AA_123rf-19931666_kostins-123RF.jpg

© kostins, 123RF

Die freie Cloudspeicher-Software Pydio im Test

Grob skizziert

Daten über mehrere Rechner hinweg abgleichen, Ordner für Kollegen oder Freunde freigeben: Für diese Aufgaben stehen Cloudspeicher-Lösungen wie Owncloud oder proprietäre Dienste wie Dropbox bereit. Mit Pydio versucht sich eine freie Software in diesem Gebiet zu etablieren.

Aus Raider wird Twix, sonst ändert sich nix – dieser Claim galt nicht nur für den bekannten Schokoriegel, sondern auch für eine Reihe von Softwareprodukten, die in den letzten Jahren eine Umbenennung erfuhren. Anwender des Firefox-Browsers mussten sich zum Beispiel gleich zwei Mal umgewöhnen: Ursprünglich als Phoenix gestartet, musste Mozilla aufgrund einer Klage des US-amerikanischen BIOS-Herstellers Phoenix Technologies nochmals einen neuen Namen wählen. Doch auch Firebird kollidierte mit einem Software-Projekt, der gleichnamigen Open-Source-Datenbank. Am Ende fanden die Verantwortlichen mit Firefox endlich einen Namen, der bis heute blieb. An der Software änderte sich bis auf die gewöhnliche Evolution von Version zu Version dabei jedoch nichts.

Auch Pydio [1] ging aus einem älteren Projekt hervor, allerdings haben der Ajaxplorer von damals und das aktuelle Pydio nur noch wenig gemein. Was früher einmal ein webbasierter Dateimanager für Inhalte auf dem Webserver war, richtet sich heute an Nutzer, die eine freie Alternative zu proprietären Online-Speichern wie Dropbox, Box oder Google Drive suchen. Pydio bietet die üblichen Funktionen für diese Aufgabe, wie die Möglichkeit, Daten über mehrere Rechner hinweg zu synchronisieren und mittels Apps von mobilen Geräten aus auf diese zuzugreifen, sowie Dateien für andere freizugeben. Die Software bringt dazu neben der in PHP geschriebenen Serverkomponente Desktop-Clients für Linux, Mac OS X und Windows sowie Apps für Android und iOS mit.

Installation

Für Pydio benötigen Sie einen Webserver mitsamt Datenbank. Die Software unterstützt neben MySQL auch PostgreSQL und SQLite. Zu Demo-Zwecken lässt sich Pydio ohne Datenbank betreiben, im produktiven Einsatz raten die Entwickler von dieser Möglichkeit jedoch ab. Zur Installation stellt Pydio distributionsunabhängige Tarballs sowie Pakete im DEB- und RPM-Format mitsamt entsprechenden Paketquellen zur Verfügung. Im Rahmen des Tests kam eine Server-Installation von Ubuntu 14.04 LTS zum Einsatz. Dementsprechend schildert der Beitrag die Installation auf Debian-Distributionen wie Ubuntu sowie speziellen Debian-Abkömmlingen wie etwa Raspbian. Hinweise zu anderen Distributionen liefert das Projekt auf den Download-Seiten [2].

Webserver

Pydio kommt mit einer ganzen Reihe von Webservern zurecht. Ob Sie als Unterbau Apache, Lighty (offiziell Lighttpd) oder andere Alternativen wie Nginx verwenden, bleibt Ihnen überlassen. Einsteiger kommen in der Regel mit dem sehr gut dokumentierten Apache in Kombination mit MySQL zurecht. Die dafür nötigen Pakete installieren Sie auf einem Debian- oder Ubuntu-System mit dem Aufruf aus Listing 1.

Listing 1

$ sudo apt-get install apache2 php5 mysql-server libapache2-mod-php5 php5-mysql

Pydio kommerziell

Neben der freien Community-Edition bietet Pydio kostenpflichtige Spielarten seiner Software an [13]. Letztere richten sich an Unternehmen oder Organisationen, die Cloud-Speicher zum Selbsthosten suchen und auf Support und individuelle Anpassungen nicht verzichten möchten. Der Preis für Pydio Pro beginnt bei 675 Euro/Jahr und beinhaltet bei diesem Tarif den Zugang von bis zu 50 Anwendern. Das mag auf den ersten Blick teuer klingen, doch Dropbox für Unternehmen würde bei diesem Umfang mit über 6000 Euro/Jahr zu Buche schlagen [14]. Das Angebot von Pydio beinhaltet jedoch nur den Support und Anpassungen, für den Server müssen Interessenten selbst sorgen.

