Primetime

Die bei Ardour 3 noch wackligen [2] Midi-Spuren und Funktionen zur Video-Synchronisierung präsentieren sich in Ardour 4.4 in solider Produktionsqualität. Der Assistent unter Projekt | Video Hinzufügen importiert jede von Ffmpeg abspielbare Video-Datei und startet automatisch den mit Jack synchronisierten Video-Frameserver Harvid. Letzteren bringt Ardour selbst mit, arbeitet aber auch mit einer bereits vorhandene Installation zusammen.

Die Arbeit mit Videos geht locker von der Hand (Abbildung 8), im Test fielen weder Schwächen noch eine ungewöhnliche Systembelastung auf. Die Thumbnails der Video-Zeitleiste erlauben ein intuitives Navigieren im Film. Einen eventuell vorhandenen Original-Soundtrack importiert Ardour auf Wunsch automatisch aus dem Film, wobei im Test keinerlei Abweichungen zwischen Bild und Ton auftraten.

Abbildung 8: Video-Nachbearbeitung klappt am besten mit zwei Monitoren: Ardours Videofenster hält sich rücksichtslos im Vordergrund, Plugin-Oberflächen müssen zurückstehen.

Ardours Fähigkeit, Spuren und Master auch mit mehr als zwei Stereokanälen zu konfigurieren und zu balancieren, erlaubt das Mixen von modernem Mehrkanal-Filmton. Proprietäre Formate wie DTS oder Dolby Digital kann Ardour zwar nicht direkt exportieren, doch die mehrkanaligen WAV-Files, die es ausgibt, lassen sich in einem entsprechenden Encoder weiterverarbeiten. Für Dolby Digital steht zudem mit Aften [3] ein freies Tool zur Verfügung, kommerzielle Encoder-Software kann die Ausgaben von Ardour ebenfalls verarbeiten.

Ausgereift und solide präsentieren sich in Ardour 4 auch die Midi-Spuren. Bei Standardoperationen wie Aufnahmen von Midi-Drumkit und Keyboard funktioniert alles perfekt, aber auch bei eher stressigen Aktionen wie dem Bearbeiten von Aufnahmen noch während des Abspielens traten im Test keine Probleme auf. Daneben bringt Ardour 4 für Midi-Komponisten einige neue Funktionen mit.

Markieren Sie einige Noten, fördert ein Rechtsklick auf die Auswahl ein Menü zutage, das zum Beispiel ein Quantisieren oder Legato nur dieser Noten erlaubt. Es gibt auch ein Transformationswerkzeug, in dem sich neben einem gleichmäßigen Crescendo auch diverse eigenwillige Transformationen programmieren lassen. Das Tempo für das ganze Stück und für Tempowechsel-Marker im Stück lässt sich nun auch auf eine Taste im Einstellwerkzeug der Tempomarker tippen.

Sicher ist sicher

Ardour erlaubt das Steuern sehr komplexer Vorgänge mit wenigen Millisekunden Verzögerung. Dergleichen reibungslos zu gestalten, gilt als ehrgeiziges Unterfangen und klappt nicht immer in jedem Detail. Daher legt das Programm im Hintergrund Sichheitskopien an, sodass bei einem Crash in aller Regel nicht mehr als einige Minuten Arbeit verlorengehen. Zusätzlich sollten Sie einige gängige Vorsichtsmaßregeln einhalten.

Wie immer gilt der Grundsatz "Save often, save early". Drücken Sie also nach größeren Umbauten im Projekt und vor potenziell heiklen Operationen [Strg]+[S] oder bemühen Sie den Menüpunkt Projekt | Speichern. Der Autor erlebte in hunderten Stunden Arbeit mit Ardour nicht einen Fall, in dem sich eine so gespeicherte Session nicht problemlos wieder einlesen ließ.

Zu den heiklen Prozeduren zählen auch in Ardour 4.4 noch die Timestretch-Funktion und das Einfügen von Plugins oder Spuren im laufenden Betrieb. Beides klappt bei gestopptem Laufwerk erheblich ungefährlicher. Der Aufruf von Plugin-Oberflächen und deren Einstellungen waren in älteren Ardour-Versionen ebenfalls manchmal problematisch. In der aktuellen Version traten dabei im Test keinerlei Probleme auf. Faustregel: Funktioniert ein Plugin nach dem Einbau reibungslos, gilt dasselbe auch im laufenden Betrieb.

