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© Branislav Bokun, 123RF

Audacity 2.1 avanciert vom Hobby-Tool zum Profiwerkzeug

Hörbar neu

Audacity gilt schon lange als der freie Audio-Editor schlechthin. Das Release 2.1 erfüllt einen lang gehegten Wunsch ambitionierter Tonmeister: LADSPA- und Linux-VST-Effekte lassen sich nun endlich live konfigurieren.

Der freie Audio-Editor Audacity erfreut sich stetiger Beliebtheit. Nicht nur unter Linux, auch unter Windows und Mac OS X nutzen zahlreiche Anwender Audacity für Radioproduktionen, Podcasts oder Video-Soundtrack. Wer Musikkassetten und Schallplatten digitalisieren möchte, der greift ebenso gerne auf die Software zurück. Zahlreiche Musiker und anspruchsvollere Klangbastler waren allerdings nie so richtig zufrieden mit Audacity.

Der häufigste Kritikpunkt: Audacity erlaubte es nicht, die Parameter von Effekten im laufenden Betrieb einzustellen. Nur mit Echtzeiteffekten ließen sich Klangmanipulationen so einstellen, wie Musiker das seit Jahrzehnten von Hardware-Effekten und auch von fortgeschrittener Software erwarten: nach Gehör. Mit der Version 2.1 beginnt Audacity nun, diese Schwäche zu beseitigen (Abbildung 1). Darüber hinaus bietet die neue Version deutlich mehr Funktionen und teilweise einzigartige neue Techniken für die Klangbearbeitung unter Linux.

Abbildung 1: Audacity 2.1 erlaubt die Konfiguration von Effekten noch während der Editor die Spur abspielt. Für Linux-VST-Module wie dRowAudio zeigt Audacity außerdem deren eigene grafische Oberfläche.

Ausgepackt

Audacity 2.1 steht seit Ende März 2015 auf der Webseite des Projektteams [1] bereit. Für Windows und Mac OS X gibt es Installer-Pakete, Linux-Anwender finden dort lediglich den Quellcode. Das komplexe Programm mit seiner in wxWindows geschriebenen und plattformübergreifend funktionsfähigen Oberfläche und zahlreichen Plugin-Schnittstellen fordert eine lange Liste von Abhängigkeiten. Auf einem für den Test verwendeten Ubuntu 14.04 LTS lief die Konfiguration der Quellen zwar durch, der Build-Prozess mit Make brach aber mit einem Fehler ab.

Andere Ubuntu-Administratoren haben offensichtlich mehr Glück, denn wenige Tage nach der Veröffentlichung ging die neue Version im PPA-Repository des Audacity-Teams online [2]. Da dieses allerdings nur Daily-Builds enthält, also experimentelle Versionen, sollten Sie eher auf das vom Blog UbuntuHandbook.org gepflegte PPA [3] zurückgreifen (Listing 1). Das Paket enthält, wie bei allgemeinen Distributionen üblich, alle Extras und Fähigkeiten, die die Software prinzipiell unterstützt. Zu den wichtigsten gehören:

  • Alsa und OSS als Audioschnittstelle,
  • Jack als Audioschnittstelle via PortAudio,
  • eingebaute Effekte, Nyquist-Konsole und Plugins sowie VAMP-Plugins (zur Visualisierung),
  • LADSPA- und Linux-VST-Effekte in Echtzeit (LXVST auch mit grafischen Oberflächen) sowie
  • LV2-Effekte (noch ohne grafische Oberfläche und nicht in Echtzeit einstellbar).

Auch für andere gängige Distributionen steht Audacity 2.1 bereits im Netz. Fedora führt die neue Version ab Fedora 20 in den offiziellen Paketquellen. Für OpenSuse bietet Packman [4] Pakete bis zurück zur Version 12.3. Als Rolling-Release-Distribution hat Arch Linux von Haus aus immer die neueste Software im Programm.

Listing 1

$ sudo add-apt-repository ppa:ubuntuhandbook1/audacity
$ sudo apt-get update
$ sudo apt-get install audacity

Auf dem im Test genutzten Ubuntu 14.04 mitsamt den KX-Studio-Erweiterungen [5] startete Audacity 2.1 zügig und verband sich problemlos mit dem laufenden Jack-Audioserver. Trotz der vielen neuen Funktionen läuft die neue Version bemerkenswert stabil. Ging etwas im Test schief, ließ sich das Problem in allen Fällen auf Effekt-Plugins zurückführen.

Carla VST funktionierte hingegen gar nicht. Das Plugin lässt sich nicht bedienen und verursachte unweigerlich einen Absturz der Audio-Engine. Andere Plugins reagierten allergisch auf extreme Einstellungen: Bei TALs Reverb kam es zu einem Absturz, sobald der live abgespielte Bereich das Ende erreichte.

In allen Fällen, in denen Audacity bei einem Fehler nicht mehr reagierte, griff die Wiederherstellungsautomatik. Diese öffnet beim ersten Start von Audacity nach einem Absturz einen Dialog, über den Sie das durch den Absturz in Mitleidenschaft gezogene Projekt neu aufbauen können. Dabei gingen in unseren Tests fast keine vor dem Absturz ungespeicherten Bearbeitungen verloren.

