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© Jasmin Merdan, 123RF

Arch-Grundlagen: Was macht Arch-Linux eigentlich aus?

Fundamental

Arch Linux versorgt den Anwender stetig mit den neuesten Errungenschaften der Open-Source-Welt. Dass das System dabei dennoch stabil bleibt, spricht für das ausgeklügelte Paketmanagement.

Linux-Distributionen lassen sich in unterschiedliche Kategorien einsortieren. Oberflächlich gibt es etwa jene, die sich auf verschiedene Desktop-Umgebungen konzentrieren; andere richten sich eher an die Betreiber von Servern. Letztere verzichten von Haus aus auf eine grafische Oberfläche und bringen dafür vorkonfigurierte Netzwerkdienste mit. Unter der Haube gibt es zum Beispiel Unterschiede in der Paketverwaltung (in der Regel DEB- oder RPM-Pakete) und bei den entsprechenden Frontends.

Ganz unabhängig von der Wahl der vorinstallierten Software oder dem anvisierten Einsatzgebiet (siehe Tabelle "Für wen eignet sich Arch?") gibt es Unterschiede im Release-Modell. Die meisten Distributionen veröffentlichen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen eine neue Ausgabe. Ubuntu-Versionen etwa folgen einem festen, halbjährlichen Zeitplan [1] aufeinander – beziehungsweise für LTS-Versionen mit verlängertem Support-Zeitraum alle zwei Jahre. Neue Debian-Ausgaben erscheinen entsprechend der Philosophie "Release When Ready" hingegen erst dann, wenn die Entwickler die Software für eine neue Version für reif halten und selbst kleine Fehler eine absolute Ausnahme darstellen [2].

Release-Modelle

In den klassischen Release-Modellen pflegen die Entwickler keine neuen Programme oder Updates bestehender Anwendungen in die Paketquellen der bereits veröffentlichten Ausgabe ein. Nur noch essenzielle, weil wichtige Funktionen betreffende Updates oder Sicherheitsfixes finden Aufnahme in die Paketquellen und somit auch den Weg zum User. Für die nächste Ausgabe der Desktop-Umgebung, eine neue Version von LibreOffice oder gar ein Update auf den brandneuen Linux-Kernel müssen Sie sich in der Regel bis zur nächsten Ausgabe der Distribution gedulden oder solche Updates von Hand oder aus alternativen Paketquellen installieren.

Der Grund für diesen recht konservativen Ansatz liegt darin, dem User eine möglichst stabile (im Sinne einer sich nicht verändernden) Umgebung zu bieten. Über die Paketverwaltung eingespielte Updates sollen nicht unerwartet bewährte Funktionen brechen. Neue Programmversionen könnten zudem neue Bugs mitbringen, daher portieren die Entwickler lieber die mit Sicherheitsupdates verbundenen Patches auf die in der Distribution enthaltene Versionen zurück. Ausnahmen bestätigen inzwischen jedoch die Regel: Aufgrund der schnellen Release-Zyklen und der hohen Brisanz von Bugs in Browsern aktualisieren die Distributoren Programme wie Firefox oder Chromium in der Regel regelmäßig.

Demgegenüber stehen Rolling-Release-Distributionen, die in steter Folge Updates bestehender Anwendungen oder auch komplett neue Programme in die Paketquellen einfügen. Zu dieser Riege gehören Linux-Klassiker wie Debian "Sid" oder Gentoo [3] sowie neuere Kandidaten wie Siduction [4] oder Netrunner "Rolling" [5]. Solche Distributionen verfügen weder über einen Release-Zeitplan noch gibt es Versionsnummern. Sogenannte Snapshots dienen lediglich als Installationsmedium oder als Live-System für Demonstrationszwecke. Wer einmal eine Rolling-Release-Distribution installiert, muss das System nie auf eine neue Version aktualisieren oder auf Support-Zeiträume achten.

Aufgrund der stetigen Updates gehört auch Arch Linux [6] in die Kategorie der Rolling-Release-Distributionen. Im Gegensatz zu Gentoo nutzt Arch ein binäres Paketformat, sodass langwieriges Kompilieren bei der Installation von Software nicht nötig ist. Die Handhabung eines Arch-Systems fällt daher im Alltag recht leicht. In der Praxis trudeln kleinere Programme innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen nach Veröffentlichung in den Paketquellen ein. Größere Brocken, wie eine Hauptversion einer Desktop-Umgebung oder eine komplett neue Bürosuite, brauchen hingegen in der Regel ein paar Tage bis Wochen: Arch ist daher nicht immer zwingend "bleeding edge", aber auch nie wirklich veraltet.

TIPP

Die englischsprachige Wikipedia pflegt eine sehr ausführliche Liste aller bekannten und zahlreicher weniger bekannten Rolling-Release-Distributionen [25].

Besonderheiten

Hinter Arch-Linux steht eine mit den Begriffen "Einfachheit", "Aktualität", "Pragmatik", "User-Fokus" und "Flexibilität" beschriebene Philosophie, die sich an vielen Stellen der Distribution wiederfindet.