Es gibt Situationen, in denen absolut nichts schiefgehen darf, etwa bei Aufnahme-Sessions mit Musikern oder dem Einsatz von Ardour als Mixer bei Konzerten. In solchen Fällen empfehlen sich folgende Vorsichtsmaßnahmen:

  • Bauen Sie alle Spuren und Plugins vor dem Einsatz auf und testen Sie sie gründlich. Fügen Sie weitere Elemente nur bei gestopptem Laufwerk hinzu, bei Konzerten nur in Pausen.
  • Nehmen Sie keine Einstellungen an Plugins vor, während eine Aufnahme läuft.
  • Verwenden Sie zum Nachregeln der Effektanteile im Mix wo immer möglich native Mixerelemente (Fader von Sendkanälen).
  • Steuern Sie Effekte, die sich mit den Mixerelementen nur schwer oder gar nicht umsetzen lassen, mit den Automatisierungsfunktionen oder einer Midi/OSC-Fernbedienung

Für die beiden letzten Punkte bietet Ardours Mixer umfassende Möglichkeiten. So können Sie Spezialeffekte auf einen Send-Bus legen und über dessen Fader zumischen, ohne die Oberflächen der beteiligten Plugins anfassen zu müssen. Seit Ardour 4 lassen sich auch diskrete Schalter im Mixer automatisieren, sodass Sie Plugins ebenfalls ohne Griff zur Maus ein- und ausschalten. Daneben können Sie jede Aktion im Mixer auch mit Midi- und OSC-Signalen bedienen (Abbildung 9).

Abbildung 9: Bei gehaltenem Strg schließt ein Klick mit der mittleren Maustaste auf einen beliebigen Regler im Mixer das nächste eingehende Controller-Signal an diesen Regler an. Einzelne Regler aus Plugins wie Calf Monosynth lassen sich dazu direkt in den Kanalzug legen.

Fazit

Der Codename von Ardour 4.4 lautet "Discreet Music" – wohl eine Anspielung auf die gleichnamige Plattenfirma von Frank Zappa. Möglicherweise wollten der Ardour-Chefentwickler Paul Davis und sein Team damit auch klarmachen, für welche Art Musikproduktion sie die Software optimiert haben: für klassische Aufnahmen mit spielenden Musikern auf professionellem Niveau.

Diesem Anspruch wird die Suite absolut gerecht. Besonders in Sachen Zuverlässigkeit leistet sich Ardour 4.4 keine Schwächen, in rund 30 Stunden Test trat nicht ein einziges ernsthaftes Problem auf. Selbst durch wildes Editieren bei laufendem Betrieb ließ sich kein Crash provozieren.

Die schöne, neue Oberfläche und die gut durchdachten funktionellen Erweiterungen bieten einen weiteren guten Grund, Ardour 4.4 schnellstens von der Ardour Webseite herunterzuladen. Die Spende von wenigstens 1 US-Dollar für den Download legen Sie auf jeden Fall gut an.

Ardour überall auch ohne Jack

Ardour wurde von Anfang an als Referenzanwendung für den Audioserver Jack entwickelt. Um Ardour auch auf Mac OS X lauffähig zu machen, portierte der französische Entwickler Stephane Letz sogar Jack auf Apples Betriebssystem. Schon bald kam auch der Wunsch nach einem Port von Ardour für Microsoft-Systeme auf, wozu dann auch ein Jack für Windows entstand. Diese portierten Jack-Server fanden aber in den fremden Betriebssystemwelten wenig Anklang und boten in Sachen Leistung und Stabilität nicht die gleiche Klasse wie Jack für Linux.

Ardour 4 beendete diese Ära: Es arbeitet auch direkt mit dem jeweiligen Sound-System des zugrundeliegenden Betriebssystems. Das gilt auch für Linux: Zum ersten Mal können Ardour-Nutzer nun auch Alsa als Sound-System auswählen und konfigurieren. Die internen Fähigkeiten von Ardour leiden darunter nicht, und auch der komplexe Signalfluss im Mixer funktioniert wie gewohnt.

