Datenrettung mit GUI

Kündigt sich unmissverständlich der Ausfall eines Datenträgers an, herrscht in der Regel eine gewisse Unsicherheit. Die nötige Ruhe und Geduld, um sich mit unbekannten Terminalwerkzeugen und deren oft kryptischen Anweisungen auseinanderzusetzen, fehlt in einer solchen Situationen meist. Von daher sollten Sie eventuell besser zu einem grafischen Werkzeug greifen, das Sie bei den wichtigsten Schritten unterstützt.

Hier kommt Ddrescue-GUI [1] ins Spiel, ein grafischer Aufsatz für Ddrescue – so mussten der Entwickler des Tools das Rad nicht noch einmal neu erfinden. Für alle aktuell gängigen Ubuntu-Ausgaben bietet er DEB-Pakete zur Installation über die Paketverwaltung an. Nutzen Sie eine andere Distribution, die das Programm nicht in den Paketquellen führt, müssen Sie den Quellcode-Tarball herunterladen und die enthaltene Datei DDRescue-GUI.py ausführen. Weil es sich um eine Python-Anwendung handelt, brauchen Sie Ddrescue-GUI nicht zu kompilieren. Allerdings benötigt die Anwendung mit wxPython eine Abhängigkeit, die Sie üblicherweise nachinstallieren müssen – je nach Distribution über die Pakete python-wxtools oder wxpython2.8.

Beim Start des Programms müssen Sie sich über die Eingabe Ihres Passworts zunächst einmal administrative Rechte holen. In Ddrescue-GUI (Abbildung 1) bestimmen Sie dann über die Auswahlboxen das Quellmedium (Image Source), die Protokolldatei (Log File) sowie das Ziel für die geretteten Daten (Image Destination). Die Anzeige filtert automatisch die gewünschten Geräte heraus und bietet sie zur Auswahl an (Abbildung 2).

Abbildung 1: Ddrescue-GUI setzt alle wichtigen Funktionen des Kommandozeilenwerkzeugs Ddrescue in einer einfachen grafischen Oberfläche um.
Abbildung 2: Getreu dem Linux-Motto "Alles ist eine Datei" erscheinen die Laufwerk- und Partitions-IDs als Dateien im Verzeichnis /dev.

Nach der Wahl der wichtigsten Parameter erreichen Sie unter Settings die restlichen Optionen des Ddrescue-Kommandos (Abbildung 3). Dort aktivieren Sie den Punkt Use Direct Disk Access (Recommended) [2]: So umgeht Ddrescue den Kernel-Cache, zudem funktionierte auf unserem Testsystem die Fortschrittsanzeige nur mit dieser Option.

Abbildung 3: Wie bei Rettungsversuchen aus dem Terminal sollten Sie auch mit Ddrescue-GUI darauf achten, zuerst die unproblematischen Daten zu sichern.

Achten Sie ebenso auf die Option Do a soft run (don't attempt to read bad sectors), denn auch mit der grafischen Oberfläche sollten Sie zuerst alle noch lesbaren Daten in Sicherheit bringen und sich erst im zweiten Durchlauf um die problematischen Bereiche kümmern. Die Schalter Balanced (default), Set to best recovery und Set to fastest recovery im unteren Bereich des Einstellungsfensters geben empfohlene Werte für die Anzahl der Leseversuche vor. Auf diesem Weg steuern Sie die Hartnäckigkeit von Ddrescue und damit auch die Arbeitsgeschwindigkeit des Prozesses.

Stecken Sie nach dem Start des Programms weitere Massenspeicher ein, aktualisieren Sie diese im Hauptfenster mit Update Disk Info. Der Punkt Disk Information sollte eigentlich eine Übersicht über alle angeschlossenen Medien liefern. Auf unseren Testsystemen (Arch Linux und Ubuntu 15.04) bleibt dieses Fenster allerdings leer.

Mit einem Klick auf Start lösen Sie dann schließlich die Sicherung aus. Wie üblich gilt es jetzt, Geduld zu beweisen. Nach Abschluss der Datenrettung bietet Ddrescue-GUI an, die Einstellungen für einen zweiten Durchlauf zurückzusetzen oder das erstellte Image umgehend zu mounten (Abbildung 4). Alternativ binden Sie die Abbilddatei wieder von Hand per mount -o loop ins System ein.

Abbildung 4: Nach erfolgreicher Arbeit bietet Ddrescue-GUI an, das Image mit den geretteten Daten direkt ins System zu mounten.

Fazit

Für diesen Bericht haben wir Ddrescue auf einen angeschlagenen USB-Stick und eine defekte SD-Speicherkarte losgelassen. Während wir die Inhalte des USB-Sticks mithilfe von Ddrescue tatsächlich fast vollständig sichern konnten, war bei der Speicherkarte (mit Aufnahmen einer Familienfeier) Hopfen und Malz verloren. Ob und was Sie gegebenenfalls von einem Medium retten können, hängt also sehr von den Umständen ab. Verlassen Sie sich daher nicht auf Rettungswerkzeuge, sondern sichern Sie wichtige Daten besser gleich ordentlich: Better sa[f|v]e than sorry. 

Der Autor

Harald Zisler beschäftigt sich seit den frühen 90er-Jahren mit FreeBSD und Linux. Zu Technik- und EDV-Themen verfasst er Zeitschriftenbeiträge und Bücher. Aktuell ist beim Rheinwerk Verlag die dritte Auflage seines Buchs "Computer-Netzwerke" erschienen.

Infos

[1] Ddrescue-GUI: https://launchpad.net/ddrescue-gui

[2] "Direct disc access: Bypassing the kernel cache": http://www.gnu.org/software/ddrescue/manual/ddrescue_manual.html#Direct-disc-access

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