Zur Einfachheit trägt bei, dass Arch möglichst unveränderten Quellcode nutzt, so wie ihn die Entwickler der in der Distribution eingebundenen Software-Projekte bereitstellen – sogenannte Vanilla-Software also. Eigene Experimente, wie etwa Ubuntus Unity-Desktop mit massiv veränderten Bibliotheken und Programmen aus dem Gnome-Fundus, gibt es in Arch nicht. Über eine alternative Paketquelle ließe sich der Unity-Desktop allerdings auch recht leicht unter Arch installieren.

Um der Aktualität Rechnung zu tragen, umfassen die Arch-Paketquellen soweit möglich stets die neusten Ausgaben der eingebundenen Programme – Rolling-Release eben. Ausnahmen bilden Bibliotheken oder Anwendungen, deren Änderung massiv die Stabilität des Systems beeinträchtigen könnte. In der Regel schaffen es jedoch auch umfangreichere Änderungen innerhalb weniger Wochen in die Paketquellen. Einmal installiert, halten Sie das System mit nur einem Kommando aktuell.

Die Free Software Foundation empfiehlt neben Trisquel oder gNewSense nur eine Handvoll von Linux-Distributionen, die ausschließlich freie Software beinhalten [7]. Andere Distribution, darunter alle gängigen von Debian über Fedora, OpenSuse und Ubuntu bis hin zu Arch Linux, möchte die Foundation nicht befürworten, da sie proprietäre Bestandteile direkt integrieren oder deren Installation zu sehr erleichtern [8]. Arch verfolgt hier einen pragmatischen Ansatz: Da sich der Anwender sein System sowieso komplett selbst zusammenbaut, steht es ihm frei, zu entscheiden, ob er unfreie BLOBs nutzt. Viele kommerzielle Anwendungen wie Steam als Spieleplattform oder AfterShot Pro zur Bildbearbeitung lassen sich direkt oder das AUR leicht installieren.

Zahlreiche Linux-Distributionen schreiben sich auf die Fahne, möglichst benutzerfreundlich zu sein und so eine möglichst große Masse an Interessenten anzusprechen. Arch möchte jedoch eher diejenigen User den Fokus stellen, die die Distribution aktiv unterstützen. Dieser Begriff prägt das elitäre Image von Arch, heißt für die User jedoch: Arch ist das, was man daraus macht. Wer schon bei anderen Distributionen seine Probleme mithilfe der Dokumentation, Wikis oder Foren löst, findet bei Arch dank der erstklassigen Dokumentation erst recht schnell zu einer Lösung.

Arch eignet sich für so gut wie jedes System und jede Aufgabe: Da die Installation nur ein Basissystem ohne grafische Umgebung einspielt, lässt sich Arch komplett individuell anpassen, ohne das System von unnötigen und unerwünschten Paketen befreien zu müssen. Ob nun ein möglichst schlankes Linux für den Raspberry Pi oder ein kompletter Desktop mit allem Drum und Dran: Arch ist das, was der User daraus macht (Abbildung 1).

Abbildung 1: Egal ob wie hier Gnome oder KDE, XFCE und Exoten wie Enlightenment oder Awesome: Arch ist das was, Sie aus der Distribution machen.

Die zweite Direktive lautet je nach Auslegung "Keep it simple, stupid" beziehungsweise "Keep it simple [and] stupid". Entsprechend des KISS-Prinzips funktionieren technische Systeme dann am besten, wenn man sie möglichst einfach hält, sodass sie sich im Schadensfall leicht reparieren lassen. Arch setzt dieses Prinzip um, indem praktisch die komplette Konfiguration über Textdateien erfolgt.

Geschichte und Zukunft von Arch

Arch Linux gibt es nicht erst seit gestern: Die Ursprünge der Distribution entstanden bereits im Jahr 2002, in dem der kanadische Entwickler und Sysadmin Judd Vinet die Distribution auf Basis eines Linux From Scratch mitsamt dem Pacman-Paketmanager aus der Wiege hob [26]. Obwohl Vinet 2007 aus dem Projekt ausstieg [27], nahm Arch über die Jahre immer weiter an Fahrt auf. Inzwischen kümmern sich unter der Leitung von "Arch Overlord" Aaron Griffin ein internationales Teams aus über 30 ehrenamtliche Entwickler um das Weiterbestehen der Distribution [28].

Hinter Arch steht nicht wie bei Ubuntu mit Canonical ein Unternehmen, dennoch steht die Distribution seit Jahren auf sicheren Füßen. Sicherheitsupdates und generell Anwendungsupdates finden schnell den Weg in die Distribution. Nachwuchs für die Riege der offiziellen Entwickler rekrutiert Arch aus der Reihen der Trusted Users [29]. Diese haben sich längere Zeit durch aktive Teilname am Bugtracking-Prozess, durch das Einpflegen von Patchen oder der Betreung von AUR-Paketen bewiesen.

Größere Änderungen wie etwa die Umstellung von SysVinit auf Systemd sind auch bei Arch nicht ganz unumstritten, aufgrund der Rolling-Release-Philosophie aber unausweichlich. Für die User ergeben sich bei solchen Umstellungen zwar manuell Nacharbeiten, die das Arch-Team allerdings im Rahmen der News und im Wiki gut aufarbeitet.

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