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© Pixphoto, 123RF

Schlanke Linux-Distributionen auf alter Hardware

Zweiter Frühling

Nach Ansicht der Hersteller gehört ein PC heute schon nach spätestens vier Jahren zum "alten Eisen". Dabei erfüllen in der Praxis selbst deutlich ältere Rechner problemlos ihren Zweck, wenn auf ihnen ein schlankes Betriebssystem und entsprechende Software läuft.

Neue Versionen der gängigen Betriebssysteme versprechen der Kundschaft stets einen Zugewinn an Produktivität, Komfort und Leistungsfähigkeit. Dabei steigen jedoch in aller Regel auch die Hardware-Voraussetzungen stetig an: Aktuelle Windows- und Linux-Systeme verlangen nach Maschinen mit Mehrkernprozessoren, reichlich Arbeitsspeicher und neuwertiger Grafikkarte.

Daneben gibt es jedoch eine stetig wachsende Zahl von schlanken Linux-Derivaten, die selbst auf 15 Jahre alten Computern mit Einkernprozessoren und relativ wenig Arbeitsspeicher erstaunlich flüssig arbeiten. Für einen Test installierten wir solche Systeme auf etwa zehn Jahre alten Rechnersystemen. In der Praxis zeigte sich dabei, dass sich mit einigen der schlanken Linux-Varianten tatsächlich gut produktiv arbeiten lässt.

Testszenario

Für unseren Test der Praxistauglichkeit verwendeten wir mehrere HP-Compaq-Notebooks der Centrino- und ersten Centrino-2-Generation, die einfache Single- oder Dual-Core-CPUs ohne Turboboost und Hyperthreading besitzen und durchgängig integrierte Intel-Grafikchipsätze zum Ansteuern des Displays nutzen. Auf der Desktop-Seite testeten wir mit ebenso alten Pentium-D-Systemen, die noch auf der Netburst-Architektur von Intel basieren und daher entsprechend wenig effizient arbeiten. Zudem mussten sich die ressourcenschonenden Linux-Distributionen auf IBM-Workstations der Baujahre 2003 und 2004 mit Pentium-4-Einkernprozessoren beweisen.

Aus den gut drei Dutzend schlanken Linux-Distributionen, die unter anderem die englische Wikipedia aufzählt [1], trafen wir anhand folgender Kriterien eine Vorauswahl: Die Distributionen müssen produktives Arbeiten ermöglichen – Kandidaten, die keinerlei Office-Paket oder aktuelle Browser wie Firefox/Iceweasel oder Chromium mitbringen, fallen durch das Raster. Ähnliche Ansprüche richten wir an die Desktop-Umgebung. Sie sollte effizient zu bedienen sein und nicht gerade das Look & Feel der frühen Neunzigerjahre versprühen. Damit Linux-Neulinge zurechtkommen, sollten sämtliche Einstellungen und Werkzeuge über eine grafische Oberfläche verfügen und sich auch ohne stundenlanges Einarbeiten bedienen lassen.

4MLinux

Der erste Testkandidat, das aus Polen stammende 4MLinux [2], fällt gleich in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen: So nutzt die unabhängig entwickelte Distribution für den grafischen Desktop Joe's Window Manager oder kurz JWM [3], jedoch auch Teile des ebenfalls schlanken Klassikers Window Maker [4]. Das System fokussiert dabei auf vier Applikationsschwerpunkte: Die Gruppe Maintenance umfasst eine Reihe von Werkzeugen zur Systemwartung und Datenrettung, in der Kategorie Multimedia finden sich einige Programme zum Abspielen und Bearbeiten von audiovisuellen Inhalten, der Bereich Miniserver bündelt einige schlanke Server-Dienste, während die Untergruppe Mystery Spielen vorbehalten ist.

4MLinux benötigt – sofern Sie das Betriebssystem auf Ihrem lokalen Massenspeicher installieren – kaum Ressourcen: Der Arbeitsspeicher sollte mindestens 128 MByte betragen, während auf der Festplatte oder SSD minimal 1 GByte freier Speicher bereitstehen muss. Für ein modern wirkendes Erscheinungsbild sorgt auf dem Desktop neben dem Statusmonitor Conky mit transparentem Hintergrund auch die Wbar-Schnellstartleiste für einige wichtige Applikationen, die horizontal am oberen Bildschirmrand verläuft. Dank des vorkonfigurierten Idesks gelingt es sogar, Icons auf den minimalistischen Desktop zu zaubern, inklusive einiger optischer Gimmicks. Eine Panelleiste am unteren Bildschirmrand mit einigen Startern, einem Hauptmenü und einem System-Tray rundet den Desktop ab (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Startbildschirm von 4MLinux zeigt sich auf der Höhe der Zeit.

Eine weitere Besonderheit von 4MLinux stellen die im Hauptmenü aufgeführten Extensions dar. Dabei handelt es sich um Installationsskripte für viele Standardanwendungen wie LibreOffice, Firefox, Thunderbird, aber auch Wine, die Java-Laufzeitumgebung oder Virtualbox. So rüsten Sie den Softwarebestand im Handumdrehen und ohne manuelle Installationsversuche auf. Mit der Virtualbox besteht zudem die Option, ein weiteres Betriebssystem unter 4MLinux auszuführen. Hierbei gelang es selbst auf den Pentium-4-Testsystemen, kleinere Linux-Derivate sowie OS/2 Warp v3 oder Windows 98SE in virtuellen Maschinen zu nutzen, wobei die Einkern-CPUs mit lediglich 1 GByte Arbeitsspeicher freilich keine Geschwindigkeitsrekorde brachen.

Fazit: 4MLinux besticht durch seinen äußerst geringen Ressourcenverbrauch, hohe Stabilität und eine wieselflinke Arbeitsweise. Daher eignet es sich als solider Allrounder für alle täglich anfallenden Arbeiten am Arbeitsplatzrechner. In einigen Bereichen klaffen jedoch Lücken im Softwarebestand. Experimentierfreudige Anwender, die ständig neue Programme installieren und ausprobieren möchten, sollten sich nach Alternativen umsehen.

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