Zur Installation öffnen Sie die Datei /etc/apt/sources.list in einem mit Root-Rechten gestarteten Editor (etwa über sudo nano /etc/apt/sources.list) und fügen am Ende die zwei Zeilen aus Listing 2 ein. Experimentierfreudige Anwender tauschen das stable gegen testing aus und installieren auf diesem Weg die immer aktuelle Entwicklerversion des Programms. Für ein Produktivsystem sollten Sie auf jeden Fall die offiziell veröffentlichte Ausgabe wählen, andernfalls drohen bei einem Update Fehler oder gar Datenverluste. Nach dem Einfügen der Paketquelle installieren Sie den Schlüssel der Entwickler, lesen die Paketdatenbank neu ein und spielen Pydio auf das System (Listing 3).

Listing 2

deb http://dl.ajaxplorer.info/repos/apt stable main
deb-src http://dl.ajaxplorer.info/repos/apt stable main

Listing 3

$ wget -O - http://dl.ajaxplorer.info/repos/charles@ajaxplorer.info.gpg.key | sudo apt-key add -
$ sudo apt-get update
$ sudo apt-get install pydio

Anschließend kopieren Sie die Beispielkonfiguration ins entsprechende Verzeichnis, aktivieren den virtuellen Host mitsamt der Rewrite-Engine zum Umschreiben von kryptisch lautenden URLs in sprechende Adressen und starten den Webserver am Ende einmal neu (Listing 4). Der Erfolg der Installation zeigt sich, wenn Sie http://localhost/pydio oder die entsprechende IP-Adresse des Webservers http://<I>IP-Adresse<I>/pydio in einem Browser aufrufen und sich der Installationsassistent der Webanwendung öffnet.

Listing 4

$ sudo cp /usr/share/doc/pydio/apache2.sample.conf /etc/apache2/sites-available/pydio.conf
$ sudo a2ensite pydio
$ sudo a2enmod rewrite
$ sudo php5enmod mcrypt
$ sudo service apache2 restart

Dieser prüft das Vorhandensein der benötigten Systemkomponenten ab (Abbildung 1) und hilft anschließend beim Konfigurieren des Programms. Der Assistent richtet einen Administratorzugang ein, fragt globale Einstellungen wie Pfade, Encodings oder die Sprache ab und nimmt die Zugangsdaten zur Datenbank entgegen (Configurations storage). Achten Sie darauf, den Datenbankzugang über die Schaltfläche unter den Eingabefeldern zu testen: So ersparen Sie sich bei einem Fehler die Mühe, alle Daten nochmal eingeben zu müssen. Entgegen der gängigen Praxis anderer Webanwendungen legt Pydio die Datenbank bei Bedarf nicht selbstständig an. Das müssen Sie mithilfe von Datenbanktools wie PhpMyAdmin oder von Hand über die MySQL-Konsole erledigen (Listing 5).

Abbildung 1: Der Einrichtungssassistent hilft Ihnen durch Installation von Pydio auf Ihrem Server.

Listing 5

### Der MySQL-Befehl legt eine Datenbank mit
### dem Namen "pydio" an, diesen müssen Sie im
### Installationsassistenten wieder angeben.
$ mysql -u root -p
mysql> CREATE DATABASE pydio;
Query OK, 1 row affected (0.03 sec)

Nach Eingabe aller Daten richtet der Installationsassistent alle nötigen Konfigurationen ein und bereitet die Datenbank vor. Aufgrund fehlender Rechte darf der Assistent auf einem Debian-System die bei der Installation dynamisch erzeugte .htaccess-Datei des Programms nicht automatisch in das Dateisystem schreiben. Sie müssten daher die Datei /usr/share/pydio/.htaccess von Hand bearbeiten (etwa über sudo nano /usr/share/pydio/.htaccess) und den im letzten Schritt des Assistenten angezeigten Inhalt der Datei von Hand übertragen. Anschließend laden Sie den Inhalt des Browserfensters neu, das daraufhin die Pydio-Webseite zeigen sollte. Melden Sie sich dort nun mit den Daten des Pydio-Administrators oder den im Rahmen des Assistenten angelegten ersten Benutzers an.

Einstellungen

Auf dem Hauptbildschirm sehen Sie mit Meine Dateien und Öffentliche Dateien zwei von Haus aus angelegte Arbeitsumgebungen (Abbildung 2). Auch wenn der Name Öffentliche Dateien den Eindruck erweckt, Pydio würde die dort abgelegten Daten öffentlich freigeben, doch ohne zusätzliche Einstellungen bleiben die dort abgelegten Dateien erst einmal privat.

