Fazit

Was Muon ist, hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab. Wer sich mit traditionellen grafischen Paketverwaltungen oder der Befehlszeile nicht anfreunden kann oder will, findet in Muon das längst überfällige KDE-Pendant zu Gnome Software. Auch wenn entwicklerseitig noch viel zu tun bleibt, zeigt der derzeitige Stand, wohin die Reise geht. Legt man aber die Maßstäbe des um einige Jahre reiferen Gnome Software an, hängt Muon 5 immer noch stark hinterher. Glaubt man der To-do-Liste aus dem Tarball, soll es jedoch irgendwann ein richtiges Software-Center werden, wie auch immer es dann aussehen mag.

Insbesondere für jene Anwender, die Muon 2 nutzten, stellen die aktuellen Versionen des Programms einen Rückschritt dar. Selbst wenn man unterstellt, dass sich die Funktionsvielfalt auf absehbare Zeit mit der von Produkten aus Cupertino oder Mountain View messen kann: Selbst Befehlszeilenwerkzeuge wie Apt, DNF, Pacman oder Zypper erscheinen nach entsprechender Einarbeitung praxistauglicher, will man wirklich alle Pakete verwalten und nicht nur eine Teilmenge davon.

Im Zweifelsfall geht es auch ohne App-Store-Klon: Apper bietet durch verschiedene Filter durchaus Ähnliches, wenngleich die Integration von Appstream vielleicht nie dieses Programm erreichen wird. Und wer sich nicht generell auf Qt beschränken will, kann insbesondere im GTK-Fundus aus etlichen Alternativen wählen. 

Contra: Alles App-Store oder was?

Schon in den frühen Jahren freier Betriebssysteme sorgten Werkzeuge wie Dpkg oder RPM für Ordnung im System. Die proprietären Mitbewerber von Apple und Microsoft boten nichts Vergleichbares; so blieb die feinkörnige und doch gut beherrschbare Struktur der Softwareverwaltung lange Zeit einer der großen Vorteile eines Linux-Systems. Damals fungierte der PC noch als üblicher Einstieg in die Welt der Computer – die Mobiltelefone jener Zeit waren in Verbindung mit PDA oder Notebook zwar durchaus nützlich, boten aber keine weitergehenden Fähigkeiten.

Der Siegeszug der Feature-Phones hat das geändert: Jugendliche sammeln ihre ersten Erfahrungen mit programmierbaren Rechenmaschinen nicht mehr am heimischen PC, sondern halten mittlerweile schon sehr früh ein eigenes Smartphone am Ohr und zunehmend häufiger in den Händen. Obwohl in drei von vier dieser Geräte Linux werkelt, blieb von den Vorzügen einer zentralen Paketverwaltung wenig übrig: Ein starres, schwer zu wartendes Grundsystem, das zudem in der Regel vom Hersteller des Gerätes und nicht von dem des Betriebssystems verwaltet wird, bildet die Basis. Darauf aufbauend gibt es Softwarepools, die einzelne Apps zur Installation vorhalten.

Hier setzen "moderne" Paketverwaltungswerkzeuge wie Muon oder Gnome Software an: Sie sollen dem Benutzer genau das vorgaukeln, was er von seinen mobilen Geräten kennt. Zwar springen die Entwickler damit mehr oder weniger elegant auf einen längst fahrenden Zug auf – aber ohne Rücksicht auf die noch am Bahnsteig wartenden Benutzer, die eigentlich den gleichen Zug nehmen wollten, der dann ärgerlicherweise doch in die falsche Richtung fuhr. Ob der vielleicht zum Schienenersatzverkehr verkommende traditionelle Weg noch mithält, bleibt fraglich.