Solange die verwendeten Plugins ebenfalls auf allen Plattformen verfügbar sind, lassen sich somit auch Ardour-Projekte nach Belieben unter auf verschiedenen Plattformen laufenden Ardour-Varianten von Band-Kollegen austauschen. Jack-spezifische Funktionen, wie der Einsatz externer Jack-Software als Aufnahmequelle oder das Synchronisieren mit dem Laufwerk eines anderen Jack-Programms, klappen mit Alsa freilich nicht.

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Hannover als Dozent, Autor und Musiker. Auf seinem Webserver unter http://lapoc.de bietet er einige CC-lizenzierte Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware zum Download an.

Glossar

OSC

Open Sound Control. Ein Protokoll für das Übertragen sehr fein aufgelöster Signale via Netzwerk. Diese Signale interpretiert die empfangende Software als Parameteränderungen.

Infos

[1] Paul Davis über Ardour 4.4: https://community.ardour.org/node/10682

[2] Ardours Webseite für Fehlermeldungen: http://tracker.ardour.org

[3] Freier Dolby-Digital-Encoder Aften: http://aften.sourceforge.net

[4] Ardour im Eigenbau: http://ardour.org/building_linux.html

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 8 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Digital Audio Workstation Ardour 3.1
    Die dritte Generation der Audio-Produktionssuite Ardour hat das Zeug, alle lang gehegten Wünsche von Musikern und Komponisten unter Linux zu erfüllen.
  • Ardour3 – vollständige Musikproduktionssuite für Linux
    Ardour bewährt sich seit Jahren als Audio-Produktionssystem. Die dritte Generation des Profi-Programms integriert endlich auch MIDI-Komposition und bringt noch viele weitere Fortschritte.
  • Coole Mucke
    Die digitale Audio-Workstation Ardour sorgt in Musikerkreisen schon länger für Furore. Jetzt legt das Projekt nach und verbessert das aktuelle Release in vielen Details.
  • Hast Du Töne?
    Die Neuerungen in der Digital Audio Workstation Ardour 4 stechen zwar nicht auf den ersten Blick ins Auge, erweisen sich dafür aber beim zweiten Hinsehen als äußerst durchdacht und nützlich.
  • Fünfte Symphonie
    Die fünfte Generation der freien Digital Audio Workstation Ardour wartet mit einfacherer Bedienung, mehr Lua-Support sowie einer Vielzahl von Verbesserungen und Erweiterungen auf.
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 12/2017: Perfekte Videos

Digitale Ausgabe: Preis € 5,95
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxUser erscheint monatlich und kostet 5,95 Euro (mit DVD 8,50 Euro). Weitere Infos zum Heft finden Sie auf der Homepage.

Das Jahresabo kostet ab 86,70 Euro. Details dazu finden Sie im Computec-Shop. Im Probeabo erhalten Sie zudem drei Ausgaben zum reduzierten Preis.

Bei Google Play finden Sie digitale Ausgaben für Tablet & Smartphone.

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!

Stellenmarkt

Aktuelle Fragen

Broadcom Adapter 802.11n nachinstallieren
Thomas Mengel, 31.10.2017 20:06, 2 Antworten
Hallo, kann man nachträglich auf einer Liveversion, MX Linux auf einem USB-Stick, nachträglich...
RUN fsck Manually / Stromausfall
Arno Krug, 29.10.2017 12:51, 1 Antworten
Hallo, nach Absturz des Rechners aufgrund fehlendem Stroms startet Linux nicht mehr wie gewohn...
source.list öffnet sich nicht
sebastian reimann, 27.10.2017 09:32, 2 Antworten
hallo Zusammen Ich habe das problem Das ich meine source.list nicht öffnen kann weiß vlt jemman...
Lieber Linux oder Windows- Betriebssystem?
Sina Kaul, 13.10.2017 16:17, 6 Antworten
Hallo, bis jetzt hatte ich immer nur mit
IT-Kurse
Alice Trader, 26.09.2017 11:35, 2 Antworten
Hallo liebe Community, ich brauche Hilfe und bin sehr verzweifelt. Ih bin noch sehr neu in eure...