Die Arbeitsumgebungen stellen im Endeffekt übergeordnete Ordner dar, denen sich unterschiedliche Freigaberichtlinien zuordnen lassen. In den Einstellungen bietet Pydio die Möglichkeit, weitere Arbeitsumgebungen anzulegen. Deren Daten müssen nicht zwangsläufig auf dem Server liegen – Pydio unterstützt hier Netzwerkprotokolle wie Samba, FTP über SSH oder auch Amazons S3-Webservice.

Abbildung 2: Mit Arbeitsumgebungen lassen sich in Pydio Bereiche mit unterschiedlichen Zugangsberechtigungen und Speicherorten definieren.

Die wichtigsten Einstellungen erreichen Sie über das Menü rechts oben im Fenster. Unter Mein Dashboard tragen Sie Ihren vollständigen Namen ein oder weisen dem Account ein Profilbild zu. Als Benutzer mit administrativen Rechten finden Sie an dieser Stelle auch die Einstellungen. Dort erzeugen Sie im Abschnitt Arbeitsumgebungen**& Benutzer weitere Arbeitsumgebungen oder legen zusätzliche Accounts und Gruppen mit den entsprechenden Zugriffsregeln an (Abbildung 3). Im produktiven Betrieb sollten Sie unter Einstellungen | Grundeinstellungen | Uploader-Einstellungen | Limitierungen die maximale Dateigrösse einer hochzuladenden Datei erhöhen. Dazu müssen Sie eventuell noch die entsprechende Konfiguration in der Datei /etc/php5/apache2/php.ini des Servers anpassen (Listing 6).

Abbildung 3: Die Einstellungen bieten zahlreiche Optionen, um die Software an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.

Listing 6

[...]
; Maximum allowed size for uploaded files.
; http://php.net/upload-max-filesize
upload_max_filesize = 10M
[...]

TIPP

Ändern Sie Zugriffsrechte und erlauben zum Beispiel einem Anwender den Zugriff auf eine neue Arbeitsumgebung, dann wirken sich diese Anpassungen erst bei einer erneuten Anmeldung des Nutzers aus. Zur Sicherheit sollten sich Anwender daher nach einer Änderung der Rechte aus- und wieder einloggen.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 8 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Exotisch
    Cloud-Lösungen für kleine Netze basieren meist auf Owncloud oder – seltener – Seafile. Mit Pydio versucht ein drittes Open-Source-Produkt hier Fuß zu fassen.
  • Pydio 7 vereinfacht gemeinsames Arbeiten an Dokumenten
    Mit Pydio 7 spendieren die Entwickler der Filesharing-Software neue Funktionen für die Zusammenarbeit, den Austausch von Dokumenten einschließlich Arbeitsbereichen sowie das gemeinschaftliche Bearbeiten. Außerdem haben sie an der Performance-Schraube gedreht.
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 11/2017: Server für Daheim

Digitale Ausgabe: Preis € 8,50
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxUser erscheint monatlich und kostet 5,95 Euro (mit DVD 8,50 Euro). Weitere Infos zum Heft finden Sie auf der Homepage.

Das Jahresabo kostet ab 86,70 Euro. Details dazu finden Sie im Computec-Shop. Im Probeabo erhalten Sie zudem drei Ausgaben zum reduzierten Preis.

Bei Google Play finden Sie digitale Ausgaben für Tablet & Smartphone.

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!

Stellenmarkt

Aktuelle Fragen

Lieber Linux oder Windows- Betriebssystem?
Sina Kaul, 13.10.2017 16:17, 3 Antworten
Hallo, bis jetzt hatte ich immer nur mit
IT-Kurse
Alice Trader, 26.09.2017 11:35, 2 Antworten
Hallo liebe Community, ich brauche Hilfe und bin sehr verzweifelt. Ih bin noch sehr neu in eure...
Backup mit KUP unter Suse 42.3
Horst Schwarz, 24.09.2017 13:16, 3 Antworten
Ich möchte auch wieder unter Suse 42.3 mit Kup meine Backup durchführen. Eine Installationsmöglic...
kein foto, etc. upload möglich, wo liegt mein fehler?
kerstin brums, 17.09.2017 22:08, 5 Antworten
moin, zum erstellen einer einfachen wordpress website kann ich keine fotos uploaden. vom rechne...
Arch Linux Netzwerkkonfigurationen
Franziska Schley, 15.09.2017 18:04, 0 Antworten
Moin liebe Linux community, ich habe momentan Probleme mit der Einstellung des Lan/Wlan in Arc...