Unzweifelhaft schafft man so wissentlich Benutzer erster und zweiter Klasse: Jene, die das Verhalten ihrer Smartphones unbedingt auch auf dem Desktop oder Laptop wiederfinden wollen, und jene, die dem schulmeisternden Ans-Händchen-Nehmen längst entwachsen sind und wirklich die Kontrolle über ihr System behalten wollen. Die ohnehin aufgrund zahlloser zueinander inkompatibler Distributionen zersplitterte Linux-Community bekommt damit einen weiteren Riss. (Mario**Blättermann)

Pro: Lasst uns mal bitte vom Baum kommen

Nur weil sich Entwickler darum bemühen, den Zugang zur Paketverwaltung zu vereinfachen, bekommt die Linux-Community keinen Riss. Seit Ewigkeiten beklagen wir uns darüber, dass Linux zu wenig Unterstützung durch die Hard- und Software-Industrie erfährt. Diese beantwortet die Klagen meist mit: "Wir würden Linux gerne unterstützen, doch für die paar Anwender lohnt sich der Aufwand nicht". Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Bleibt Linux kompliziert, bleiben die Nutzer weg und die Plattform uninteressant.

Discover stellt nur eine von drei Komponenten der Muon-Paketverwaltung dar. KDE-Distributionen wie Netrunner bieten nach der Grundinstallation nur Discover und den Updater, doch wer mag, der installiert sich mit dem Paket muon die Hauptkomponente und findet so fix sein Heil in der gewünschten Qt-Alternative zu Synaptic (Abbildung 5). Erfahrene Linux-Nutzer stellen sich sowieso ihr eigenes Linux zusammen, egal, was der Distributor macht. Einsteigern ist jedoch viel geholfen, wenn sie bei einer Suche nach "libreoffice" in der Paketverwaltung nicht Hunderte von Paketen angezeigt bekommen.

Da moderne Paketverwaltungsfrontends wie Muon, Gnome Software oder das Ubuntu Software Center bisher nur auf PackageKit und somit auf Apt, Dnf, Zypper, Pacman und Co. aufsetzen, gibt es keinen Grund, einen Trauergesang anzustimmen. Allerdings bleibt auch Linux von der zunehmenden "Appification" der IT-Welt nicht verschont. Das gilt insbesondere für Ubuntu, für das Canonical schont seit Jahren einen tatsächlichen App-Store zu etablieren versucht – bislang mit eher mäßigem Erfolg. Jetzt sollen Snappy [6] und dessen Desktop-Pendant Click [7] alles richten. Die neue Paketverwaltung koppelt sich komplett vom DEB-Format ab und steckt Anwendungen mitsamt Bibliotheken in "Confinements", auch bekannt als Jails. Im Prinzip eine positive Idee für Closed-Source-Anwendungen: So darf eine Anwendung nur auf ihre eigenen Daten zugreifen. Allerdings bekommt selbst Google mit seinen schier unerschöpflichen Mitteln das Thema nicht gebacken, als Beispiel sei nur Stagefright [8] genannt.

In einer auf der 35. internationalen Konferenz der Beauftragten für den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre getroffenen Erklärung zur "Appifikation" der Gesellschaft [9] nehmen die allzu oft zahnlosen institutionellen Datenschützer insbesondere die Betriebssystemhersteller in die Pflicht: Sie trügen eine "besondere Verantwortung gegenüber den Nutzern", da sie als "Plattform-Anbieter den Rahmen, in dem Apps verwendet werden, herstellen und pflegen". Einfach nur eine Sandbox bauen, sich zurücklehnen und dann bei Missbrauch auf Entwickler mit unlauteren Motiven schimpfen – das geht so nicht. Auch Shuttleworths bisher noch reichlich in Canonical fließendes Kapital geht eines Tages zur Neige. Ob Ubuntu bis dahin über eine solide Sandbox für proprietäre Anwendungen und einen betriebsamen App-Shop verfügt? Mag sein – doch der Open-Source-Community nutzen solche Bemühungen in jedem Fall wenig. (Christoph**Langner)

Abbildung 5: Die Muon-Paketverwaltung enthält mit dem Package Manager eine zu Synaptic fast identische Anwendung, mit der sich sämtliche Pakete gezielt nutzen lassen.

Der Autor

Mario Blättermann kümmert sich seit dem Abschied von Gnome vor einigen Jahren vor allem um Fedora-Pakete rund um KDE und Qt. Daneben übersetzt er klassische Unix-Handbuchseiten und zählt zu den Koordinatoren des deutschen Teams des GNU Translation Projects.

Glossar

Appstream

Das bei Freedesktop.org gehostete Projekt des Gnome-Entwicklers Richard Hughes will distributionsübergreifend Beschreibungen, Bildschirmfotos und weitere Metadaten zu grafischen Programmen zur Verfügung stellen.

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