Editorial

IM "Redmond"

Mit Windows 10 installiert Microsoft ein ausgeklügeltes Bespitzelungssystem, das jeden Ihrer Schritte im am PC und im Netz an Microsoft (und vermutlich nicht nur dorthin) durchreicht, warnt Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

falls Sie LinuxUser schon länger lesen, wundern Sie sich sicher, dass der Titel dieser Ausgabe Windows 10 mit keiner Silbe erwähnt. Viele Jahre boten wir beim Erscheinen neuer Microsoft-Releases zeitnah einen passenden Schwerpunkt zur Koexistenz mit Linux an. Das läge diesmal eigentlich noch näher als bisher, denn zum ersten Mal muss man ein neues Windows nicht kaufen, sondern erhält es als kostenloses Upgrade aus Redmond. Doch "kostenlos" heißt: Hier sind der Benutzer und seine Daten die Ware.

Windows 10 treibt dieses wohlbekannte Paradigma in einer Art und Weise auf die Spitze, bei der sich die Nackenhaare sträuben [1]. Was Microsoft dem Benutzer hier unterschiebt, hat nichts mehr mit den üblichen Werbesperenzchen zu tun. Klar, die gibt es auch, wie etwa eine Werbe-ID, über die Microsoft Ihre Daten mit Drittanbietern teilt, und andere Späße dieser Art. Doch die Voreinstellungen erlauben Windows 10 viel mehr.

So kann es "Informationen zum Schreibverhalten an Microsoft senden, um die Eingabe- und Schreibfunktionen in Zukunft zu verbessern" – quasi ein eingebauter Keylogger. Parallel nimmt Windows 10 eine Standortbestimmung vor. Stellen Sie sie ab, dann können "Apps auch andere Technologien verwenden, z.B. Bluetooth oder die WLAN-Suche, um den Standort Ihres Geräts zu ermitteln". Es lässt sich also nicht verhindern, dass Windows 10 Standortdaten weitermeldet.

Damit nicht genug: Laut Voreinstellung dürfen Programme wie der Webbrowser Edge, aber auch Facebook, Twitter und weiter Apps auf die Kamera und das Mikrofon des Geräts zugreifen. Über den "Assistent" Cortana sammelt Microsoft Informationen wie Kontakte, aktuelle Kalenderereignisse, Sprach- und Handschriftmuster sowie den Eingabeverlauf. Das Übertragen von "Diagnose- und Nutzungsdaten" lässt sich nicht verhindern, nur beschränken. Für die Synchronisation über mehrere Geräte speichert Microsoft standardmäßig nicht nur automatisch den Browserverlauf auf seinen Servern, sondern auch WLAN- und Website-Passwörter.

Eine genaue Erklärung, wer sich wozu an dieser Flut persönlicher Daten bedienen darf, bleibt Microsoft schuldig [2]. "Mitarbeiter, Auftragnehmer, Lieferanten und Partner" erhalten "möglicherweise" Zugriff auf "relevante Teile der gesammelten Informationen", heißt es seitens Microsoft lapidar. Manche der Voreinstellungen lassen sich zwar deaktivieren, doch die Einstellungen verstreuen sich über zahlreiche Dialoge. Um überhaupt keine Daten an Microsoft zu senden, müsste der Nutzer spezielle Tools wie den Registry-Editor Regedit und den Group-Policy-Editor Gpedit bemühen.

Um es noch einmal unmissverständlich zusammenzufassen: Mit der Benutzung von Windows 10 erteilen Sie Microsoft die Erlaubnis mitzuschneiden, wie Sie sich durchs Netz bewegen und wann Sie wo welche Daten an Ihrem Computer eingeben. Dabei kann der Rechner Sie gegebenenfalls auch noch filmen und abhören. Das wäre per se schon ungeheuerlich genug; hinzu kommt die wohlbekannte Tatsache, dass Microsoft innigst mit den US-Geheimdiensten kooperiert [3].

Die Free Software Foundation (FSF) zieht daraus folgendes Fazit [4]: "Die FSF empfiehlt dringend, von der Benutzung von Windows 10 Abstand zu nehmen. [...] Da [das Betriebssystem] grundlegend unsicher ist und die Privatsphäre nicht achtet, stellt Windows 10 ein offenes Fenster auf Sie dar. Es sperrt Sie ein und unabhängige Experten aus – damit verschließt es Ihnen die Tür zu Ihrem Rechner, und nur Microsoft hat den Schlüssel."

Auch wir raten von der Verwendung eines solch abgefeimten Bespitzelungssystems dringend ab und können dessen Einsatz nicht guten Gewissens unterstützen. Deswegen wird dieses Editorial die einzige Stelle bleiben, an der Sie in LinuxUser etwas über Windows 10 lesen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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