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Innovative Desktop-Distribution Solus

Designer-Rakete

Solus hat nicht nur oberflächlich einiges zu bieten: Die Desktop-Distribution wartet auch unter der Haube mit vielen Innovationen auf.

Die Liste der bei Distrowatch aufgeführten Distributionen umfasst mehr als 270 aktiv gepflegte Zusammenstellungen, seit Bestehen der Seite waren es bereits über 800. Trotzdem finden sich immer wieder Entwickler, die davon überzeugt sind, ihre Idee für eine neue Distribution treffe ein Bedürfnis und werde interessierte Anwender finden. Zu dieser Riege zählt auch der irische Intel-Mitarbeiter Ikey Doherty, der mit Solus [1] bereits seine zweite Distribution an den Start bringt.

Bei Solus handelt es sich allerdings um keine Distribution wie die meisten anderen: Doherty hat sich vorher ausgiebig Gedanken gemacht, wie ein modernes Desktop-Linux heute aussehen sollte, und riskierte dabei auch einen Blick über den Tellerrand. Dann begann er die Entwicklung bei null und hob mit Budgie gleich auch noch eine eigene Desktop-Umgebung aus der Taufe.

Die Geschichte von Solus muss hier kurz angerissen werden, um Namensklarheit zu schaffen. Nachdem Doherty unter anderem bei Linux Mint mitgearbeitet und die Entstehung der Desktop-Umgebungen Cinnamon und Mate mit begleitet hatte, begann er 2011, seine eigene Distribution SolusOS [2] zusammenzustellen, die auf Debian "Testing" basierte. Das Projekt verschwand 2013 aufgrund fehlender Manpower wieder in der Versenkung: Doherty hatte die Schwierigkeit unterschätzt, ein Debian-Derivat mit seiner überbordenden Paketmenge und den daraus entstehenden potenziellen Konflikten mit einem kleinen Team aufrechtzuerhalten.

Daraus zog er dieselben Lehren wie die kleine, aber feine KDE-Distribution KaOS [3]: Beschränkung auf eine Architektur, bestimmte Anwendungsszenarien und einen überschaubaren Paketbestand, den die Maintainer selbst bauen und pflegen. Dieses Konzept setzte er unverdrossen ab 2014 in einer neuen Distribution um, die den Namen Evolve OS tragen sollte. Da jedoch Markenrechte an "Evolve" bestanden, musste er das Projekt Anfang 2015 umbenennen. So kam der Name Solus wieder zu Ehren – diesmal allerdings ohne den Zusatz "OS".

Beschränkung

Solus will Desktop-Anwendern eine Distribution bieten, die funktioniert, ohne dass man Konfigurationsdateien editieren muss – tatsächlich gibt es gar keine, wie wir noch sehen werden. Auch bildet die Konsole nicht zwangsweise ein Teil des Alltags. Ein überschaubarer Paketbestand deckt einerseits alle Bereiche des Desktop-Computing ab, inklusive der Software-Entwicklung, minimiert aber andererseits durch die Beschränkung auf ein Werkzeug pro Aufgabe das Konfliktpotenzial.

Die Grundkomponenten des Unterbaus entlehnt Solus bei Gnome und setzt darauf die selbst entwickelte Desktop-Umgebung Budgie [4] auf (Abbildung 1). Auf alternative Desktops verzichtet Solus ebenso wie auf den Support für mehrere Architekturen: Es beschränkt sich auf x86_64-Support und unterstützt 32-Bit-Software wie Skype oder Steam durch das Multilib-System.

Abbildung 1: Der Budgie-Desktop von Solus bietet ein eigenes Einstellungsmenü.

Auch beim Paketmanager Eopkg handelt es sich um eine Eigenkreation auf Basis von Pisi [5], dem Paketmanagement der türkischen Distribution Pardus. Der Anwender soll auf längere Sicht Eopkg aber weder kennen noch bedienen müssen: Bereits jetzt beherrscht das Software Center die gebräuchlichsten Befehle, wie die Systemaktualisierung und das Installieren respektive Entfernen einzelner Pakete. Die Integration von AppStream [6] in das Software Center ist in Planung. Werkzeuge wie Ypkg und Evobuild ermöglichen versierten Anwendern auf einfache Art, selbst Pakete für Solus zu schnüren [7].

Modern und innovativ

Inspiration für Solus holt sich Doherty auch bei seiner täglichen Arbeit: Im Intel Open Source Technology Center [8] arbeitet er an der Cloud-Computing-Distribution Clear Linux [9]. Von dort übernahm er auch die Idee des zustandslosen Systems (siehe Kasten "Stateless System"). Dabei geht es um Systeme, die ohne die Verzeichnisse /etc und /var erfolgreich starten können und die man jederzeit in einen definierten Zustand zurückversetzen kann.

