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Die wichtigste Neuerung von Audacity 2.1 liegt im Echtzeitmodus für Effekte. Die Vorgängerversionen erlaubten beim Einstellen der Parameter von Effekt-Plugins lediglich eine kurze Vorschau, während der sich die Regler nicht mehr bewegen ließen. Dies machte den Sound-Editor für ernsthafte Unternehmungen unattraktiv.

Mithilfe des Echtzeitmodus drehen Sie nun in allen Linux-VST- und LADSPA-Modulen an den unterschiedlichen Parametern, währenddessen Sie die Auswirkung der Änderung unmittelbar zu hören bekommen. Dazu bietet das Effektfenster von Audacity in seinem Rahmen Knöpfe zur Laufwerkssteuerung (Abbildung 5). Die jeweiligen Einstellungen lassen sich speichern und bei Bedarf aus dem Fundus der Effektinstallation selbst laden.

Abbildung 5: Effekte wie hier TAL Reverb in seiner Linux-VST-Variante bringen Voreinstellungen mit, die sich mit dem unscheinbaren Knopf links von den Laufwerkstasten heraussuchen lassen.

Die Effektformate LADSPA, VST und LV2 lassen sich einzeln aktivieren oder abschalten. Um Probleme mit experimentellen Plugins zu vermeiden, sollten Sie diese in eigenen Verzeichnissen verwalten und bei Bedarf je nach Distribution nach /usr/lib oder /usr/share/audacity/plug-ins/ verlinken. Beachten Sie bitte: Im Test verursachte nichts so viele Probleme wie das Ausführen externer Effekte, während die eingebauten Plugins tadellos und sicher funktionieren.

Kernkompetenz

Audacity eignet sich vor allem zum Bearbeiten und Schneiden einzelner Audio-Aufnahmen in Stereo. Auch Version 2.1 entwickelt die Software nicht weiter in Richtung Mehrkanal-Tonstudio. Das Arbeiten mit mehreren Spuren funktioniert zwar auch in Audacity solide, aber Alternativen wie Ardour [7], Qtractor [8] oder Bitwig Studio [9] beherrschen dieses Gebiet deutlich besser.

Oft braucht es aber die Komplexität eines voll ausgebauten Musikstudios gar nicht. Daher ist Audacity besonders im Bereich Rundfunkproduktion eine nicht wegzudenkende Größe. Die für eine gut gemachte Sendung mit ein oder zwei Interviewpartnern und Musikeinspielungen sinnvollen 6 bis 8 Spuren lassen sich mit der Software bestens unter Kontrolle halten.

Operationen, für die oft wenig Zeit zur Verfügung steht, gehen schnell von der Hand. So löst Audacity zum Beispiel das Ein- und Ausblenden von Aufnahmen mit dem Hüllkurvenwerkzeug ungewöhnlich bequem und intuitiv. Der unter Ansicht | Mischer verfügbare simple Mixer (Abbildung 6) macht zwar von der Optik nicht viel her, ermöglicht aber eine einfache und intuitive Bedienung.

Abbildung 6: Simpel, aber effektiv: Audacity konzentriert sich bei Werkzeugen für Mehrspur-Mixe auf grundlegende Funktionen.

Den Werkzeugen für den Audioschnitt merkt man die fast 20 Jahre Erfahrung im Hause Audacity deutlich an. Besonders das präzise Bearbeiten bis auf die Ebene einzelner Samples hinunter funktioniert schnell und reibungslos. Das Einarbeiten gelingt schnell: Wer weiß, dass sich bei gedrücktem linken [Strg] das Mausrad in ein Zoom-Werkzeug verwandelt, hat schon das wichtigste Geheimnis entschlüsselt.

Das Stiftwerkzeug lässt sich verwenden, sobald die Vergrößerung den Punkt erreicht, an dem einzelne Samples als Punkte auf der Schallwellendarstellung erscheinen. Beim Zeichnen mit diesem Werkzeug verhindern Automatismen das Erzeugen einer Wellenform, die Audacity nicht richtig verarbeitet kann. Beim Ausschneiden rückt der rechte Teil der Aufnahme nach, Schnittmarken helfen beim Cutten (siehe Kasten "Notenschrift"). Auch die Grenzen von Schnitten setzt Audacity automatisch so, dass keine Knackgeräusche durch beschädigte Samples auftreten. Alle Schnittaktionen lassen sich mit [Strg]+[Z] rückgängig machen.