Audacity nutzt für die Verbindung zu Jack die auch auf Windows und Mac OS X verfügbare Schnittstelle PortAudio [6]. Das funktioniert inzwischen ohne garstige Kratzgeräusche oder spürbare Verzögerungen, bleibt aber einer nativen Verbindung zum Jack-Server unterlegen. So erzeugt PortAudio beispielsweise nur dann einen Port in Jack, wenn Audacity gerade etwas abspielt oder aufnimmt. Dabei bekommen die Ports immer neue Namen. Möchten Sie die Ausgabe von Audacity mit externer Jack-Software bearbeiten, gelingt das nur mit einiger Frickelei, weil sich Audacity nur im laufenden Zustand verdrahten lässt.

Besser sieht die Situation bei der Aufnahme von Jack-Quellen aus. Diese bietet Audacity vollständig in seiner oben mittig platzierten Liste der Aufnahmegeräte an (Abbildung 2). Diese Anwendungen müssen allerdings beim Start von Audacity bereits laufen, erst während der Audacity-Session gestartete Jack-Klangquellen ignoriert Audacity.

Abbildung 2: Audacity nimmt nicht gleichzeitig von mehreren Jack-Quellen auf. Sie können aber Schritt für Schritt Jack-Quellen wie Guitarix oder VLC ohne Probleme nacheinander aufnehmen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Mehrspur-Tonstudios müssen Sie in Audacity nicht für eine neue Aufnahme selbst eine Spur konfigurieren. Mit einem Klick auf den roten Aufnahmeknopf erzeugt das Programm diese automatisch. Das bedeutet jedoch, dass auf jeder Spur nur eine Aufnahme möglich ist. Dafür erlaubt dieses Vorgehen schnelleres und intuitiveres Arbeiten als bei anspruchsvolleren Software-Rekordern.

Import und Export

Audiomaterial importieren Sie direkt aus unterstützten Dateien als neue Spur in laufende Projekte. Um außer den meisten frei verfügbaren Formaten wie WAV, OGG, Flac oder AIFF auch MP3 und Konsorten zu öffnen, benötigt Audacity die entsprechenden externen Bibliotheken. Unter Ubuntu stellt beispielsweise die Installation des Metapakets ubuntu-restricted-extras die wichtigsten Codecs bereit.

Audiodaten aller Formate konvertiert Audacity zum Bearbeiten immer in das von Sun Microsystems entwickelte, nichtkomprimierte ULAW-AU-Format. Es entspricht fast vollständig ähnlichen Formaten wie Microsofts WAV oder Apples AIFF. Auch der Import von Audio-Tracks aus Video-Dateien funktioniert. Dafür greift Audacity auf Ffmpeg (Libavformat) zurück, das in einer passenden Version installiert sein muss. Für den Export in Formate mit Sourround-Ton aktivieren Sie unter Bearbeiten | Einstellungen**... | Import**/**Export ein Mehrkanalmix-Werkzeug.

Im Test bereiteten die in Ubuntu verfügbaren Varianten von Ffmpeg Audacity einige Schwierigkeiten. Das Audacity-Paket aus dem PPA des Audacity-Teams besteht auf libavformat.so.55, während die Paketquellen von Ubuntu 14.04 LTS nur Version 54 hergeben. Audacity weigerte sich zudem, die aus dem aktuellen Quellcode gebaute Version 56 von Libavformat zu verwenden – so mussten wir auf den Test der Ffmpeg-Funktionen verzichten.

Statt in ein laufendes Projekt lassen sich Audio-Tracks mit Datei | Öffnen in eine weitere Instanz von Audacity laden. Alle laufenden Instanzen von Audacity teilen sich dabei den Zwischenspeicher. So kopieren Sie Teile einer Aufnahme aus einer laufenden Instanz mittels [Strg]+[C] und fügen diese dann über [Strg]+[V] in einem anderen Projekt wieder ein (Abbildung 3).

Abbildung 3: Bei der Arbeit mit mehreren geöffneten Instanzen hilft es ungemein, dass sich die Oberfläche von Audacity trotz ihrer vielen Funktionen sehr klein einstellen lässt.

Abgeschlossene Projekte exportieren Sie von Audacity aus mit Datei | Ton exportieren**.... Gleich darunter finden Sie noch eine Reihe weiterer Exportfunktionen für eine Auswahl oder die Ausgabe in mehreren Dateien. Der in dieser Reihe angebotene Midi-Export zählt allerdings allenfalls als allererster Schritt in Richtung Midi-Unterstützung: Nach wie vor kann Audacity nichts wirklich Praktisches mit Midi anfangen. Dafür bietet aber der Audio-Export bemerkenswerte Möglichkeiten.

Im Exportwerkzeug lässt sich rechts unten das gewünschte Format auswählen. Als Voreinstellung nutzt Audacity WAV PCM bei 16 Bit mit der im Projekt verwendeten Sample-Rate. Eine Konversion der Sample-Rate bietet Audacity beim Export nicht an. Arbeiten Sie also an einem Video-Soundtrack, dann sollten Sie darauf achten, dass das Projekt mit 48 kHz läuft. Für CD-Audio wären 44,1 kHz Standard.

Wählen Sie hier Andere unkomprimierte Dateien, dann bietet Audacity nach einem Klick auf Optionen eine sehr lange Liste mit diversen Nischenformaten an (Abbildung 4). Einige davon sind für angehende Tonmeister Grund genug, Audacity zu installieren: So bietet die Anwendung stolzen Besitzern eines Akai-Samplers die Möglichkeit, selbst gemachte Drumsounds ins MPC-Format zu exportieren. Auch authentische 8-Bit-Sounds oder 64-Bit-Floats gelingen auf diese Weise.

Abbildung 4: Viele der von Audacity unterstützten Audio-Ausgaben erlauben die Konfiguration der Bittiefe und weiterer Header-Parameter.

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