Skorpion – Stechen liegt in meiner Natur."

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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