Notenschrift

Neben den normalen Audiospuren unterstützt Audacity auch Spuren mit Textmarken zum Markieren besonders wichtiger Passagen. Diese Spuren erzeugen Sie unter Spur | Neue Spur erzeugen | Textspur und fügen dann Inhalte über einen Klick in die Spur und Eingabe eines Texts ein. Alternativ importieren Sie über Datei | Importieren**... | Textmarken gleich einen längeren Text in einem Rutsch. Über Datei | Textmarken exportieren**... sichern Sie die Textmarken in eine Datei (Abbildung 7). Deren Syntax könnte kaum einfacher ausfallen: Zwischen den in Samples angegebenen Positionen auf der Zeitleiste und dem Text auf der Marke stehen Tabulatoren, ein Zeilenumbruch schließt eine Marke ab.

Die an sich schon nützlichen Notizen glänzen mit einigen nicht sofort ersichtlichen Qualitäten: So schließt eine neue Textspur die über ihr liegenden Tonspuren zu einer separat synchronisierbaren Gruppe zusammen. Die Textmarken erweisen sich auch beim Digitalisieren von LPs und Musikkassetten als nützliches Werkzeug. Wählen Sie Datei | Mehrere Dateien Exportieren**..., so zeigt Audacity einen Assistenten, in dem sich die Labels auf den Textspuren als Schnittpunkte und Dateinamen nutzen lassen. Audacity nummeriert die einzelnen Tracks dann automatisch durch.

Auf den Textspuren unterscheidet Audacity zwischen Marken für Punkte und Regionen, die sich allerdings nicht wirklich voneinander unterscheiden. Eine Punktmarke lässt sich jederzeit in eine Regionsmarke verwandeln, indem Sie an den dreieckigen Klammern des Markensymbols ziehen. Spuren | Textmarken bearbeiten**... öffnet alle Textspuren des Projekts in einem als einfache Tabelle gestalteten Editor. Alternativ exportieren Sie die Textspuren als einfache Textdatei, bearbeiten sie mit Ihrem Lieblingseditor und sichern die Datei anschließend als neue Textspur.

Abbildung 7: Marken für Einsätze, Notizen, Songtexte: Die Textspuren in Audacity bieten zahlreiche praktische Einsatzmöglichkeiten. Die Texte lassen sich als einfache Textdateien exportieren und in einem Editor bearbeiten.

Allerdings arbeitet Audacity grundsätzlich destruktiv. Schnittaktionen wirken sich daher direkt auf die Audiodatei aus, nicht nur auf die Darstellung. Schneiden Sie also einen Teil aus einer Aufnahme heraus, lässt sich das nur noch durch Zurücknehmen der letzten Bearbeitungschritte korrigieren, wobei dadurch alle anderen Änderungen bis zum entsprechenden Schnitt verloren gehen. Dasselbe gilt beim Anwenden von Effekten: Audacity speichert jede Manipulation linear ab, nach weiteren Bearbeitungsschritten lassen sich die Filtereinstellungen nicht mehr ändern.

Dieses Konzept besitzt durchaus nicht nur Nachteile. So fällt zum Beispiel die Systembelastung für das Berechnen eines Effekts nur einmal an, während nichtdestruktive Systeme wie Ardour alle Effekte im Projekt andauernd neu berechnen müssen. Nichtdestruktive Programme bieten für dieses Problem allerdings eine "Freeze" genannte Lösung an: Dazu berechnet die Software die Spur mit Ihren Effekten und speichert das unbearbeitete Material zusammen mit den Effekteinstellungen gesondert ab. So lässt sich die Spur bei Bedarf wieder "auftauen" und der Filter mit anderen Einstellungen neu auf die Tonspur aufbringen.

Eine solche Funktion würde zwar nicht in das technische Konzept von Audacity passen, aber es wäre durchaus eine umgekehrte Variante vorstellbar: So ließe sich etwa ein Backup des unbearbeiteten Materials über Sitzungsgrenzen bereithalten, um einen Effekt später rückgängig zu machen.

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