Editorial 11/2015

Apocalypse not

VWs "Dieselgate" zeigt unmissverständlich die inakzeptablen Folgen des Einsatzes von Closed-Source-Software in Alltagsgütern auf. Erzwingt die Politik nicht rechtzeitig den Einsatz quelloffener Software für infrastrukturell wichtige Bereiche, sieht die digitalisierte Zukunft düster aus, befürchtet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

man muss sich schon sehr anstrengen, um medial dem Ansturm Hunderttausender Flüchtlinge auf Mitteleuropa den Rang abzulaufen – doch VW ist das mit seinem "Dieselgate" problemlos gelungen. In insgesamt 11 Millionen Fahrzeugen hat der Konzern manipulierte Software verbaut, die nur bei Prüfstandtests für eine effiziente Abgassäuberung sorgt. Im Betrieb aber blasen die Wolfsburger Dreckschleudern zehn- bis vierzigmal mehr Schadstoffe in die Umwelt als zulässig. Die Affäre wirft ein Schlaglicht darauf, welchen Stellenwert in unserer rundum digitalisierten Gesellschaft Software einnimmt.

Die Folgen des Skandals sind nicht nur für Volkswagen-Konzern dramatisch, der bereits Milliarden an Wert verloren hat und auf den weitere Milliardenverluste in Form von Strafen und Nachbesserungskosten zukommen [1]. Er beschränkt sich auch nicht auf die betroffenen Autofahrer, die statt umweltfreundlicher Autos aller Voraussicht nach demnächst schmutzigere, spritschluckendere, leistungsärmere und möglicherweise höher besteuerte Flickwerke fahren müssen. Schon jetzt müssen konzernabhängige Standorte wie Wolfsburg, Ingolstadt und Braunschweig ihre öffentlichen Budgets aufgrund der zu erwartenden Gewerbesteuerausfälle kürzen. Das dürfte sich noch verschlimmern, wenn VW aufgrund des globalen Vertrauensverlusts weltweit weniger Fahrzeuge verkaufen kann und aufgrunddessen sowie strafbedingter Einsparungszwänge Arbeitsplätze abbaut. Das wird nicht nur die Zulieferindustrie und zahlreiche Fahrzeughäuser in die Krise ziehen, sondern auch vermeintlich Unbeteiligte. Letztlich sind wir sowieso alle betroffen: von dem zusätzlichen Dreck, den wir alle einatmen müssen und der unser aller Gesundheit beeinträchtigt.

Trotzdem müsste man VW fast dankbar sein: Die Affäre führt auch dem Ahnungslosesten noch unmißverständlich vor Augen, welche Folgen es im 21. Jahrhundert zeitigt, wenn Software nicht tut, was man eigentlich erwarten dürfte. Signifikant erscheint hier insbesondere die Tatsache, dass VWs Betrug schon viel früher aufgeflogen wäre, hätte der Konzern die Software nicht als Closed Source und Betriebsgeheimnis behandeln dürfen: Eine Untersuchung der Software war aus Copyright-Gründen verboten [2], der Schwindel flog eher zufällig durch irritierende Messwerte aus Praxistests auf [3].

Nicht nur Kraftfahrzeuge sind schon heute derart mit Elektronik vollgestopft, dass Experten ihre Komplexität inzwischen als ebenso hoch einschätzen wie die organischer Lebewesen [4]. In absehbarer Zeit werden nahezu alle Gegenstände des täglichen Gebrauchs, von Steckdosen und Glühbirnen über Kühlschränke und Herde bis hin zu Klobrillen softwaregesteuert im Internet of Things agieren. Nimmt man die Energie-, Informations- und Transportinfrastruktur hinzu, braucht man keine Kristallkugel, um vorherzusagen, dass bei konstanter Entwicklung irgendwann im nächsten Vierteljahrhundert unvermeidlich eine amoklaufende Software eine nicht wiedergutzumachende Katastrophe auslösen wird.

Das Gegenmittel liegt klar auf der Hand: freie Software. So hätte VW nie den Einsatz von manipulierter Software riskiert, hätte der Konzern damit rechnen müssen, dass unabhängige Entwickler, ja sogar jeder interessierte Autofahrer den Schwindel jederzeit aufdecken könnten. Der wichtigste Schluss, den die politisch Verantwortlichen aus der Affäre ziehen müssen, lautet also: Jede Software, die in alltagswichtigen und infrastrukturrelevanten Geräten steckt, muss zumindest quelloffen sein, noch besser aber unter einer freien Lizenz wie der GPL stehen. Nur so besteht eine Chance, Sicherheitslücken und kritische Fehler rechtzeitig zu entdecken, bevor im schlimmsten Fall Millionen weitverbreiteter Geräte oder wichtige Komponenten öffentlicher Infrastrukturen durch einen unglücklichen Zufall oder böswillige Eingriffe einen fatalen Kollaps auslösen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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