Bandmaschine

Die Software geht beim Bearbeiten konsequent nichtdestruktiv vor: Alle Schnitt- und Loop-Operationen wirken sich nur auf das Verhalten der im Editor sichtbaren Clips aus; die Datei der ursprünglichen Aufnahme bleibt unverändert. Einige Operationen sind prinzipbedingt nicht gezielt für diese Clips anwendbar, besonders solche, die ein Neuberechnen des originalen Materials erfordern.

So arbeitet zum Beispiel der Modus Loop Properties durchaus nicht mit dem Material des Clips selber, sondern mit der jeweiligen Quelldatei. Das Gleiche gilt für die Funktionen unter View Source Info (Abbildung 6).

Abbildung 6: Auf dem Karteireiter Loop Properties bekommen Sie für einen nur 20 Sekunden langen Clip die komplette, hier sechs Minuten lange Quelldatei angezeigt.

Um auch diese speziellen Funktionen gezielt nur für einen Clip anzuwenden, benötigen Sie eine neue Audiodatei, die nur das Material im Clip enthält. Exportieren Sie dazu den Clip mit dem Werkzeug Render Clip rechts unten im Audioclip-Werkzeug. Diese Dateien sammelt das Programm unter Render im Ordner des Projekts. Die Originalaufnahme bleibt dabei völlig unverändert.

Spezielle Punch-Marker kennt Tracktion nicht. Stattdessen wird Punch von den gleichen I/O-Hilfslinien gesteuert, die auch den Beginn und das Ende von Schleifen markieren. Beim Abspielen setzen Sie über [I] und [O] die Marken an die Position des Cursors.

Eine hochinteressante neue Funktion für Projekte mit spielenden Musikern ist der Modus für retrospektive Aufnahmen. Im Menü links unten stellen Sie unter Options | Retrospective record einen Zeitrahmen ein, in dem die Software jeden eingehenden Input mitschneidet. Wer beim Warmspielen auf der Gitarre oder dem Midi-Keyboard spontan eine großartige Idee hatte, braucht sich also nicht mehr zu ärgern, weil die Aufnahme noch nicht lief.

Ein Klick auf die Schaltfläche mit der Uhr rechts oben fügt das Material an der Cursorposition in die gerade aktive Spur ein. Dabei berücksichtigt das Programm die zuletzt für eine bestimmte Spur eingehende Aufnahme. Wer also fünf Minuten Puffer einstellt und dann in diesem Zeitraum erst Midi-Noten und danach Audio einspielt, erhält die Audio-Daten. Den Midi-Clip verwirft die Funktion, sobald Material auf der Audio-Spur eingeht, und umgekehrt.

Das Abspielen der Aufnahmen lässt sich automatisiert manipulieren. Dazu ziehen Sie einfach das A-Symbol am rechten oberen Ende der Spur auf einen Regler, den Sie automatisieren möchten. Die Kurve mit den Parameterdaten zeichnet Tracktion dann direkt in die Spur ein. Das ist schön kompakt sowie nahe am eigentlichen Material und damit an der gespielten Musik. Bei mehreren Kurven gerät es aber gleichzeitig unübersichtlich. Deshalb bietet das Programm jetzt eigene Automatisierungsspuren (Abbildung 7).

Abbildung 7: Mit den Automatisierungskurven auf eigenen Spuren sorgt die Software für mehr Übersicht als bei mehreren überlagernden Kurven direkt in der Spur (die allerdings bei Bedarf noch bereitstehen).

Wer gerne spontan mehrere Takes für eine Passage aufnimmt, weiß unter Umständen die neuen Comp-Gruppen zu schätzen. Nehmen Sie den gleichen Take nacheinander auf verschiedenen Spuren in der gleichen Comp-Gruppe auf, erlaubt es die Software anschließend, Abschnitte in den einzelnen Spuren zu setzen, die das Programm dann exklusiv spielt. Mit diesem Modus setzen Sie schnell und intuitiv einen perfekten Take aus den besten Abschnitten verschiedener Versuche zusammen.

Fazit

Tracktion 6 ist die erste Version für Linux, die sich schon auf den ersten Blick als mehr als nur neu und interessant präsentiert. Seine schlanke und schnelle Basisbibliothek empfiehlt es selbst für Rechner und Bildschirme, die für Boliden wie Bitwig Studio oder Ardour zu schwachbrüstig ausfallen.

Für gerade einmal 60 US-Dollar bekommen Sie ein vollwertiges Studio, das überdurchschnittlich gut in Linux integriert ist. Dabei belästigt das Programm in keiner Weise mit aufwendigen Mechanismen in Bezug auf Kopierschutz, wie USB-Dongles, oder nervt gar mit Werbung. 

Der Autor

Hartmut Noack (http://lapoc.de) arbeitet in Celle und Hannover als Dozent, Autor und Musiker. Er fand schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Wenn er nicht gerade vor seiner Linux Audio Workstation sitzt, treibt er sich auf Webservern herum. Auf seinem eigenen können Sie einige CC-lizenzierte klingende Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware herunterladen.

Glossar

DAW

Digital Audio Workstation. Ursprünglich aufwendig optimierte, kostspielige Hardware, die den gesamten Ablauf einer Musikproduktion (Aufnahmen, elektronische Komposition und Klangerzeugung, Schnitt, Mix) an einem Ort vereinte. Heute steht der Begriff für Software, die diese Funktionen in einem Programm zusammenbringt.

Timestretch

Zeitstreckung bezeichnet Techniken, die es erlauben, Tonaufnahmen schneller oder langsamer abzuspielen. Einfache Timestretcher spielen dabei einfach mehr oder weniger Samples ab, was die Tonhöhe ändert und die Qualität degradiert. Timestretcher für Musiker beherrschen darüber hinaus die Technik, bei gleicher Tonhöhe die Geschwindigkeit einer Aufnahme zu ändern.

Punch-Marker

von engl. "zuschlagen". Funktion, die eine Aufnahme ab einer bestimmten Stelle automatisch in ein Musikstück einfügt. Die Musiker haben die Möglichkeit, sich auf diesen Punkt vorzubereiten und können zu spielen beginnen, während die Musik bereits läuft.

Infos

[1] Tracktion: http://www.tracktion.com

[2] Elastique-Bibliothek: http://www.zplane.de/index.php?page=description-elastique

[3] Juce-Bibliothek: http://www.juce.com

[4] Juce herunterladen: http://www.juce.com/download

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