Mittlerweile ist das Projekt bei seiner zweiten Beta-Version angekommen, als Release-Termin für Solus 1.0 peilt Doherty den 1. Oktober 2015 an [10]. Derzeit erscheinen fast täglich Test-Images, die den jeweils letzten Stand widerspiegeln. Um den Hype, der mittlerweile um Solus herrscht, auf Substanz zu überprüfen, haben wir uns sowohl die Beta 2 angesehen, als auch ein Abbild von Mitte August. Zudem hat Doherty exklusiv für Sie eine stabile LinuxUser-Edition mit dem Stand Mitte August für die Heft-DVD erstellt.

Stateless System

Die Idee der zustandslosen Systeme entstand bereits vor über einem Jahrzehnt und wurde zuletzt vor allem von Cloud- und Container-Distributionen umgesetzt. Auch Fedora zeigt entsprechende Ansätze: Lennart Poettering hat die Möglichkeit zustandloser Systeme mit Systemd 14 eingeführt und darüber ausführlich in seinem Blog berichtet [11].

Zustandslose Systeme speichern Zustände nicht dauerhaft, sondern starten fast wie eine Live-DVD immer wieder in einen vordefinierten Zustand. Eine Vorstufe bildet der "factory reset", der ein System in den Installationszustand oder auf einen später definierten Wiederherstellungspunkt zurücksetzt. Doherty schwebt vor, für Solus eine Systemwiederherstellung wie bei Windows zu entwickeln – "nur besser", wie er gern betont.

Das erste Release von Solus soll bereits die Grundkonstruktion für ein solches Wiederherstellungssystem mitbringen. Den Grundstein dazu muss jedes einzelne Paket mitbringen, damit es ohne Informationen aus den Verzeichnissen /etc und /var starten kann. Dazu bringt es eine ausreichende Grundkonfiguration bereits mit oder bezieht sie aus /usr beziehungsweise bei Cloud-Systemen aus dem Netz.

Als moderne Distribution bietet Solus nicht nur innovative Ideen, sondern auch ein durchgängiges, zurückgenommenes Design. Die Optik setzt auf das oft gescholtene Flat-Design, das hier aber weder zum Selbstzweck verkommt noch aufgesetzt erscheint. Die Distribution wirkt wie aus einem Guss, was nicht zuletzt daran liegt, dass Doherty bis auf einige Gnome-Zutaten und Applikationen alles mit seinem Team selbst entwickelte.

Solus soll dem Anwender nicht im Weg stehen, sondern ihm Wege ersparen. So finden sich in den Repositories auch proprietäre Grafiktreiber sowohl von Nvidia als auch von AMD. Bereits im Solus 1.0 soll es einen Umschalter geben, der Entwicklern oder Gamern einen schnellen Wechsel zwischen verschiedenen Grafikkarten erlaubt. Zudem unterstützt Solus Touchscreens, wie etwa beim Asus Aspire R7; weitere sollen folgen. Auch auf dem Surface 3 [12] läuft Solus, allerdings klappt hier die Bedienung per Touchscreen noch nicht.

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Kommentare
Rakete läßt Firefox abstürzen
Karl Napp (unangemeldet), Sonntag, 20. September 2015 20:19:34
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Ein Logout nach der Einstellung der Tastaturbelegung zur Übernahme der Daten ist alles andrere als innovativ.

Reproduzierbar veranlassen manche Seiten (wie z.B. Strato) die installierte Firefoxvariante einfrieren.
Zwar erkennt das System diesen Zustand nach geraumer Zeit, macht ein Arbeiten auf den Seiten aber unmöglich.

Das der Installer ebenfalls einfriert und einen weiteren Test unmöglich macht, rundet das Bild ab.


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Re: Rakete läßt Firefox abstürzen
Ferdinand Thommes, Dienstag, 22. September 2015 12:31:19
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Hi,

ich habe Solus in den letzten sechs Monaten oft installiert, der Installer ist mir nie eingefroren. Probleme mit Firefox sind bekannt, ich habe strato.de als Testseite an die Entwickler weitergeleitet.

Ansonsten, falls Sie Solus noch eine Chance geben wollen, am 1. Oktober erscheint die erste stabile Version.

Ferdinand Thommes


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Re: Rakete läßt Firefox abstürzen
Ferdinand Thommes, Dienstag, 22. September 2015 12:42:02
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Antwort eines Entwicklers: Bitte einen Bugreport auf https://bugs.solus-project.com/ schreiben, dann kann man im direkten Kontakt Probleme besser reproduzieren und beheben.


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