Editorial

Let it roll!

Ungeachtet anderslautender Gerüchte erleichtern Rolling-Release-Distributionen das Anwenderleben deutlich, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

zum Abschluss meines letzten Editorials hatte ich kurz angemerkt, dass sich meine persönliche Distributionswelt schon vor geraumer Weile durch einen Wechsel zu einem Rolling-Release-Debian mit einem schnörkellosen Tiling-Window-Manager beruhigt habe. Etwas überrascht stellte ich nach dem Erscheinen des Hefts fest, dass die Frage nach einem verlässlichen, pflegeleichten System offenbar immer noch viele Anwender beschäftigt. Eine ganze Reihe von Lesern fragte höchst interessiert nach, welche Kombination ich denn da benutzen würde. Um mich zu outen: Dabei handelt es sich um Siduction mit i3 als Fenstermanager – beides verwende ich seit Mitte 2013 mit großer Zufriedenheit.

Dass das Thema der Distributionswahl immer noch viele Anwender beschäftigt, lässt sich aber nicht nur an der Anzahl der Zuschriften auf mein Editorial nachverfolgen: Gerade eben, bevor ich diese Zeilen zu tippen begann, gab es in der Redaktion eine längere Diskussion zum selben Thema, ausgelöst durch einen Kollegen, der seine heimischen Systeme aktualisieren möchte, auf denen eine ältere Ubuntu-Version läuft. Er bat um Erfahrungswerte zu diesem Thema: Lohne da ein Dist-Upgrade, und wie glatt liefe so etwas ab? Könne man sich durch den Wechsel zu einer Rolling-Release-Distribution tatsächlich die lästigen zyklischen Upgrades ersparen, ohne sich Ärger durch amoklaufende Upstream-Software einzuhandeln?

Um es vorauszuschicken: Ein System-Upgrade bei einer zyklisch veröffentlichten Distribution klappt bei allen gängigen Vertretern der Gattung in aller Regel tadellos. Falls Sie also OpenSuse, Ubuntu, Fedora, Debian oder einen Ihrer Ableger verwenden, können Sie sich in den meisten Fällen eine komplette Neuinstallation bei Versionswechseln schenken. Probieren Sie es unbedingt einmal die Systemaktualisierung aus: Sie werden überrascht sein, wie gut das klappt. Der kleine Haken an der Sache: Das gilt nur, falls Sie bei der Anwendungsauswahl nicht allzu sehr am Paketmanagement vorbei agiert haben. Mit PPAs oder Selbstkompiliertem vollgestopfte Systeme können beim Upgrade tatsächlich Ärger bereiten oder erfordern zumindest mehr oder minder umfangreiche manuelle Nacharbeit.

Hier liegt der Charme von Rolling-Release-Distributionen: Nicht nur, dass diese den Paketbestand laufend statt zyklisch aktualisieren, sie verfügen dadurch auch über einen wesentlich aktuelleren Paketbestand als die nur in Intervallen erneuerten System. Dadurch ergibt sich nur in den seltensten Fällen überhaupt die Notwendigkeit, außerhalb der offiziellen Paketquellen zu fischen. Als Nachteil dieser Variante kommt häufig zur Sprache, dass unausgereifte Pakete aus dem Upstream die Funktion des Systems beeinträchtigen könnten. Das ist zwar prinzipiell korrekt, hängt aber in der Praxis schlicht davon ab, wie gut die Maintainer der jeweiligen Distribution arbeiten. Bei einem Versuch mit Linux Mint Debian Edition etwa traten bei mir schon nach wenigen Wochen gravierende Probleme auf; mit Siduction habe ich in zwei Jahren noch nicht die geringste Schwierigkeit gehabt. Ähnliches berichtet ein Kollege, der auf das ebenfalls "rollende" Arch Linux schwört.

Weder er noch noch ich würden freiwillig wieder auf eine zyklisch veröffentlichte Distribution zurückwechseln. Der Rest ist Geschmackssache: Ich genieße bei Siduction die Auswahl der über 35 000 Debian-Pakete, die stets in den allerneuesten Versionen zur Verfügung stehen, und fröne dem seit langem vertrauten und bewährten Debian-Paketmanagement. Der auf Arch eingeschossene Kollege dagegen begeistert sich vor allem am Arch User Repository AUR, in dem oft schon Stunden nach deren Auftauchen selbst schrägste Software zur Installation bereitsteht. Das macht einerseits das Ausprobieren zum Kinderspiel und erleichtert zudem durch die Integration in die Paketverwaltung, doch noch nicht so ausgereifte Programme problemlos wieder loszuwerden.

Einen guten Grund für nur zyklisch aktualisierte, möglichst langzeitunterstützte Distributionen gibt es aber doch: Dort bewegt sich zumindest optisch deutlich weniger als bei den Rolling-Release-Kandidaten, was für einen wesentlich höheren PAF sorgt. Nicht jedes Lebensabschnitts- oder Ehegespons goutiert, wenn sich in Oberfläche oder Kernanwendungen ständig Optik und Funktionen ändern.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

PAF: Partner-Akzeptanz-Faktor, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Woman_acceptance_factor.

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