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Neues in Ardour 4

Hast Du Töne?

Die Neuerungen in der Digital Audio Workstation Ardour 4 stechen zwar nicht auf den ersten Blick ins Auge, erweisen sich dafür aber beim zweiten Hinsehen als äußerst durchdacht und nützlich.

Als wir Anfang des Jahres die vielen kleinen Fortschritte in Ardour 3 beschrieben haben, war noch nicht abzusehen, dass Paul Davis schon einen Monat nach Redaktionsschluss die brandneue Generation 4 seines Programms (Abbildung 1) veröffentlichen würde [1].

Wenn Sie Ardour 4 das erste Mal starten, bemerken Sie wahrscheinlich nicht sofort wesentliche Unterschiede zur Vorgängerversion: Das Layout und die Bedienelemente präsentieren sich fast völlig identisch zur Vorgängerversion. Lediglich unter den Mauswerkzeugen links oben gibt es kleine Veränderungen, die bekannten Mauswerkzeuge funktionieren aber weiter wie gewohnt.

Beim Laden eines Projekts aus einer Vorgängerversion macht sich das neue Release erstmals bemerkbar: Es konvertiert ältere Projekte und legt für eine eventuell vorhandene Ardour-3-Version automatisch ein Backup an. Gleichzeitig bemerkt man erstmals die neue Qualität von Ardour 4: Das Programm reagiert spürbar schneller, laut Release-Notes nimmt es bis zu 80 Prozent weniger Arbeitsspeicher in Beschlag. Dazu hat das Team um Paul Davis nicht etwa Funktionen reduziert, sondern den Code der Oberfläche radikal optimiert [2].

Relativ schnell fällt auch die wesentlich verbesserte Schriftdarstellung ins Auge. Auch sehr klein eingestellte Beschriftungen rendert Ardour 4 dank Cairo gestochen scharf. Zusammen mit den ebenfalls neuen SVG-Icons entsteht so ein frisches, neues Bild der Oberfläche. Besonders deutlich sticht der Unterschied ins Auge, wenn man nach einigen Stunden im neuen Programm noch einmal die Vorgängerversion startet: Man fragt sich dann unwillkürlich, wie man die "angefressenen" Icons und verschwommenen Schriften von Ardour 3 so lange ertragen konnte.

Eine wesentliche Verbesserung versteckt sich hinter einem lange bekannten Schalter der Plugin-Fenster von Ardour. Oben in der Mitte findet sich dort die Auswahl für gespeicherte Voreinstellungen. Nun zeigt sie nicht mehr nur die in Ardour selbst erzeugten Presets, sondern auch Voreinstellungen, die das Plugin selbst mitliefert. Hinzu kommen Presets, die man selbst in einer Standalone-Version oder einem anderen Plugin-Host gebaut hat. Damit lassen sich erstmals auch aus dem Netz heruntergeladene Presets wie die von CALF Monosynth (Abbildung 1) leicht in Ardour benutzen, indem Sie diese einfach in das Konfigurationsverzeichnis des Plugins kopieren.

Abbildung 1: Die zum komplexen Plugin CALF Monosynth mitgelieferten Preset-Sounds erleichtern die Benutzung und sind jetzt auch in Ardour verfügbar.

Ein weiteres altbekanntes Element mit einer neuen Funktion stellt der leere Raum unter den Spuren im Hauptfenster dar. Er fungiert jetzt als Dropzone: Audio- und MIDI-Dateien, die Sie aus einem Dateibrowser auf diesen Bereich fallen lassen, erzeugen automatisch eine neue Spur mit passender Konfiguration (Abbildung 2). Dabei importiert Ardour 4 neben MIDI und unkomprimierten WAV-Dateien auch OGG-Vorbis, Flac und prinzipiell auch MP3, was allerdings in der im Test benutzten Ardour-Installation aus dem Paket von Ardour.org nicht aktiviert war.

Abbildung 2: Aus Dateimanagern wie Dolphin auf die Dropzone unter den Spuren gezogene Audio-Dateien importiert Ardour 4 automatisch. Unter Projekt | Aufräumen findet sich ein Schalter, der diese Dateien ins Projektverzeichnis kopiert.

Tastenkombinationen lassen sich in Ardour dank GTK direkt in Menüpunkte eingeben. Ardour 4 liefert außer dieser schnellen, aber nicht sehr strukturierten Methode im Hauptmenü unter Fenster | Tastaturkürzel ein ordentliches Listenwerkzeug zum Einstellen der mehreren Hundert Tastaturaktionen. Die Liste enthält auch Aktionen, die Sie mit der direkten GTK-Methode nicht einstellen können. Der Preis für diesen Fortschritt: Ardour 4 setzt beim ersten Start die mit der Vorgängerversion eingestellten Kürzel-Einstellungen zurück.

Download und Installation

Gebrauchsfertige Installationspakete von Ardour 4 für alle gängigen Distributionen gibt es bei Ardour.org gegen eine Spende in selbst gewählter Höhe ab 1 US-Dollar. Registrieren Sie sich auf der Seite, können Sie ein Spendenabonnement einrichten – eine vom Projekt für Beiträge ab 4 US-Dollar monatlich empfohlene Vorgehensweise, die allerdings ein PayPal-Konto mit registrierter Kreditkarte erfordert. Auch ohne Kreditkarte können Sie das Paket via PayPal für 45 Dollar kaufen und bekommen damit genau wie ein Abonnent alle Updates von Ardour 4 und zusätzlich das erste Release der künftigen Folgeversion Ardour 5. Die Pakete installieren sich nach /opt/ und verlangen kein installiertes Jack mehr, da Ardour 4 auch direkt mit Alsa funktioniert.

