Fazit

Mit der Version 2.1 macht Audacity einen großen Sprung nach vorn. Wer die einfache Effizienz des Programms nutzen möchte, muss dabei viel weniger Kompromisse eingehen als noch beim Vorgänger 2.0. Die Echtzeitunterstützung für Effekte funktioniert gut und wirkt durchdacht. Unter den weiteren Neuerungen fällt besonders der revolutionäre Spektralmodus für Bearbeitungen auf (siehe Kasten "Klangskalpell"), der noch einmal bekräftigt, dass sich Audacity sehr als Werkzeug für die Bearbeitung und Restauration von Tonaufnahmen empfiehlt.

In den kommenden Versionen von Audacity stehen weitere Verbesserungen an den neuen Funktionen an. An der Echtzeitunterstützung und grafischen Oberflächen für weitere Plugin-Formate wie LV2 und LADSPA arbeitet das Projektteam bereits. Auf der Wunschliste des Autors steht an erster Stelle die Möglichkeit, den Spektralmodus auf alle Plugins ansetzen zu können. 

Klangskalpell

Alle gängigen Audio-Editoren bieten die Möglichkeit, Teile von Aufnahmen im zeitlichen Ablauf präzise auszuwählen und leise Passagen zu verstärken beziehungsweise zu laute abzudämpfen; subtilere Manipulationen gelingen mit Equalizern und Filtern. Was aber, wenn von der 14. bis 16. Sekunde ein tiefer Brummton oder ein garstiges Knistern über einer ansonsten genau richtigen Aufnahme liegt? Beim eigentlichen Material darf sich die Lautstärke nicht ändern, die Störung soll jedoch verschwinden.

Mit der gängigen Passagenauswahl gelingt dies allenfalls über umständliche Einstellungen an einem sehr ausgefeilten Equalizer. Oft entstehen bei solchen Aktionen unerwünschte Verfärbungen im Nutzsignal. In Audacity gelingt die Prozedur dennoch sehr gut: Schalten Sie zunächst die Darstellung in der Ausklappliste im Spurkopf links von Wellenform auf Spektrogramm. Die logarithmische Variante Spektrogramm log(f) wirkt oft differenzierter und ist damit leichter zu lesen.

Das Erkennen der Dynamik in der Aufnahme fällt in der Spektrogramm-Darstellung nun zwar schwerer, dafür bekommen Sie aber die an jeder Stelle des Stücks prominenten Frequenzen durch farbliche Abstufungen angezeigt. Die kolorierten Streifen repräsentieren die Intensität von Frequenzen, die Sie an der Skala links ablesen. Das Auswahlwerkzeug, das in der Wellenformansicht nur vertikal durchgezogene Streifen anbietet, zeichnet jetzt Vierecke, deren obere und untere Grenze Sie einstellen dürfen. In der unteren Werkzeugleiste finden Sie rechts ein kleines Werkzeug, das die Frequenzen der Auswahl präzise anzeigt.

Paul Licameli, aus dessen Feder diese Funktion hauptsächlich stammt, arbeitet auch an einer Reihe von Plugins, deren Wirkung sich auf solche Bereiche beschränkt. Die Namen dieser drei einfachen, aber wirksamen Nyquist-Module beginnen jeweils mit Spektrum edit und bieten verschiedene Filterfunktionen. Spektrum edit Multitool [10] erfüllt dabei die Aufgaben eines klassischen Filters, der je nach Auswahl einen Hochpass-, Tiefpass- oder Kerbfilter ("Notch") ausführt.

Das Filtermodul ermittelt seine Einstellungen aus Ihrer Auswahl im Ausgangsmaterial und legt bei Aufruf aus dem Effekte-Menü sofort los. Eine eigene Oberfläche braucht es daher nicht. Oben oder unten beginnende Auswahlen lösen einen Hoch- beziehungsweise Tiefpass aus. Eine Auswahl, die etwa bei 100 Hz beginnt und bei 300 Hz endet, bewirkt den Einsatz eines Kerbfilter bei 150 Hz. Diese simple und elegante Methode verwenden auch die beiden anderen Module, der Parametric EQ [11] und der Shelf Filter [12]. Sie erlauben zusätzlich das Einstellen der Stärke der Absenkung in einer einfachen Oberfläche (Abbildung 8). Unter Arch Linux fehlen diese Filter, bei Bedarf laden Sie sie aus dem Audacity-SVN herunter und kopieren oder verlinken sie nach /usr/share/audacity/plug-ins/.

Vergleichbare Funktionen finden sich in Linux-tauglicher Audiosoftware nur noch in SND [13] und Sonic Visualiser [14]. In SND erfolgt der Zugriff darauf allerdings nur über eine Programmierschnittstelle, für die Sie derartige Operationen in Scheme oder Ruby live selbst schreiben müssten. Sonic Visualiser bietet als Heimat der auch in Audacity verwendeten VAMP-Plugins weitere und noch flexiblere Spektrogramme, deren Bedienung jedoch mehr Gewöhnung erfordert als bei Audacity. Zudem erweist sich das Programm im Test als weniger stabil als Audacity, das bei all diesen Operationen völlig fehlerfrei funktioniert. Ardour bietet derartige Funktionen erst gar nicht an. Weitere Informationen und einige Anleitungen zum Umgang mit der Spektralansicht finden Sie im Online-Handbuch von Audacity [15].

Abbildung 8: In der Spektralansicht lässt sich Audiomaterial nicht nur aus dem Zeitstrahl heraus, sondern auch nach Frequenzspektrum auswählen und bearbeiten.

Der Autor

Hartmut Noack arbeitet in Hannover als Dozent, Autor und Musiker. Er findet schon immer, dass freie Software und selbst gemachte Musik prima zusammenpassen. Wenn er nicht gerade vor seiner Linux-Audio- Workstation sitzt, treibt er sich auf Webservern herum. Auf seiner Webseite http://lapoc.de finden Sie einige seiner mit freier Musiksoftware erstellten Werke unter Creative Commons lizenziert zum Herunterladen vor.

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