Da es sich bei Ardour nach wie vor um freie Software unter der GPL handelt, können Sie den aktuellen Quellcode vom GIT-Server des Projekts frei und anonym herunterladen. Zudem lässt sich Ardour 4 auch über das Paketmanagement installieren. Für Ubuntu benötigen Sie dazu die KXStudio-Erweiterung [3]; Fedora, OpenSuse und Kollegen bieten ähnliche Spezialrepos an, in denen Ardour 4 bereits wenige Tage nach dem offiziellen Release verfügbar war.

Unter der Haube

Einige Neuerungen fallen nicht sofort ins Auge, da sie schon beim Start im Hintergrund alte Probleme drastisch reduzieren. So konnte es mit Ardour 3 noch leicht geschehen, dass ein problematisches Plugin den Start abbrechen ließ. Der Scan nach Plugins erfolgt in Ardour 4 in einem eigenständigen Prozess. Würgt ein fehlerhaftes Modul den Scan ab, läuft Ardour 4 einfach weiter und trägt das schadhafte Plugin in eine schwarze Liste ein. Neue Scans überspringen dann von vornherein den Übeltäter und lesen nur die anderen Plugins ein.

Möchten Sie dem in Ungnade gefallenen Plugin nach einem Update eine neue Chance geben, löschen Sie im Hauptmenü unter Bearbeiten | Globale Einstellungen | Plugins die Blacklist und starten einen neuen Scan (Abbildung 3). In diesem Einstellungsfenster lassen sich auch beliebige Pfade für die Suche nach Plugins festlegen. Finden Sie die Liste im Plugin-Manager zu lang, stellen Sie sich einfach im Home-Verzeichnis einen eigenen Ordner für die Plugin-Auswahl zusammen. Verwenden Sie dabei Symlinks auf unter /usr/ installierte Plugins, erhalten Sie auch bei dieser Methode alle Updates der Module der individuellen Auswahl. Nebenbei stellt das auch eine einfache Methode dar, selbst aus den Quellen gebaute oder direkt von Webseiten heruntergeladene Plugin-Software in Ardour einzubinden.

Abbildung 3: Die Suche nach Plugins lässt sich in Ardour 4 gezielt steuern. Aktivieren Sie die Anzeige des Scan-Fortschritts, können Sie auch den entsprechenden Scan beim Projektstart mitverfolgen.

Die größte Neuerung in Ardour 4 bemerken Sie nur dann, wenn beim Start der Audio-Server Jack nicht läuft. Den Dialog, mit dem man in dieser Situation Jack starten konnte, erweitert Ardour 4 um eine Auswahl des gewünschten Audio-Systems. Ardour 4 kooperiert unter Linux jetzt auch direkt mit Alsa; unter Mac OS X und Windows dürfen Sie hier auch deren native Sound-Systeme auswählen.

Jack funktioniert unter Linux sehr gut und bietet einige Funktionen, die Alsa nicht liefert. Unter Mac OS X und Windows war Jack aber mehr oder weniger experimentell und verursachte mehr Probleme als Vorteile. Indem Ardour 4 nun die jeweils nativen Soundsysteme seiner drei Plattformen direkt unterstützt, gehören diese Probleme der Vergangenheit an. Deshalb soll Ardour 4 als erste Generation der Anwendung ganz offiziell auch für Windows angeboten werden.

Von der weiteren Verbreitung von Ardour profitieren durchaus auch Linux-Anwender: Zum einen können Sie in Ardour aufgenommene Projekte so leichter mit Windows-Musikerkollegen austauschen; zum anderen lassen sich – von einigen plattformspezifischen Plugins abgesehen – dieselben Projekte auf allen Plattformen gleich bearbeiten. Die Unabhängigkeit von Jack beeinträchtigt also in keiner Weise die auf den Prinzipien von Jack aufbauenden einzigartigen Möglichkeiten zur Signalverschaltung in Ardour. Zudem zeichnet sich jetzt bereits ab, dass der Schritt in die Windows-Welt die Finanzierung des Projekts spürbar voranbringen kann.

Neues Gerät

Neben den neuen Einstellungsmöglichkeiten bietet Ardour 4 auch einige neue Fähigkeiten für die aktuelle Arbeit an der Musik. Der Schleifenmodus beispielsweise lässt sich jetzt als genereller Transportmodus einstellen; solange der Loop-Schalter im Transport-Panel links oben aktiv bleibt, startet die Leertaste den Loop statt den normalen Transport. Das Transport-Panel bietet außerdem einen weiteren Schalter, der aktive Bereichsauswahlen abspielt.

Neben diversen Verbesserungen beim Bearbeiten von MIDI-Noten bringt Ardour 4 auch ein ganz neues Werkzeug zur Manipulation von einzelnen oder Gruppen von MIDI-Noten mit. Sobald Sie einige Noten mit dem neuen Bearbeiten-Mauswerkzeug ganz rechts in der Werkzeugleiste links oben markieren, zeigt ein Rechtsklick auf diese Auswahl ein Menü, das den Punkt Transformieren enthält (Abbildung 4). Mit diesem Werkzeug lassen sich die markierten Noten zum Beispiel mit einer kontinuierlich steigenden oder abfallenden Anschlagstärke oder Tonhöhe versehen.

Abbildung 4: Das Plus-Symbol im Transformieren-Werkzeug erlaubt zusätzlich zur gewählten Aktion eine Reihe eher kryptischer zusätzlicher Bedingungen auf arithmetischer Basis. Die meisten Nutzer dürften wohl eher ein einfaches Crescendo bevorzugen.

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